Glaubt man Kremlchef Wladimir Putin, läuft in der russischen Wirtschaft alles wie geplant. Die „Stabilität“ habe man bewahren können. Die Erwerbslosigkeit sei auf dem Rekordtief, und die niedrige Prognose für das Wirtschaftswachstum – laut dem Internationalen Währungsfonds nur 0,8 Prozent – sei eine bewusste Entscheidung, um die Inflation niedrig zu halten. Der Staatshaushalt sei „ausbalanciert“, die „sozialen Verpflichtungen“ würden erfüllt. Aus Putins Sicht schafft es Russland mühelos, den Krieg zu finanzieren und seinen paternalistischen Staat am Laufen zu halten.

Dieses Wunschbild bekommt angesichts der Ausgaben für den Ukraine-Krieg in Höhe von rund 40 Prozent der Staatsausgaben starke Risse. Der Grund sind Steuerausfälle im Zusammenhang mit Sanktionen und fallenden Ölpreisen – und erwartete Exportausfälle bei Erdgas. Laut dem russischen Finanzministerium fielen die Rohstoff-Einnahmen im vergangenen Jahr um 24 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, im Dezember sogar um 57 Prozent gegenüber Dezember 2024.

Der Preis für das russische Rohöl Urals fiel unter 40 Dollar pro Barrel, während der Staatshaushalt für 2026 den Richtpreis bei 59 Dollar ansetzt. Zugleich kommen in den nächsten Jahren neue Einnahmeausfälle auf Russland zu: etwa 13 bis 15 Milliarden Euro pro Jahr. Denn die EU wird ab 2027 schrittweise ein Importverbot für russisches Gas einführen. Russland werde das kaum kompensieren können, schreiben die Experten der Denkfabrik Re:Russia. Einen Teil der Exporte, die für Europa bestimmt waren, könnte der Kreml theoretisch nach China umleiten. Bislang hat sich die Volksrepublik aber zu nichts verpflichtet.

Vize-Finanzminister Wladimir Kolytschew warnt vor einem großen Haushaltsdefizit in diesem Jahr. Im vergangenen Jahr übertrafen die Ausgaben die Einnahmen um sieben Prozent. Der Kreml muss die Ausfälle also kompensieren. Dazu greift er immer tiefer in den schrumpfenden Nationalen Wohlfahrtsfonds, der eigentlich das Rentensystem absichern soll – und zunehmend den Russen in die Tasche.

Im vergangenen Jahr verabschiedete sich Russland von der Flat Tax, die während Putins erster Amtszeit eingeführt worden war. Neuerdings gilt eine Steuerprogression mit einem Spitzensteuersatz von 22 Prozent. Die Gewerbesteuer wurde um ein Viertel angehoben. Ab Januar gilt ein neuer Umsatzsteuersatz, der alle Verbraucher betrifft: 22 Prozent, eine Erhöhung um ein Zehntel. Für den Staatshaushalt ist das nach der Steuer auf Öl- und Gasförderung die zweitwichtigste Einnahmequelle.

Die Sozialleistungen, die Kreml-Chef Putin auf dem bisherigen Niveau halten will, werden faktisch von der Inflation reduziert. Die betrug 2025 auf das Gesamtjahr gerechnet 5,69 Prozent. Der Anteil der Sozialausgaben im Staatshaushalt, der im Jahr 2021 noch bei 38 Prozent lag, soll sich laut Haushaltsplan 2026 auf 25 Prozent reduzieren. Angesichts der Inflation sinkt die Kaufkraft der Leistungen für Rentner und Bedürftige.

Die Zeit des Kriegsbooms, von dem auch viele russische Arbeitnehmer profitierten, ist längst vorbei. Der Staat zieht fiskalisch die Schrauben an. Diskutiert wird die Abschaffung vereinfachter und steuerlich vergünstigter Regelungen zur sogenannten Solo-Selbstständigkeit für Freiberufler und Kleinstunternehmer, die rund 13 Millionen Russen in Anspruch nehmen. Auch über die Abschaffung des üppigen „Mütterkapitals“ ab dem ersten Kind wird gesprochen.

Dazu kommen Pläne über neue Abgaben für die Renten- und Arbeitslosenversicherung. Diese sollen Millionen Russen leisten, die offiziell keiner Arbeit nachgehen, faktisch also zumeist schwarz arbeiten. Die rasche Umsetzung dieser Pläne ist unwahrscheinlich, schließlich stehen im Herbst die Duma-Wahlen an. Bis dahin will der Kreml die Bevölkerung gnädig stimmen. Doch ist die Scheinwahl vorbei, dürfte der Kreml einen Gang hochschalten.

Für die Staatsbürger Russlands werden die Zeiten jedenfalls nicht einfacher. Der eigentliche Schock könnte ihnen aber erst bevorstehen. Die Belastungen des Staatshaushalts durch die Rekrutierung von Vertragssoldaten sind so groß geworden, dass der Kreml verstärkt zu Zwangsmethoden zurückkehren könnte.

Die zweite große Welle der Zwangsmobilisierung ist zwar noch lange nicht sicher. Immer wieder betonen russische Spitzenpolitiker, sie sei nicht geplant. Doch angesichts des fiskalischen Drucks könnte sie zur Realität werden – und aufgrund der dann fehlenden Arbeitskräfte zu einer weiteren Belastung der Wirtschaft.

Pavel Lokshin ist Russland-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2017 über Russland, die Ukraine und den postsowjetischen Raum.

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