• Sachsens DGB-Chefin kritisiert die Teilzeit-Debatte als an der Lebensrealität vorbei.
  • Die DGB will gegen Veränderungen im Arbeitsrecht Widerstand leisten.
  • Der Arbeitsmarktforscher Enzo Weber sieht in der Teilzeit-Debatte auch Chancen.

"Mir geht der Puls schon hoch", sagt Daniela Kolbe, neue Chefin des DGB Sachsen. Der CDU-Wirtschaftsflügel hat Pläne, den Rechtsanspruch auf Teilzeit massiv einzuschränken. Gewerkschafterin Kolbe dazu im Gespräch mit MDR AKTUELL: "weil das gefährlich ist, was der Wirtschaftsflügel der CDU hier macht. Dieses Gequatsche und auch die Beschimpfung von Beschäftigten, wir würden alle faul sein."

Mir geht der Puls schon hoch, weil das gefährlich ist, was der Wirtschaftsflügel der CDU hier macht. Dieses Gequatsche und auch die Beschimpfung von Beschäftigten, wir würden alle faul sein.

Daniela KolbeChefin DBG Sachsen

"Keine Ahnung von Lebensrealität"

Konkret kritisiert Kolbe die Vorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, Gitta Connemann, und wirft ihr vor, keine Ahnung von der Lebensrealität vieler Menschen zu haben. "'Lifestyle-Teilzeit' – also die Frau [Gitta Connemann] hat wirklich von nichts eine Ahnung, zumindest nicht an der Stelle von Lebensrealität." Wenn man sich etwa die Pflege anschaue, gebe es gute Gründe, warum viele Beschäftigte sagten: 'Das schaffe ich nicht in Vollzeit.'

Früher war ja die CDU mal stolz auf die soziale Marktwirtschaft – einige in der CDU versuchen hier gerade, das soziale zu streichen.

Daniela KolbeChefin DBG Sachsen

Kolbe sagt, sie vertraue aber drauf, dass das Einzelstimmen in der CDU bleiben würden. "Früher war ja die CDU mal stolz auf die soziale Marktwirtschaft – einige in der CDU versuchen hier gerade, das soziale zu streichen". In Bezug auf die Teilzeit-Pläne sagte sie: "Da setze ich doch mein Vertrauen drauf, dass der Arbeitnehmerflügel und die Vernünftigen in der CDU das nicht mitmachen."

DGB kündigt Widerstand gegen Veränderungen im Arbeitsrecht an

Kolbe kritisiert, dass im Zuge der Wirtschaftskrise alles an Rechten der Beschäftigten und das Sozialsystem in Frage gestellt wird. Der DGB werde gegen Veränderungen im Arbeitsrecht und Gesundheitswesen Widerstand leisten.

Wir sehen ja gerade die Wirtschaftskrise und im Geleitzug wird eigentlich alles von Rechten von Beschäftigen in Frage gestellt und auch unser Sozialsystem in Frage gestellt.

Daniela KolbeChefin DBG Sachsen

Die Mittelstandsvereinigung der CDU will das gesetzliche Recht auf Teilzeitarbeit einschränken. "Der Rechtsanspruch auf (Brücken-)Teilzeit soll zukünftig nur bei Vorliegen einer besonderen Begründung gelten", heißt es im Antrag für den CDU-Bundesparteitag im Februar.

Arbeitsmarktforscher: Debatte über "Lifestyle-Teilzeit" ist fehlgeleitet

Der Arbeitsmarktforscher Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg hält den Begriff "Lifestyle-Teilzeit" ähnlich wie Kolbe für "fehlgeleitet". Dennoch habe er einiges in Bewegung gebracht und das sei wichtig, denn: "Deutschland verliert richtig viele Arbeitskräfte aus Alterungsgründen, weil eine große Generation ausscheidet und eine kleine nachkommt". Über 15 Jahre seien das sieben Millionen Menschen, wenn es keinen Ausgleich gebe.

Deutschland verliert richtig viele Arbeitskräfte aus Alterungsgründen, weil eine große Generation ausscheidet und eine kleine nachkommt.

Enzo Weber, Arbeitsmarktforscher

Weber zufolge müsste deshalb tatsächlich mehr gearbeitet werden – "aber an den richtigen Stellen". Aufgabe von Politik sei es nicht, "den Menschen Ansagen zu machen, wie lange sie insgesamt arbeiten sollen." Stattdessen müsse sie die Rahmenbedingungen gestalten, bessere Anreize schaffen und Unterstützung anbieten.

Das Interview in voller Länge zum Nachhören:

Staat muss Anreize für mehr Arbeitsstunden schaffen

Es sei gut, dass jetzt zum Beispiel darüber diskutiert werde, warum die berufliche Entwicklung bei Frauen, nachdem sie Kinder bekommen haben, oft abknicke und nicht mehr in Gang komme. Da lägen aus Arbeitsmarktsicht "die ganz großen Gewinne". Weber erklärt, dass die Teilzeit-Quote heutzutage nicht nur höher sei, weil heute mehr Frauen arbeiteten, die als Mütter häufig in Teilzeit gingen, sondern auch mehr Studierende und ältere Menschen als früher arbeiteten.

Es ist aus Webers Sicht aber nicht sinnvoll, das Thema Teilzeit anzugehen, "solange wir uns Dinge leisten wie zum Beispiel Minijobs, die einem sagen: Arbeite ganz wenig, dann bist du komplett steuer- und abgabenfrei." Da seien die Deutschen "echt die Letzten in Europa", die sich so etwas noch leisteten.

Statt sich auf die Teilzeitquote zu konzentrieren, schlägt Weber vor, kleine Einkommen weniger stark zu besteuern und mit einer Sozialstaatsreform dafür zu sorgen, dass man wenn man mehr arbeitet, auch mehr in der Tasche hat. Auch eine bessere Kinderbetreuung und Unterstützung bei der Pflege seien "nachweislich richtig dicke Hebel."



MDR AKTUELL (jes/pad/akq)

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