Das Thermometer zeigt am Montagabend minus neun Grad Außentemperatur, gefühlte Temperatur minus 17 Grad. Auf der Nicollet Avenue in Minneapolis spielt die Januarkälte keine Rolle. Dutzende Menschen stehen im Halbkreis um die Stelle, an der am vergangenen Samstagmorgen der Krankenpfleger Alex Pretti von Beamten der US-Grenzschutzbehörden mit zehn Schüssen aus nächster Nähe getötet wurde. Kerzen erleuchten die dunkle Nacht, jemand hat den Namen des 37-Jährigen mit Pinienzapfen in den Schnee geschrieben.
„Niemand von uns war überrascht, dass das passiert ist. Wir hatten gehofft, dass keinem von uns etwas zustößt – aber wir wussten gleichzeitig, dass die Lage eskaliert“, sagt Nerissa, die mit ihrer Freundin Courtney zur improvisierten Gedenkstätte gekommen ist. Beide sind aktiv in den Nachbarschaftsnetzwerken von Minneapolis, die seit Wochen Proteste gegen die Einwanderungsbehörde ICE und die Grenzschutzbehörde CBP organisieren, und wollen ihren Nachnamen nicht öffentlich machen.
Proteste, nach deren tragischen Verlauf Donald Trump jetzt plötzlich andere Töne anschlägt. Am Montag telefonierte der US-Präsident mit dem Gouverneur von Minnesota, Tim Walz, und dem Bürgermeister von Minneapolis, Jacob Frey. Beide Gespräche seien „sehr gut“ gewesen, teilte Trump mit. Seine Sprecherin betonte am Montag, „niemand hier im Weißen Haus – auch nicht der Präsident – will, dass Amerikaner verletzt oder getötet werden.“
Trump zieht Bovino in Minneapolis ab und schickt Homan
Ein noch deutlicheres Zeichen, dass Trump umsteuert: Er tauscht das Führungspersonal an der Spitze des vor Weihnachten angelaufenen massiven ICE-Zugriffs in der Stadt aus. Grenzschutzchef Gregory Bovino, der wegen seiner öffentlichen Auftritte im langen Mantel und Rauchbomben werfend Schlagzeilen machte, wird abgezogen.
Stattdessen schickt Trump seinen Chefberater für Grenzschutz nach Minneapolis, Tom Homan, auch als „Grenz-Zar“ betitelt. Homan arbeitet seit mehr als 40 Jahren bei US-Einwanderungsbehörden, er ist knallharter Verfechter von Trumps Migrationspolitik und setzte schon unter Barack Obama die Trennung von Kindern und Eltern in Abschiebegefängnissen durch.
Doch im Vergleich zu Bovino ist Homan moderat, auch im Ton. Vor allem ist er Trumps verlässlicher Vertrauter. Genau den braucht Trump, um die Kontrolle über die Lage zurückzugewinnen. Denn sowohl die Gewalt in Minneapolis eskaliert als auch die Rhetorik von Kabinettsmitgliedern. Heimatschutzministerin Kristi Noem nannte das Opfer vom Samstag, Alex Pretti, einen „inländischen Terroristen“. Er habe „maximalen Schaden anrichten“ wollen und versucht, „die Strafverfolgung zu behindern“. Ihre Behörde erklärte, der Krankenpfleger habe die Einsatzkräfte mit einer Pistole bedroht.
Die zahlreichen Videos von Prettis Tod, die aus allen Perspektiven das Geschehen in Sekundensequenzen nachvollziehen lassen, zeigen etwas anderes. Pretti filmte den Einsatz mit seinem Handy, dann versuchte er einer Frau aufzuhelfen, die von den Einsatzkräften rabiat zu Boden gestoßen worden war. Bis zu sechs Beamte stürzen sich auf ihn, einer entdeckt Prettis Pistole und nimmt diese an sich, ein anderer schlägt ihn mit einer Gassprayflasche auf den Kopf. Dann fallen die tödlichen Schüsse.
Auch Trump hatte sich diese Videos mutmaßlich genau angesehen. Schon am Tag nach Prettis Tod verweigerte er anders als seine Heimatschutzministerin im Interview mit dem „Wall Street Journal“ eine Antwort, ob die Beamten ordnungsgemäß gehandelt hätten. Die Untersuchungen müssten abgewartet werden, mahnte der Präsident.
Zudem hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereits prominente Republikaner öffentlich vom Geschehen in Minneapolis distanziert. US-Senatoren wie Bill Cassidy, Thom Tillis, Lisa Murkowski und Ted Cruz fordern eine transparente und unabhängige Untersuchung des Zugriffs. Das klingt anders als noch Anfang Januar, als die dreifache Mutter Nicole Renée Good in Minneapolis erschossen worden war.
Die Republikaner wissen, dass Trumps Migrationspolitik und die einhergehende Grenzsicherung als das erfolgreich eingelöste Wahlkampfversprechen wichtige Stimmen für die absehbar umkämpften Midterm-Wahlen im November sichert. Die Bilder aus Minneapolis hingegen zeugen von Chaos und Willkür.
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