Seit Jahren steckt Deutschland in der Rezession oder schafft nur ein minimales Wachstum. Die Arbeitslosigkeit hat gerade den höchsten Stand seit zwölf Jahren erreicht und liegt nach offiziellen Angaben über der Drei-Millionen-Marke. Zugleich scheint die Sozialwirtschaft zu florieren. Die beiden größten Arbeitgeber Deutschlands sind die kirchlichen Hilfswerke Caritas und Diakonie. Beide zusammen beschäftigen rund 1,4 Millionen Menschen. Und Personalabbau steht dort nicht an.
Eher im Gegenteil. Für Zahlen verweisen beide Hilfswerke auf ihre Geschäftsberichte. Die neuesten stammen aus dem Jahr 2024. Der katholische Caritas-Dachverband weist darin 739.410 hauptamtliche Mitarbeiter aus, bei der evangelischen Diakonie sind es 627.349. Zum Vergleich: Größter privater Arbeitgeber ist die Edeka-Gruppe mit mehr als 400.000 Mitarbeitern. Nur der Staat mit seinen rund fünf Millionen Beschäftigten schlägt alle anderen Arbeitgeber, und das um Längen.
Ähnlich wie beim Staat wächst auch das Personal bei den Hilfswerken. „Wir gewinnen Jobs dazu, weil wir bestimmte Aufgaben vom Staat übertragen bekommen, aber auch von Unternehmen“, sagt Gabriele Stark-Angermeier, Mitglied im Vorstand der Caritas München und dort verantwortlich für Personal.
Ihr Verband veranstaltete am Freitag einen „Sozialspaziergang“ für Mitarbeiter, Vertreter der Münchner Stadtpolitik und Journalisten durch mehrere Caritas-Einrichtungen. Mitarbeiter schilderten teils eindringliche Fälle blanker Armut. Auf einen Fall seien sie etwa aufmerksam geworden, weil die Lehrerin eines Kindes Probleme bemerkt habe. Die Eltern hätten sich getrennt und heftige Auseinandersetzungen ausgetragen. Der Vater habe wegen einer Depressionserkrankung seinen Job verloren. Sein Vermieter habe ihm wegen Eigenbedarfs die Wohnung gekündigt. Zudem habe sich herausgestellt, dass der Vater hoch verschuldet sei.
Die Mitarbeiter referierten, wie sie die Familie betreuten, die Trennungssituation der Eltern befriedeten, dem Vater einen Platz in einem Männerwohnheim vermittelten, ihm bei der Jobsuche halfen – und die Familie bei Anträgen und Behördengängen unterstützten. Die meisten dieser Vorträge endeten mit Forderungen an die Politik: Das Geld sei knapp, es brauche mehr Ressourcen, der Staat solle mehr Geld freigeben, es brauche mehr Spenden.
Wie es um die Finanzen der Verbände steht, lässt sich aus den Geschäftsberichten teilweise ableiten. Die jüngsten verfügbaren bilanzieren das Jahr 2024. Die Diakonie weist in ihrem Bericht Einnahmen von knapp 54 Millionen Euro und Ausgaben von knapp 59 Millionen Euro aus, mithin ein Defizit vor Steuern, Beteiligungsgewinnen und weiteren Faktoren außerhalb des operativen Geschäfts von knapp fünf Millionen Euro. Nicht aufgelistet sind darin allerdings die Geschäfte von Diakonie-Unternehmen wie dem Johannesstift. Der erwirtschaftete auf Konzernebene 865 Millionen Euro Einnahmen und einen Gewinn vor Steuern und Zinsen (EBIT) von 14,7 Millionen Euro. Der Caritas-Dachverband nahm im selben Jahr knapp 230 Millionen Euro ein und verbuchte nach Steuern einen Überschuss von 754.000 Euro.
Augenfällig bei Caritas und Diakonie ist der Rückgang an Spenden. Die halbierten sich bei der Diakonie im Vergleich zum Jahr 2023 auf nur noch 85.000 Euro. Allerdings nahmen die Einnahmen aus Kollekten in evangelischen Gottesdiensten sprunghaft zu – 831.000 Euro nach nur 55.000 Euro im Vorjahr. Die Caritas verbucht insgesamt erheblich höhere Spenden, die aber ebenfalls stark rückläufig sind. Im Jahr 2024 waren es 44,7 Millionen Euro, im Jahr davor freilich noch 71 Millionen Euro.
Wie die Lage in einzelnen Hilfswerken aussieht, zeigt sich wiederum beim Blick auf die Details vor Ort. Der Münchner Caritas-Finanzvorstand Thomas Schwarz nannte die Ertragslage auch für das vergangene Jahr 2025 im Trend „zufriedenstellend“. „Wir rechnen mit einem positiven Ergebnis.“ Was die liquiden Mittel angeht, sei er sogar „sehr zufrieden“. Der größte Teil der Einnahmen komme von den Kranken- und Pflegekassen, der zweithöchste Posten komme vom Staat.
Tatsächlich muss jedenfalls der Münchner Caritasverband über ein auskömmliches Finanzpolster verfügen. Schwarz schildert, wie im September 2022 ein Angriff krimineller Hacker die gesamte IT aller Betriebe und Einrichtung in München und Oberbayern komplett lahmlegte. Für die Freigabe der Systeme forderten die Erpresser Geld. „Wir haben uns entschlossen, nicht zu zahlen.“
Stattdessen löste die Caritas das Problem auf gründliche Weise, für die freilich flüssige Mittel vonnöten waren. „Wir haben beschlossen, nicht in einen Wiederaufbau des Altsystems zu gehen, sondern in die Entwicklung von neuer digitaler Infrastruktur.“ Dem Vernehmen nach kostete das mehr als 20 Millionen Euro. Bestätigen will Schwarz diese Zahl nicht, dementieren auch nicht.
Im Nachhinein sei das eine „sehr kluge Entscheidung“ gewesen. „Wir waren eh am überlegen, wohin entwickeln wir unsere EDV und haben dann das, was wir auf vier, fünf Jahre geplant hatten, innerhalb von neun Monaten gemacht.“ Zugleich habe sein Verband auch seine Organisationsstruktur verändert – mit weniger Hierarchie und schnelleren Entscheidungswegen.
Private Wirtschaft vs. Sozialwirtschaft
Bedeutet also schwache Konjunktur in der privaten Wirtschaft gute Konjunktur der Sozialwirtschaft? Dass es da einen Zusammenhang gibt, will der Münchner Caritas-Präsident Hermann Sollfrank jedenfalls nicht ausschließen. „Der Kontext ist da, und das muss man auch ernst nehmen.“ Aber man müsse „differenzieren“. Derzeit kämen etwa die geburtenstarken Jahrgänge in das Alter, in dem sie häufiger Pflege und Betreuung benötigten. „Es ist völlig klar, dass der Bereich der pflegerischen Versorgung, wo die Caritas auch attraktiv ist, natürlich am Wachsen ist.“
Ein politisch geschaffener Geschäftsbereich der Hilfswerke scheint allerdings derzeit tatsächlich zu schrumpfen, nämlich die Migranten-Betreuung. Dass weniger Zuwanderer ins Land kommen, das sei zu spüren, sagt Finanzvorstand Schwarz. Zahlen will er dazu nicht nennen. „Da muss man sagen, dann kündigen wir zum Beispiel Mietverträge und bauen die Strukturen dann ab.“
Schwieriger sei es mit den Mitarbeitern. „Wir hatten ja häufig Hilfskräfte, die auch als Übersetzer gearbeitet haben, die auch einen Migrationshintergrund haben.“ Die Caritas versuche, diese Beschäftigten umzuschulen und in anderen Bereichen unterzubringen, etwa nach einer Ausbildung im hauseigenen Bildungswerk zur Erzieherin oder Kinderpflegerin.
Doch so einfach ist es offenbar auch für die Hilfswerke nicht mehr, das Wachstum zu halten und Mitarbeiter notfalls in andere Bereiche zu verschieben. Dass das Geld absehbar knapper wird, spüren die bundesweiten Dachverbände schon jetzt. Deren Zuschüsse hat die Bundesregierung seit Jahren nicht mehr erhöht, sondern sogar leicht reduziert. In den Jahren 2020 bis 2023 bekamen Caritas und Diakonie – nur die Dachverbände, nicht die regionalen Gliederungen – jeweils noch knapp 4,8 Millionen Euro aus dem Haushalt des Bundesfamilienministeriums. Im Jahr 2024 wurden die Zuschüsse auf je 4,5 Millionen Euro reduziert. Dabei blieb es auch 2025.
Dass vor allem die Städte und Gemeinden finanziell blank sind, merke inzwischen auch er für seine Caritas im eigentlich wohlhabenden München und Oberbayern, sagt Sollfrank. Mit den Kommunen „müssen wir zum Teil auch hart verhandeln“. Bisher funktioniere das. Die Kommunen haben meist auch gar keine Wahl. Mit ihren Einrichtungen decken die Hilfswerke meist Pflichtleistungen ab, die Bund oder Land gesetzlich vorschreiben.
Aber, so Sollfrank: „Ich will nicht verhehlen, dass die strukturelle Haushaltsproblematik der Kommunen langfristig zum Problem werden könnte.“
Christoph Lemmer berichtet für WELT als freier Mitarbeiter vor allem über die Politik und Gerichtsprozesse in Bayern.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.