Als Bagdad vergangene Woche zum Post von US-Präsident Donald Trump auf Truth Social erwachte, fegte buchstäblich ein Sturm über die irakische Hauptstadt. Ein lang ersehnter Regen setzte ein, der dem Tigris ein wenig Wasser in seinem ziemlich trockenen Bett bescherte. Erst danach wurden Inhalt und Konsequenzen dessen, was Trump schrieb, wahrgenommen. Der politische Sturm hält seitdem an.

„Ich höre, dass das großartige Land Irak eine schlechte Wahl getroffen hat, indem es Nouri al-Maliki als Premierminister einsetzen will“, tönte es aus Washington. „Wenn das geschieht“, schrieb Trump, „werden die Vereinigten Staaten von Amerika dem Irak nicht länger helfen“. Der Irak habe dann Null Chancen auf Erfolg, Wohlstand oder Freiheit.

Dabei hatte Bagdad gerade der Bitte Washingtons entsprochen, bis zu 7000 IS-Gefangene aus syrischen Gefängnissen aufzunehmen, die im Zuge der Kämpfe zwischen der islamistischen Regierung in Damaskus und den kurdischen Sicherheitskräften im Nordosten Syriens an der irakischen Grenze liegen und Gefahr laufen, aufgelöst zu werden.

Dass Trump es plötzlich auf einen künftigen irakischen Premier abgesehen hat, ist kein Zufall. Der noch amtierende Premier Mohammed Shia al-Sudani, der auf Ausgleich zwischen Washington und dem Nachbar Iran setzte, hat bei den Parlamentswahlen im November zwar die meisten Stimmen erhalten, jedoch keine regierungsfähige Mehrheit bekommen.

Ihm steht ein Bündnis jener Parteien gegenüber, die sich als Verbündete Teherans sehen und den früheren Premier und Schiiten Maliki nominiert haben. Er wird in den sozialen Medien bereits als Statthalter Teherans in Bagdad betitelt. Denn der Iran ist ein schiitisches Land und pflegt im Nahen Osten Bündnisse zu anderen Staaten und Gruppierungen derselben Konfession – einschließlich des Bündnisses hinter Maliki.

Sollte sich der US-Präsident zu einem Militärschlag gegen den Iran entscheiden, wird Teheran Verbündete im Nahen Osten mobilisieren. Viele schlagkräftige Partner haben die Mullahs nach der Dezimierung der Hamas im Gaza-Streifen und der libanesischen Terrororganisation Hisbollah sowie dem Sturz Assads und der Schwächung der Huthis im Jemen allerdings nicht mehr.

Bleibt nur der Irak, ein mehrheitlich schiitisches Land. Ein proiranischer Regierungschef wäre für also Teheran ein Glücksfall. „Es war ein Paukenschlag“, kommentieren irakische Medien unisono die Einmischung Trumps in die irakische Innenpolitik. Maliki selbst und seine Unterstützer weisen Trumps Aussagen entschieden zurück.

Solche Töne habe man seit den Tagen von George. W. Bush nicht mehr gehört, der mit seiner Irakpolitik kläglich gescheitert war und das Land in Chaos versinken ließ. Denn es war ausgerechnet Bush, ein Republikaner wie Trump, der den schiitischen Politiker Nouri Maliki 2006 einsetzte, nachdem Amerikaner und Briten den Irak 2003 besetzt hatten. Er sei der richtige „Kerl“ für den Irak, schätzte Bush den heute 75-Jährigen ein.

Sorge vor einem konfessionellen Krieg

„Als ich von der Nominierung Nouri al-Malikis für das Amt des Premierministers erfahren habe, dachte ich sofort an einen konfessionellen Krieg, den er im Irak zwischen Sunniten und Schiiten und sogar mit Syrien entfachen könnte“, sagt Mithal al-Alusi am Telefon im kurdischen Erbil. Malikis sektiererische Politik kenne keine Grenzen.

Der deutsch-Iraker Alusi lebte 23 Jahre lang in Hamburg und kam nach dem Sturz Saddam Husseins zurück in sein Heimatland. Er gründete eine liberale Partei, die sich „Umma“ (Volkspartei) nannte und erreichte zweimal ein Direktmandat für die Volksvertretung in Bagdad.

„Mit Maliki wird es Haftbefehle gegen Kritiker geben, die Presse- und Meinungsfreiheit wird eingeschränkt, die Freiheit der Kunst beschnitten und die Zivilgesellschaft behindert“, prophezeit Alusi. Dies werde dann vor allem Volksgruppen betreffen, die nicht schiitisch-islamisch seien. Etwa zwei Drittel der 42 Millionen Einwohner des Iraks sind Schiiten, etwa 20 Prozent Sunniten, der Rest Christen, Jesiden und Shabak.

Die Einschätzung Alusis ist berechtigt, denn in den zwei bisherigen Amtszeiten Malikis erlebte der Irak die dunkelste Zeit seiner neueren Geschichte. „Wenn die Sunniten nicht so wollen wie ich, dann sollen sie zum Teufel gehen“, sagte er in einem Gespräch noch vor seiner ersten Amtseinführung. Maliki war von Saddam, einem Sunniten, zum Tode verurteilt worden und floh in den Iran, einige seiner Familienmitglieder wurden vom Regime ermordet.

Rache ist seitdem sein Motiv, Gewalt zu dessen Durchsetzung sein Mittel. Den aufflammenden, blutigen Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten 2006/2007 befeuerte er aggressiv und begünstigte damit den Aufstieg von Al-Qaida und der Terrormiliz IS, die sich die Unterstützung der von Maliki bedrohten Sunniten sicherten.

Nach dem Abzug der US-Truppen aus dem Irak 2011 stand dem Iran die Tür ins Land offen. Maliki wurde umgeben von schiitisch-religiösen Hardlinern und iran-freundlichen Milizen. Als die USA zur Bekämpfung des IS und dessen Kalifat drei Jahre später zurückkamen, war der Einfluss des Irans im Irak bereits zementiert.

Heute ist der Nachbar dort einflussreicher denn je. Nach dem weitgehenden Verlust seiner Unterstützer im Libanon und in Syrien hält Teheran nun krampfhaft an seinem noch verbliebenen Proxy fest. „Jetzt ist es fünf vor zwölf“, analysiert al-Alusi deshalb die Situation. Maliki sei durch den Willen und die Unterstützung Teherans nominiert worden.

„Wenn die Spannungen zwischen Washington und Teheran durch Verhandlungen gelöst werden, wird Iran nicht weiter an Maliki festhalten, da er dann keinen strategischen Wert mehr darstellt.“ Sollte Trump allerdings einen Militärschlag gegen Irans Obersten Geistlichen Ajatollah Ali Chamenei im Iran durchführen, dann werde Malikis Loyalität auf die Probe gestellt. „Dann wird sich zeigen, ob der Irak voll ins Kriegsgeschehen eingreifen wird“, sagt al-Alusi.

Irakische Medien berichten von Milizionären sowohl der irakischen als auch der libanesischen Hisbollah, die bereits in den Iran eingereist seien, um dem Regime in Teheran zu Hilfe zu eilen und gegen die Demonstranten dort vorzugehen. Es kursieren Videos, die Scharfschützen zeigen, wie sie von Dächern auf Menschen zielen. Am Revers ihrer Uniform ist eine irakische Fahne aufgenäht.

Ob die irakischen Milizen aber tatsächlich in Scharen dem Iran zu Hilfe eilen, wie Teheran es sich erhofft, bleibt fraglich. Mithal al-Alusi zieht dies in Zweifel. Denn die Milizionäre seien nach dem Sieg über den IS zu erheblichem Reichtum gelangt, hätten Investitionen von hunderten Millionen im Irak angereichert. „Ob sie das alles aufs Spiel setzen würden und in einen vollumfänglichen Krieg für Teheran und gegen die Amerikaner ziehen, ist fraglich“, meint der Deutsch-Iraker.

Kürzlich hat das Pentagon alle noch verbliebenen US-Soldaten auf der Al Asad Militärbasis nördlich von Bagdad abgezogen und in den Norden Iraks verlegt. Offiziell heißt es, man wolle dort den IS weiter bekämpfen, der vor allem in Syrien wieder zunehmend aktiv werde.

Beobachter in Bagdad gehen aber davon aus, dass die Amerikaner die Drohungen Irans durchaus ernst nehmen. Sollten die USA den Iran angreifen, werde man überall zurückschlagen – auf US-Militärbasen, Schiffen und diplomatischen Einrichtungen, drohte Chamenei unlängst.

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