• Die offene Sprechstunde ist stark gefragt und ermöglicht einen kurzfristigen Facharztbesuch ohne Termin.
  • Kritiker bemängeln, die offene Sprechstunde werde oft falsch genutzt und habe die Wartezeiten trotz ihrer Einführung nicht verkürzt.
  • Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen fordert aber eine bessere Patientensteuerung durch ein Primärarztsystem.

Wenn Hagen Bruder offene Sprechstunde hat, dann ist sein Wartezimmer in der Praxis in Dresden gut gefüllt. Bruder ist Chirurg und Facharzt für Koloproktologie, behandelt also Darm- und Beckenbodenerkrankungen.

Bei ihm geht die offene Sprechstunde um 8 Uhr los. "Da werde ich oft schon von den Patienten im Treppenhaus empfangen, die dort warten. Heute waren es insgesamt 67 Patienten in der Praxis. Davon waren 29 bestellte Patienten und die anderen waren in der offenen Sprechstunde – also deutlich über 30 Patienten", erzählt Bruder.

Für Bruder war die Einführung einer verpflichtenden offenen Sprechstunde für Fachärzte 2019 keine große Umstellung. Schon vorher hatte er diese Sprechstunden angeboten und versucht, den Patientinnen und Patienten auch kurzfristig Termine zu ermöglichen. Grundsätzlich ist er überzeugt von der offenen Sprechstunde und will sie beibehalten. Das Versprechen, damit den Patienten schneller einen Termin zu ermöglichen, sei in seiner Praxis aufgegangen.

Falsche Nutzung der Akutsprechstunde

Gleichzeitig sieht er aber auch Probleme. Er zweifelt an, ob die offene Sprechstunde beziehungsweise die Akutsprechstunde von den Patientinnen und Patienten so genutzt wird, wie sie vorgesehen ist: "Der ein oder andere Patient nutzt diesen Raum, der für Akutpatienten wegen Problemen gedacht ist, für Dinge, die man auch in ganz normalen Terminen abarbeiten könnte."

Aus Sicht von Melanie Ahaus funktioniert das System der offenen Sprechstunde bisher mehr schlecht als recht. Viele Patientinnen und Patienten seien damit überfordert, findet die Sprecherin des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte in Sachsen.

Patientinnen und Patienten wüssten oft nicht, an welchen Arzt sie sich wenden müssten, sagt Ahaus. "Dann ist man unbegründet beim Hautarzt gelandet und hat anderen Patienten, die den Termin gebraucht hätten, den Termin weggenommen. Ich denke, dass es bei vielen Fachrichtungen besser wäre, wenn erst der Haus- oder Kinderarzt entscheidet, ob das Kind oder der Patient damit zum Facharzt muss." Das führe dazu, dass durch die offene Sprechstunde die Wartezeit auf einen Termin nicht kürzer wird.

Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums zeigen, dass trotz verpflichtender offener Sprechstunde Patienten immer länger warten müssen. Bekamen gesetzlich Versicherte 2019 im Schnitt nach 33 Tagen einen Facharzttermin, so waren es 2024 ganze 42 Tage.

Unterstützung der Patienten gefordert

Die Kassenärztliche Vereinigung in Sachsen ist trotzdem dafür, die offene Sprechstunde beizubehalten. Vorstandsvorsitzender Stefan Windau fordert – ähnlich wie Kinderärztin Ahaus – dass die Patientinnen und Patienten stärker gesteuert werden müssen: "Die Patienten sind in aller Regel nicht vom Fach. Deshalb macht es Sinn, dass jemand die Steuerung, die Beratung und Koordinierung im System übernimmt. Das müssen wir systematisch anlegen." Das könne aber nicht die Kassenärztliche Vereinigung klären, sondern das sei ein gesamtgesellschaftlicher Diskussionsprozess.

Windau sieht da die Bundesregierung in der Pflicht, Vorhaben im Gesundheitssystem voranzutreiben. Etwa das von Union und SPD geplante Primärarztsystem, das die Haus- und Kinderärzte zur ersten Anlaufstelle für gesetzlich Versicherte machen soll.

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