Zwei Wochen nach der Tötung von Renée Good trat Minneapolis in den Generalstreik. Das hatte es in der amerikanischen Geschichte noch nie gegeben. Allerdings war es auch noch nie vorgekommen, dass maskierte Beamte eine unbescholtene Bürgerin, eine Mutter von drei Kindern, erschossen. Einen Tag lang blieb ganz Minneapolis zu Hause. Die Kinder gingen nicht in die Schule, die Erwachsenen erschienen nicht bei der Arbeit, niemand ging einkaufen. Die Kirchen waren voll. Hundert Priester, Pfarrer, Rabbiner und Imame versammelten sich am Flughafen von Minneapolis zum gemeinsamen Gebet und wurden festgenommen.

Vor und nach jenem Generalstreik waren die Straßen von Minneapolis voller Demonstranten, die Polizei setzte Tränengas und Pfefferspray ein. Die Temperaturen lagen – wie das im Bundesstaat Minnesota in dieser Jahreszeit üblich ist – weit unter Null.

Jacob Frey, der Bürgermeister von Minneapolis und Mitglied der Minnesota Democratic-Farmer-Labor Party, stellte sich auf die Seite der Demonstranten. Ebenso Tim Walz, der Gouverneur von Minnesota. Die Senatorin Amy Klobuchar, die Minnesota in Washington vertritt und Walz’ Nachfolgerin werden möchte, nahm selbst an einer der Demonstrationen teil. Walz und Klobuchar gehören der Demokratischen Partei an.

Dann geschah etwas sehr Ungewöhnliches: Chris Madel, der Kandidat der Republikanischen Partei für die Gouverneurswahl, erklärte in einem Video, dass er nicht gegen Klobuchar antreten werde. Er nannte Donald Trump zwar nicht beim Namen, distanzierte sich aber von den Republikanern in Washington. Kein Republikaner, sagte er, könne in diesem politischen Klima in Minnesota eine Wahl gewinnen.

Der Umfang und die Heftigkeit des Widerstands in Minneapolis erscheinen nur dann überraschend, wenn man die Entwicklungen der vergangenen Monate nicht verfolgt hat. Zwar gab es zum Beginn der zweiten Amtszeit von Donald Trump keine Superdemonstration in Washington, aber seit dem Frühling des Jahres 2025 gingen in hunderten Städten und Kleinstädten die Menschen immer wieder auf die Straße.

Die Proteste waren bunt und fröhlich. In Portland im Bundesstaat Oregon begründeten Demonstranten so etwas wie eine neue Mode: Tausende schlüpften in Tierkostüme, sie verkleideten sich als Tyrannosaurus rex, als Einhorn, als Frosch, um gegen die Einwanderungsbehörde ICE zu protestieren, die aus ihrer Sicht schon damals gesetzlos agierte.

Begleitet wurden die Demonstrationen von Boykotten gegen Einzelhandelsketten wie Walmart oder Target, die sich der Regierung Trumps gebeugt hatten. In manchen Städten nahm dieser Boykott fantasievolle Formen an: Leute kauften einzelne Waren – Kochlöffel, Bohrmaschinen, Suppentöpfe –, gaben sie sofort wieder zurück und blockierten so stundenlang die Kassen.

Einen vorläufigen Höhepunkt hatten die Proteste im Oktober 2025 erreicht. Da fanden in ganz Amerika Massenproteste unter dem Slogan „No Kings“ statt, an denen Amerikaner aller Altersklassen und Hautfarben teilnahmen. Es wird geschätzt, dass in jenem Monat vier Millionen Menschen in mehr als 2100 Städten demonstrierten – ein Rekord.

Bei der Kundgebung in Manhattan wurden Hunderte amerikanische Flaggen geschwenkt, eine größere Gruppe von hispanoamerikanischen Einwanderern stimmte die Nationalhymne und „America the Beautiful“ an. Eine kleine Gruppe, die eine Palästinaflagge schwenkte und etwas von „Intifada“ rief, wurde von den anderen Demonstranten weiträumig umgangen.

Eine Kapelle spielte ausgezeichneten Jazz. Auch hier viele Tierkostüme. Die Slogans waren respektlos und patriotisch. „Donald, dein einziger Thron ist aus Porzellan“, stand auf einem Schild. Auf einem anderen: „Ein Golfschläger ist kein Zepter“.

Doch es ist nicht nur die Straße, die gegen die Regierung Trump aufsteht. Sie hat auch eine Serie von Niederlagen vor amerikanischen Gerichten erlebt. Im Rahmen ihrer Kampagne gegen das Impfen wollte die Regierung die staatliche Förderung für Kinderärzte einstellen – und musste dies wieder kassieren.

Sogar im Kongress zeigt sich Widerstand

Die Regierung wollte Bundesstaaten die Finanzhilfe streichen, wenn sie sich weigerten, die Wahlgesetze im Sinne der Republikaner zu ändern – dies wurde juristisch gestoppt. Trumps Mannschaft wollte Kindern in demokratisch regierten Bundesstaaten die Sozialhilfe streichen; ungesetzlich, urteilten die Gerichte.

Sogar der Kongress, der am Anfang von Trumps zweiter Amtszeit in Totenstarre verfallen war, zeigt neuerdings wieder Lebenszeichen. Der Senat versuchte, die Macht, einen Krieg zu erklären, wieder dort zu verankern, wo sie laut Verfassung hingehört: im Kongress. Immerhin fünf Republikaner schlossen sich ihren demokratischen Amtskollegen an.

Die Regierung Trump versuchte, alle Fördermittel für wissenschaftliche Grundlagenforschung zu streichen; der Kongress hob sie mit den Stimmen der Republikaner sogar um zwei Prozent an.

Gesellschaftliche Protestbewegungen in Amerika haben oft ein religiöses Fundament, so auch die gegen Trump. Nachdem er zum zweiten Mal ins Weiße Haus eingezogen war, hielt Bischöfin Mariann Budde in der National Cathedral in Washington eine Predigt, in der sie den Präsidenten im Namen der christlichen Nächstenliebe um Erbarmen mit Einwanderern bat. Trump reagierte, indem er sie als „widerliche Linksradikale“ bezeichnete, daraufhin erhielt sie Todesdrohungen.

Doch Christen, die gegen diese Regierung sind, lassen sich nicht mehr einschüchtern. Timothy Broglio, als katholischer Erzbischof für die amerikanischen Streitkräfte zuständig, erklärte es für moralisch vertretbar, dass amerikanische Soldatinnen und Soldaten den Befehl verweigern, sollte Trump einen Angriff auf Grönland befehlen. Die Kardinäle von Washington, Newark und Chicago haben einen gemeinsamen Brief verfasst, in dem sie Trumps außenpolitisches Abenteurertum verurteilen.

Robert Hirschfeld, der Bischof der Episkopalkirche von New Hampshire, ging noch einen Schritt weiter. In einer Predigt berief er sich auf Jonathan Daniels, einen Heiligen der Episkopalkirche. Der junge Priester in Ausbildung hatte sich 1965 in Alabama vor Ruby Sales geworfen, eine schwarze Bürgerrechtlerin, die damals 17 Jahre alt war, als ein weißer Rassist mit seiner Schrotflinte auf sie schoss; Daniels war sofort tot.

Es könne sein, sagte jetzt Bischof Hirschfeld, dass Amerika in ein „neues Zeitalter des Märtyrertums“ eintrete. Christen sollten ihre Testamente schreiben und mit dem Himmel ins Reine kommen, denn es gelte, Unschuldige zu schützen – notfalls unter Einsatz des eigenen Körpers.

Als Bischof Hirschfeld das sagte, lebte Alex Pretti noch. Der 37-jährige Intensivpfleger, der sich um kranke Veteranen kümmerte (auf Sozialen Medien kursierende Behauptungen, er sei arbeitslos gewesen, sind falsch), wurde am 24. Januar von vermummten Beamten der Grenzschutzbehörde CBP und der Einwanderungsbehörde ICE mit zehn Schüssen aus nächster Nähe getötet – Beobachter sprechen von einer regelrechten Hinrichtung.

Die amtierende Regierung ist unpopulär. Nach der Wahl im November 2024 sprachen viele Kommentatoren davon, es sei Trump gelungen, die Republikaner in eine neue, multirassische Arbeiterpartei zu verwandeln. Aber seine Koalition von damals ist längst zerfallen. Latinos haben sich – unter dem Eindruck der Brutalität von ICE – massiv von ihm abgewandt.

Auch andere Trump-Unterstützer senken mittlerweile die Daumen. Die zwei Themen, die Trump erneut ins Amt trugen, waren Inflation und Immigration. Das eine Thema hat er nicht in den Griff bekommen (die Lebensmittelpreise sind seinem Amtsantritt vor gut einem Jahr um etwa drei Prozent gestiegen), und die harten Methoden gegen Einwanderer stoßen sogar manche seiner Anhänger ab.

Dennoch hält sich im Ausland der Eindruck, Trump sei ein starker Präsident, gegen den sich praktisch kein Widerstand rege. Dafür sind in erster Linie amerikanische Multimilliardäre und die Chefs der Medienkonzerne verantwortlich. Viele Milliardäre haben sich Trump schon früh angedient. So hinderte Amazon-Chef Jeff Bezos, dem die „Washington Post“ gehört, die Redaktion im Herbst 2024 daran, eine Wahlempfehlung zugunsten von Kamala Harris abzugeben. Seither hat es bei der Zeitung einen Massenexodus von Journalisten gegeben, vergangene Woche gab es eine dramatische Entlassungswelle.

Bei Trumps Amtseinführung im Januar 2025 demonstrierten mehrere Multimilliardäre durch ihre Anwesenheit eine große Nähe zum US-Präsidenten, neben Bezos unter anderen Elon Musk, Meta-Chef Mark Zuckerberg, OpenAI-Chef Sam Altman und Apple-CEO Tim Cook.

Beispielhaft für den Kotau der Mediengiganten steht die Entscheidung des Fernsehsenders CBS, die Show ihres Stars Stephen Colbert einzustellen, der ein ausgesprochener Trump-Kritiker ist. Kurz danach zahlte CBS dem Präsidenten 16 Millionen Dollar, um einen Gerichtsprozess zu vermeiden, den der Sender mit Leichtigkeit hätte gewinnen können.

Trump ist nicht stark. Er ist ein alter Mann mit offensichtlich schweren Gesundheitsproblemen, der zunehmend erratisch agiert. Sogar in zutiefst konservativen Regionen Amerikas schmilzt seine Beliebtheit. Sein Vizepräsident ist sogar noch unpopulärer als er. Sollte es im Herbst dieses Jahres freie und demokratische Wahlen geben, haben die Demokraten eine echte Chance, eine Mehrheit im Repräsentantenhaus und vielleicht sogar im Senat zu erreichen. Die einzig offene Frage ist: Wie frei und wie fair werden die Zwischenwahlen des Jahres 2026 sein?

Hannes Stein berichtet im Auftrag von WELT als freier Autor über die USA.

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