Einen roten Teppich – das hat Julia Klöckner (CDU) auch nicht allzu oft. Gefällt der Bundestagspräsidentin. Das kann man sehen. Vor der Knesset haben sie den Teppich ausgerollt. Schnell wird noch gestaubsaugt. Die deutsche und die israelische Fahne wehen nebeneinander im Wind.

Die Knesset Guard ist aufgezogen, am ehesten ist sie wohl mit der Bundestagspolizei in Berlin zu vergleichen. Die Hymnen werden gespielt, dann ein kurzes Gedenken am Mahnmal für gefallene israelische Soldaten. So sieht das Setting aus.

In Berlin geht es eher schlicht zu, wenn Klöckner Kollegen aus aller Welt empfängt: Hier in Jerusalem ist das anders. Hier wird die Bundestagspräsidentin mit allem Drum und Dran empfangen. Höchste Ehren also für die Frau, die in der protokollarischen Rangfolge zwischen Bundespräsident und Kanzler steht. Es ist ihr Antrittsbesuch in Israel.

Dabei kennt sie das Land gut, das kann man sagen. Als junge Theologie-Studentin besorgte sie sich ein Flugticket nach Tel Aviv, buchte ein Hostel für die erste Übernachtung – dann ging es auf Tour zwischen Galiläa, Jerusalem und dem Negev. Als Landwirtschaftsministerin kam Klöckner wieder, war bei den Regierungskonsultationen dabei. Im Herbst 2023, kurz nach dem 7. Oktober, besuchte sie den Schauplatz des Nova-Musikfestivals, wo Hamas-Terroristen ein Massaker anrichteten – einen Ort von Schrecken und Leid.

Und jetzt: ein Empfang wie für einen Staatsgast. Klöckners Anspruch dabei ist, den gesamten Bundestag zu repräsentieren – was so einfach nicht ist, wenn man überlegt, wie hitzig unter der Reichstagskuppel über Israel, Gaza und den Nahost-Konflikt debattiert wird. Schon kompliziert.

„Eine wahre Freundin Israels“ sei sie, so begrüßt Knesset-Präsident Amir Ohana, ein Likud-Politiker, Klöckner. Und erinnert daran, warum Premier Benjamin Netanjahu gerade nicht im Land ist, sondern sehr weit weg, in Washington bei US-Präsident Donald Trump. Schicksalshafte Gespräche seien das. Ohana warnt vor Iran, dem Regime in Teheran, vor einem „atomaren Holocaust“. Es gehe um nichts weniger „als um die Zukunft der freien Welt“.

Vor den Kameras im Foyer der Knesset setzt Klöckner erkennbar andere Akzente, über Iran spricht sie zum Beispiel nicht. „In Freundschaft sind wir hier“, setzt die CDU-Politikerin an. Und schnell wird deutlich, dass sie unter Freundschaft versteht, auch mal öffentlich Kritik zu üben, Erwartungen zu formulieren.

Klöckner beginnt mit ihren Eindrücken aus der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, von wo sie gerade kommt. „Da stehen wir als Deutsche dem dunkelsten Kapitel unserer Geschichte gegenüber“, sagt sie. Man hat die Liste mit Holocaust-Opfern gezeigt, die dort geführt wird. Da ging es auch um ein Mädchen, in Auschwitz geboren; das Baby war nicht einmal eine halbe Stunde am Leben, bis es von den Nationalsozialisten ermordet wurde, blieb ohne Vornamen.

Der Blick auf die Vergangenheit, das Erinnern – es bleibt prägend für Israel-Besuche wie diesen. Und natürlich das Bekenntnis zum Kampf gegen Antisemitismus. Sie schäme sich dafür, was auf Deutschlands Straßen möglich sei, sagt Klöckner mit Blick auf Demonstrationen von Judenfeinden.

Sie äußert sich auch zu Themen, die gerade die politischen Debatten innerhalb Israels prägen. Beispiel Gaza: „Humanitäre Hilfe ist kein politisches Zugeständnis, sondern moralische Pflicht. Das zu benennen, heißt nicht Täter-Opfer-Umkehr“, so die Bundestagspräsidentin. Sie verurteilt Überlegungen, die Todesstrafe in Israel wieder einzuführen. Und mahnt, die Zwei-Staaten-Lösung mit den Palästinensern als Ziel nicht aufzugeben. Der Knesset-Präsident lauscht, ohne die Miene zu verziehen. Fragen sind nicht zugelassen.

Klöckners Besuch fällt in eine neue Phase der deutsch-israelischen Beziehungen. Eine Zeit, in der es um Wiederannäherung geht, nachdem im Sommer 2025 vorübergehend weitgehend Funkstille geherrscht hatte. Es war die Zeit des Embargos für deutsche Waffen, das der Kanzler verhängt hatte – als Reaktion auf das Vorgehen der israelischen Armee in Gaza.

Doch seit den Vereinbarungen zur Waffenruhe im Herbst, dem Deal mit Donald Trump, sind die Differenzen gewichen. Deutsche Politiker in Israel geben sich in Israel gerade die Klinke in die Hand: Im Dezember war Kanzler Friedrich Merz (CDU) da, dann Innenminister Alexander Dobrindt (CSU), Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU), Grünen-Chefin Franziska Brantner – und jetzt eben Klöckner.

„Trauma des 7. Oktober ist noch nicht vorbei“

Der Vorabend. Ein Saal im berühmten „King David Hotel“ in Jerusalem. Klöckner sitzt beim Dinner mit Knesset-Chef Ohana. Nikodemus Schnabel ist dazu gekommen, der Abt der Jerusalemer Dormitio-Abtei. Einer, dem in Berlin gern zugehört wird, wenn es um die Lage in Israel im Allgemeinen und Jerusalem im Speziellen geht.

Der scheidende deutsche Botschafter Steffen Seibert ist nicht dabei. Man kann schon sagen, dass dies in der Bundestags-Delegation für Stirnrunzeln sorgt. Seibert bleibt an diesem Abend in Tel Aviv: Die Heinrich-Böll-Stiftung gibt einen Empfang mit Grünen-Chefin Brantner.

„Das Trauma des 7. Oktober ist noch nicht vorbei“, sagt Klöckner in ihrer Tischrede. Der Horror des Überfalls auf Israel, das quälend lange Bangen um die Geiseln – all das wirkt nach. Damit das alles nicht vergessen wird, hat Klöckner im Bundestag einen Trinkbecher vom Nova-Festival ausstellen lassen – und den Film „Screams before Silence“ vorführen lassen, in dem es um die sexuelle Gewalt der Hamas-Terroristen gegen israelische Frauen geht.

Knesset-Präsident Ohana erzählt bei Tisch von seinen Zwillingen. Mit ihnen habe er darüber gesprochen, was sie tun würden, wenn sie eine Zeitmaschine hätten: Ob man sich zum Abend des 6. Oktober 2023 zurückbeamen würde? Um die eigene Armee, die eigenen Soldaten warnen zu können vor dem, was da droht.

Eine Zeitmaschine für Nahost? Ja, das wäre tatsächlich etwas. Doch die Uhr lässt sich eben nicht zurückdrehen: weder auf israelischer Seite, noch aufseiten der Palästinenser.

Vielleicht kommt Klöckner auch deshalb auf die damalige Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und deren berühmter Rede vor der Knesset 2008 zurück, in der sie von der Sicherheit Israels als deutscher „Staatsräson“ sprach. Eine Formulierung, mit der sich Friedrich Merz schwertut: Der Begriff sei in seinen Konsequenzen nie richtig ausbuchstabiert worden, so der Kanzler im vergangenen Jahr.

„Israels Existenz und Sicherheit sind für Deutschland nicht verhandelbar. Sie sind eine Verpflichtung aus unserer Geschichte“, stellt Klöckner jetzt in Jerusalem klar. Auch die Sicherheit der Juden in Deutschland gehört für sie zur Staatsräson. Dies ist der Moment, in dem sie wie Angela Merkel klingt. Und ein bisschen Distanz zu Merz’ Sichtweise durchschimmert, wenn man es denn so sehen will.

Rasmus Buchsteiner ist Chief Correspondent Berlin bei „Politico“ Deutschland.

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