Es war ein Treffen, das Einigkeit und Optimismus verbreiten sollte. „Die Allianz ist dynamisch, nicht statisch. Wir passen uns an, weil wir es müssen, um unsere Kernaufgaben zu erfüllen“, sagte der Vorsitzende des Nato-Militärausschusses, der italienische Admiral Giuseppe Cavo Dragone, im Januar bei einem Treffen der 32 Generalstabschefs in Brüssel.
Abseits von Sitzungsräumen und geschliffenen Erklärungen wurde auf den Fluren informell aber auch noch über ein anderes Thema gesprochen. Über eine wichtige Personalie: den nächsten Chef des Nato-Militärausschusses (Military Committee). Nach Informationen von WELT AM SONNTAG aus informierten Nato-Kreisen gibt es innerhalb der Allianz bereits heute eine informelle Einigung („gentlemen’s agreement“) darüber, dass der oberste deutsche Militär, Generalinspekteur Carsten Breuer, ab Anfang 2028 den Vorsitz übernehmen wird.
Die Entscheidung für den 61-jährigen Deutschen, der seit März 2023 Generalinspekteur der Bundeswehr ist, wurde insbesondere auf Druck aus Washington frühzeitig herbeigeführt. Neben den USA unterstützen auch wichtige Nato-Mitgliedstaaten wie Frankreich, Großbritannien, Italien, die Türkei und die Niederlande die Entscheidung für Breuer.
„Die Entscheidung für Herrn Breuer ist fix“, heißt es übereinstimmend aus informierten Nato-Kreisen. Die Amtszeit des aktuellen Amtsinhabers, Admiral Dragone, läuft turnusmäßig nach drei Jahren im Januar 2028 aus.
Der Nato-Militärausschuss ist in der angespannten weltweiten Sicherheitslage von großer Bedeutung. Das Komitee ist das wichtigste militärische Gremium der Nato. Dort sind die 32 Streitkräftechefs versammelt. Im Alltagsgeschäft werden sie – mit Ausnahme diverser persönlicher Treffen in Brüssel – von den ständigen militärischen Vertretern der Mitgliedstaaten, in der Regel Drei-Sterne-Generäle, repräsentiert.
In seiner neuen Funktion wäre Breuer der militärische Chefberater des Nato-Generalsekretärs. Als Vorsitzender des Militärausschusses, der den Nordatlantikrat (NAC) und die Nukleare Planungsgruppe (NPG) in allen wichtigen militärischen Fragen federführend berät, hätte Breuer künftig eine herausragende Rolle in der Nato-Verteidigungspolitik inne. Zudem würde sich mit der Wahl Breuers das Gewicht Deutschlands innerhalb der Allianz vergrößern.
Und genau das haben die Amerikaner im Sinn. Washington, so heißt es in hohen Nato-Kreisen, sieht in Deutschland und den Niederlanden die „treibenden Kräfte“ („spearhead“, wörtlich: Speerspitze) bei der Verteidigung des europäischen Kontinents. Damit sind die beiden Länder aus Sicht der Trump-Administration auch die wichtigsten Verbündeten der USA in Europa. Diese Entwicklung wird im Bündnis als bedeutender Paradigmenwechsel interpretiert. Sie schwächt die bisherige Vorreiter-Rolle Großbritanniens.
Wie es weiter heißt, schätze US-Präsident Donald Trump die Verlässlichkeit der Deutschen bei der Unterstützung der Ukraine, aber auch beim Vorgehen im Iran und in Nahost. Zudem sei Trump klar, dass Deutschland als reichstes Land in Europa eine Schlüsselrolle zufällt, wenn sich die Vereinigten Staaten künftig immer stärker aus der konventionellen Verteidigung Europas zurückziehen wollen. Mit der frühzeitigen Entscheidung für Breuer wollten die Amerikaner „Deutschland auch stärker in die Verantwortung nehmen“, hieß es.
Zuletzt hatten die Generäle Klaus Naumann (1996-1999) und Harald Kujat (2002-2005) als Vertreter Deutschlands den Vorsitz im Nato-Militärausschuss inne.
Christoph B. Schiltz ist Korrespondent in Brüssel. Er berichtet unter anderem über Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU, die europäische Migrationspolitik, die Nato und Österreich.
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