EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas bezeichnet Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nach Angaben eines hochrangigen EU-Beamten intern als „Diktatorin“. Kallas „beklagt sich intern darüber, dass sie [von der Leyen] eine Diktatorin sei, aber sie könne kaum oder gar nichts dagegen ausrichten“, sagte ein namentlich nicht genannter hochrangiger gegenüber „Politico“.
Kaja Kallas steht an der Spitze des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EAD). Das Amt gilt seit jeher als schwierig, weil die Mitgliedstaaten – vor allem die großen – die Außenpolitik möglichst in eigener Hand behalten wollen.
Das Verhältnis zwischen von der Leyen und Kallas ist laut „Politico“ noch angespannter als zuvor mit ihrem Vorgänger Josep Borrell. Schon dessen Verhältnis zu von der Leyen galt als schwierig, nun sei die Lage nach Angaben mehrerer EU-Insider „noch schlechter“. Hintergrund sind Streitigkeiten über Kompetenzen und Einfluss.
So entzog die Kommission Kallas im vergangenen Jahr die Zuständigkeit für den Mittelmeerraum und schuf stattdessen eine neue Generaldirektion für Nahost, Nordafrika und den Golf (DG MENA), die direkt der Kommission unterstellt ist. Erschwerend kommt hinzu, dass Kallas aus Estland stammt und politisch weniger Gewicht hat als ihr Vorgänger aus Spanien.
Kallas wollte als Reaktion darauf Martin Selmayr, den früheren Kabinettschef von Jean-Claude Juncker, als starken Stellvertreter an die Spitze des Auswärtigen Dienstes holen – das Büro von Ursula von der Leyen verhinderte den Schritt dem Bericht nach jedoch.
Machtkampf in der EU
Die Kritik an von der Leyens Führungsstil ist nicht neu. Vor ihrem Ausscheiden als EU-Ombudsfrau im Februar 2025 hatte Emily O’Reilly schwere Vorwürfe gegen die Kommissionspräsidentin erhoben. In einem Interview mit „Politico“ kritisierte sie im Dezember 2024 eine wachsende Intransparenz und sprach von einem mafiösen Netzwerk nicht gewählter Technokraten, das die Geschicke der EU lenke.
Ähnlich heikel ist die Lage auch in der Nato. Generalsekretär Mark Rutte gilt in Brüssel als jemand, der derzeit weniger das Bündnis führt, als vor allem versucht, einen Mann – Donald Trump – davon abzuhalten, die Allianz zu beschädigen. Dabei hat der frühere niederländische Ministerpräsident als „Trump-Flüsterer“ durchaus einigen Erfolg. Kurz nachdem Trump in der vergangenen Woche in Davos seinen Anspruch auf Grönland bekräftigt hatte, traf er Rutte und kündigte überraschend an, beide hätten den Rahmen für ein künftiges Abkommen geschaffen.
Bei einem EU-Gipfel nach dem Weltwirtschaftstreffen erwähnte von der Leyen Rutte öffentlich mit keinem Wort. Stattdessen führte sie Trumps Einlenken auf die Verhandlungsstrategie der EU zurück – wobei nicht klar ist, worin genau die in den vergangenen Tagen überhaupt bestand. Erst auf Nachfrage räumte von der Leyen ein, andere „Elemente“ könnten eventuell auch eine Rolle gespielt haben.
Öffentlich sichtbar wurde der Konflikt zwischen Kallas und von der Leyen zuletzt im Herbst 2025. Damals widersprach Kallas von der Leyens Plänen zum Aufbau eines EU-eigenen Nachrichtendienstes, der Informationen der nationalen Geheimdienste bündeln soll. Offiziell begründete Kallas ihre Ablehnung mit Haushalts- und Effizienzfragen.
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