Was das Anzetteln von Kontroversen und Polemiken angeht, spielen US-Präsident Donald Trump und sein kolumbianischer Amtskollege Gustavo Petro durchaus in einer Liga. Geht es nach Kolumbiens Präsident, dann hat Jesus Christus in Wahrheit viel „Liebe gemacht“ und neben einer Beziehung mit Maria Magdalena auch noch polygam gelebt. Sich selbst stellte Petro das selbstbewusste Zeugnis aus, ein guter Liebhaber zu sein.

Die Katholiken und die Kirche in Kolumbien reagierten in der vergangenen Woche aufgebracht. Schließlich organisierte die Ombudsstelle für Menschenrechte gar eine Aussprache zwischen Bogotás Erzbischof Luis José Rueda und Petro. Anschließend prognostizierte der Linkspopulist, dass die „seelenlose“ US-Metropole Miami eher dem Untergang geweiht sei als das krisengeschüttelte Kuba, das Trump am Wochenende als einen „gescheiterten Staat“ bezeichnete.

Zwischen den beiden Staatschefs, die ideologisch und politisch kaum gegensätzlicher sein könnten, knirscht es derzeit gewaltig. Trump drohte Petro jüngst an, er könne nach der „spektakulären Verhaftung“ von Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro Anfang Januar „der Nächste sein“, und warf ihm vor, ein „Drogenboss“ zu sein, ohne allerdings konkrete Beweise vorzulegen.

Petro wiederum fordert, dass der von einer US-Spezialeinheit in Caracas verhaftete Machthaber Maduro nicht in den USA, sondern in Venezuela vor ein Gericht gestellt wird, und bezeichnete die von den USA durchgeführten Angriffe auf mutmaßliche Drogenboote in der Karibik als außergerichtliche Hinrichtungen.

Als er am Rande einer UN-Vollversammlung auf der Straße in New York per Megafon das US-Militär zum Ungehorsam aufrief, eskalierte die Situation; die US-Regierung entzog Petro und dessen Familie das Visum.

Die Ausgangslage ist also denkbar kompliziert für das Treffen zwischen Trump und Petro am Dienstag im Weißen Haus, bei dem sie versuchen wollen, ihre Differenzen beizulegen. Hauptthema dürfte die Kokain-Schwemme aus Kolumbien sein, die nicht nur für die USA ein Problem ist. Während die Europäer eher ohnmächtig und konzeptlos agieren, greifen die USA zu spektakulärem Aktionismus und bombardieren Drogenboote.

Das Treffen wird deshalb darüber entscheiden, ob es zu einer Kooperation oder zu einer weiteren Konfrontation zwischen den USA und dem Kokain-Produzenten Nummer eins kommt.

Petro reist mit einer verheerenden Bilanz nach Washington; in seiner Amtszeit stieg die Produktion von Kokain rasant an. „Die Anti-Drogen-Politik von Gustavo Petro stellt einen bedeutenden konzeptionellen Wandel im Vergleich zu jeder anderen vorangegangenen kolumbianischen Regierung dar, da sie eine überwiegend repressive Logik zugunsten eines sozialen Ansatzes, der Menschenrechte und alternativer Entwicklung aufgibt“, sagt Vladimir Rouwinski von der Universität ICESI aus Cali im Gespräch mit WELT.

Diese Strategie stoße allerdings bei der Umsetzung auf erhebliche Hindernisse. „Die schwache Präsenz des Staates in ländlichen Gebieten, unzureichende Ressourcen und langsame institutionelle Prozesse verhinderten, dass seine Ankündigungen zu nachhaltigen Ergebnissen führten, insbesondere im Hinblick auf die Substitution des Kokaanbaus und die Verringerung der Gewalt.“

Hinzu kommen ideologische Eigentore. Petro ist der schärfste Kritiker Israels in Lateinamerika und verzichtet auf den Einkauf qualitativ hochwertiger Militärtechnik aus Israel, was die kolumbianische Armee im Kampf gegen die hochgerüstete organisierte Kriminalität noch weiter zurückwirft.

Petros Ansatz liefert zudem keine zählbaren Ergebnisse. Die UN meldeten im Jahr 2024 mit einer Anbaufläche von 260.000 Hektar den höchsten jemals gemessenen Wert. Das darauf produzierte Kokain muss nun auf die Märkte, was wiederum zu Rekordfunden zum Beispiel in den Häfen in Antwerpen, Rotterdam oder Hamburg führt. Die Universität de los Andes beziffert den Jahresumsatz des kolumbianischen Kokaingeschäfts auf rund 15,3 Milliarden US-Dollar – die Kartelle setzen damit so viel um wie die gesamte kolumbianische Bauindustrie.

„Der Anstieg der Kokainproduktion lässt sich durch eine Kombination struktureller Faktoren erklären“, sagt Rouwinski und zählt auf: die anhaltend hohe internationale Nachfrage und die Rentabilität des Drogenhandels, das Fehlen tragfähiger wirtschaftlicher Alternativen für die Landwirte, und die zunehmende Anpassungsfähigkeit krimineller Netzwerke an die sich wandelnden Bedingungen ihres Geschäfts.

Hinzu, so Rouwinski, komme das Entstehen neuer lokaler Sicherheitslücken aufgrund von Finanzkürzungen und mangelnder Aufmerksamkeit seitens der Regierung Petro und eine Unfähigkeit des globalen Drogenkontrollsystems, die grundlegenden Ursachen des Drogenhandels in seiner derzeitigen Form anzugehen.

Guerillas und Paramilitärs eher gestärkt

Zudem scheint Petros Projekt des „totalen Friedens“ gescheitert. Sein Versuch, mit den linksextremen Guerillabanden und rechtsextremen Paramilitärs per Verhandlungen die Gewalt zu beenden, führte eher zu deren Stärkung.

Die ausgehandelten Waffenstillstände und die Tatenlosigkeit des Staates dienten ihnen vielmehr dazu, ihre territoriale Macht in den für Kokain-Anbau und -Vertrieb wichtigen Regionen auszubauen. Allein in der Unruheprovinz Catatumbo wurden wegen der Expansion der Guerilla rund 100.000 Menschen aus ihrer Heimat vertrieben.

Trump könnte mit dem Treffen am Dienstag auf Zeit spielen und darauf hoffen, dass bei den Wahlen im Mai, bei denen Petro aus verfassungsrechtlichen Gründen nicht erneut antreten darf, ein USA-freundlicherer Kandidat gewinnt. Bisher liegt mit Iván Cepeda allerdings ein linker Kandidat in allen Umfragen vorn.

Für einen anderen möglichen Ausgang könnte ein Disput zu Beginn von Trumps erster Amtszeit als Vorbild dienen, der mit einem Pyrrhussieg für Petro endete. Der hatte damals bei den von Washington gestarteten Abschiebungen die Praxis moniert, dass die abgeschobenen Kolumbianer Handschellen tragen mussten, und verweigerte den US-Maschinen die Landeerlaubnis.

Inzwischen holt die kolumbianische Armee die zur Abschiebung vorgesehenen kolumbianischen Migranten selbst aus den USA ab. Für die Kosten der inzwischen durchgeführten 20 Abschiebeflüge aus den Vereinigten Staaten kommt seitdem laut Medienberichten der kolumbianische Steuerzahler auf.

Tobias Käufer ist Lateinamerika-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2009 über die Entwicklungen in der Region.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.