Johann Wadephul steht in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba und fühlt sich bestätigt, was den Lauf der Welt angeht. Jedenfalls wenn es um das etwa 9000 Kilometer entfernte Grönland geht. Als er nach der überraschenden Annäherung von Donald Trump an die Position der Nato-Europäer gefragt wird, sagt Wadephul: „Die Lösung, die jetzt für die Grönlandfrage gefunden ist, ist exakt diejenige, für die die Bundesregierung von Beginn an eingetreten ist.“

Der amerikanische Präsident habe zu Recht auf Sicherheitsaspekte im arktischen Norden hingewiesen, wo sich die Allianz Russland und China gegenübersehe. Die Bundesregierung habe von Anfang an dafür plädiert, im Nato-Rahmen eine gemeinsame sicherheitspolitische Lösung zu finden.

„Genau auf diesem Weg sind meine Gespräche auch in der vergangenen Woche in Washington verlaufen. Und insofern fühle ich mich daran bestätigt, dass es immer wieder möglich ist, auch auf gemeinsame Herausforderungen im Bündnis gemeinsame partnerschaftliche Anforderungen zu finden.“

Wadephul sieht sich vielleicht auch persönlich bestätigt, weil er als besonders diplomatischer Chefdiplomat gilt. In Sachen Grönland war die deutsche Außenpolitik jedenfalls nie so laut wie andere in Europa. Und der Minister hat auf Fragen nach Grönland immer mit der Hoffnung auf eine Einigung geantwortet.

Wie er Gesprächsbereitschaft mit höflicher Abgrenzung verbinden kann, zeigt Wadephul ausgerechnet in Afrika. Während die ganze Welt auf die verschneiten Gipfel von Davos starrt.

Tags zuvor stand Wadephul vor dem prächtigen Kolonialbau des kenianischen Außenministers und erklärte, warum er nicht in der Schweiz ist. Kenia sei ein echtes Schwergewicht, politisch wie wirtschaftlich, weit über Ostafrika hinaus.

„Darum ist es richtig für mich und meine Delegation, hier zu sein trotz der sicherlich wichtigen Beratungen, die beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos gepflegt werden. Wir diskutieren hier nicht über eine Differenzierung unserer Wirtschafts- und Handelsbeziehungen, wir tun das praktisch.“

An diesem Tag erklärt Trump in seiner Rede in Davos, dass er Grönland nicht mit Gewalt in den Besitz der USA bringen wird. Später wird öffentlich, dass ein Rahmenabkommen zur Sicherung Grönlands in Arbeit ist. Und fast stündlich berichten Medien in aller Welt, welche Staaten Trumps Friedensrat beitreten wollen. Das Gremium hatte der Präsident ursprünglich vorgeschlagen, um Gaza zu stabilisieren.

Jetzt soll es sich aber offenbar Konflikten in aller Welt annehmen. Wadephul setzt dem einen Fokus auf den Teil der Welt entgegen, den der Forscher Parag Khanna einmal die „zweite Welt“ nannte. Es sind die wachsenden Mittelmächte vor allem in Afrika, Asien und Lateinamerika, die zwischen den großen Machtpolen navigieren und mal mehr mal weniger Bindungen eingehen.

„Kiew und Nairobi trennen fast 6000 Kilometer, doch spüren auch Kenianer die Angst Folgen des völkerrechtswidrigen russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, etwa beim Kauf von Brot oder an der Tankstelle. Darum haben wir ein gemeinsames Interesse, die regelbasierte internationale Ordnung zu verteidigen“, sagt der deutsche Außenminister.

Bei der letzten Abstimmung über eine Resolution zur Verurteilung von Russlands Kriegsführung in der UN-Generalversammlung haben sich Kenia und Äthiopien enthalten. China ist in beiden Ländern wirtschaftlich stark engagiert. Auch hier will Wadephul nachlegen.

120 deutsche Firmen sind in Kenia vertreten

Deutschland und Kenia sollten wirtschaftlich noch enger zusammenarbeiten. Rund 120 deutsche Unternehmen seien in Kenia präsent. Aber das gemeinsame Potenzial sei nicht ausgeschöpft.

„Insbesondere in den erneuerbaren Energien, Wasserstoff, Gesundheit, Maschinen und Anlagenbau sowie E-Mobilität sehe ich Möglichkeiten, ja auch Notwendigkeiten der Zusammenarbeit“, sagt Wadephul. Kenia und Äthiopien gehören immerhin zu den Top 10 der afrikanischen Volkswirtschaften, im letzten Jahr verzeichneten die Kenianer etwa 5 Prozent Wachstum, die Äthiopier 7.

Aber noch in einem anderen Punkt profitiert Deutschlands Wirtschaft von den Beziehungen zu Kenia. Seit 2024 gibt es ein Anwerbeabkommen, mit dem kenianische Facharbeiter Personallücken in der deutschen Industrie schließen helfen. Dazu gehört auch eine Qualifizierungskomponente, die jungen Kenianern eine duale Ausbildung nach deutschem Muster ermöglicht.

In Nairobi besucht Wadephul auch eine Fabrik des deutschen Verpackungsriesen Krones, wo derzeit 25 kenianische Jugendliche ausgebildet werden, zehn von ihnen in den internationalen Standorten des Unternehmens, gegebenenfalls in Deutschland.

Und später beim Empfang in der deutschen Botschaft ist auch eine Delegation des Gaststätten-Verbands Dehoga aus Bayern dabei, auch ein Herr mit Lederhose und Gamsbart am Tirolerhut, mit drei jungen Kenianern – zwei Mädchen, ein Junge. Sie sollen demnächst ihre Ausbildung im deutschen Gastgewerbe beginnen.

In Deutschland finde man ja kaum noch Auszubildende, sagt Hans Oskar, der Mann im Trachten-Outfit und Kreisvorsitzender der Dehoga Erding. Viele junge Leute wollten studieren, dabei sei die Gastronomie eine Branche mit komplexen Herausforderungen.

Weil es an Fachkräften mangele, müssten in Bayern immer mehr traditionsreiche Gasthäuser dichtmachen. Da wären die jungen Leute aus Kenia sehr willkommen. Sie seien auch sehr engagiert und lernten schnell Deutsch. „Wenn das Pilotprojekt ein Erfolg wird, dann können wir es in ganz Bayern oder auch in anderen Teilen Deutschlands ausrollen“, sagt Oskar.

„Die Welt braucht keinen neuen Friedensrat“

Auch als Wadephul das Buffet eröffnet, setzt er weiter politische Akzente. Er freue sich sehr über die zahlreichen Gäste aus den Reihen der Vereinten Nationen, hier am einzigen UN-Hauptsitz in auf der Südhalbkugel. Dann wiederholt er etwas, was er schon bei der Pressekonferenz am Morgen gesagt hat.

„Die Welt braucht keinen neuen Friedensrat. Wir haben schon einen Friedensrat, und das sind die Vereinten Nationen.“ Die Staatenorganisation müsse reformiert werden, und genau in dieser Weise habe er auch Trump verstanden. Wadephul versucht also diplomatisch zu bleiben, selbst da, wo er sich von Trump abgrenzt.

Wo die Vereinten Nationen gebraucht werden, wird auf dieser Reise ohnehin deutlich. Wadephul besucht in Kenia das Internationale Friedensunterstützungszentrum, in dem Blauhelm-Soldaten für den Kontinent ausgebildet werden – und das einst mit deutschem Geld eingerichtet wurde.

In ausreichendem Sicherheitsabstand sprengen die Spezialisten für Wadephul eine Landmine, wie sie die Terrororganisation al-Shabaab im benachbarten Somalia einsetzt. Etwas später an diesem Tag wird gemeldet, dass Al-Shabaab-Kämpfer eine kenianische Insel im Grenzfluss Juba zwischen beiden Ländern erobert haben.

Am nächsten Tag besucht Wadephul in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba das Hauptquartier der Afrikanischen Union und beklagt den „besorgniserregenden“ globalen Trend „weg von Multilateralismus und internationalen Institutionen“. Darüber habe er schon „mit den US-Partnern“ gesprochen.

Und er hebt unter anderem das Prinzip der territorialen Souveränität hervor. Das kann man auch auf die Grönland-Frage beziehen. Aber er weist auch auf die Sudan-Konferenz hin, die im April in Berlin stattfinden soll, um eine Lösung im vielschichtigen Bürgerkrieg zu suchen.

An dem Konflikt sind auch enge Partner Deutschlands im Nahen Osten indirekt beteiligt, vor allem die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten und Saudi-Arabien. Die Welt wird darauf nicht so gebannt starren wie auf das Treffen in Davos, aber dennoch wird es ein Testfall für Berlin. Mit Höflichkeit kann man vermitteln, aber wo Kriege beendet werden sollen, braucht es meist noch mehr.

Senior Editor Daniel-Dylan Böhmer berichtet für WELT über den Nahen Osten und Afghanistan.

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