Es wird gerade erst hell über Berlin, als Israels Wirtschaftsminister Nir Barkat in seinem Zimmer im Hotel Waldorf Astoria empfängt. Der 66-jährige Likud-Politiker ist eine bekannte Persönlichkeit: Er war Fallschirmjäger, IT-Unternehmer und zehn Jahre lang Bürgermeister von Jerusalem. Nach dem Interview am frühen Morgen muss er sofort zum Flughafen, in Israel wartet eine wichtige Abstimmung über den Staatshaushalt.

WELT AM SONNTAG: Herr Minister, nach dem Terror vom 7. Oktober 2023 klangen viele Prognosen düster: Ein langer und teurer Krieg würde Israel ruinieren. Aber das Gegenteil ist passiert. In diesem Jahr soll die Wirtschaft um 4,7 Prozent wachsen. Davon kann Deutschland nur träumen. Wie ist das möglich?

Nir Barkat: Die Gräueltaten der Hamas vom 7. Oktober haben uns erschüttert, seit dem Holocaust haben wir so etwas nicht gesehen. Aber wir haben gezeigt, dass wir die Lage wenden und die Region wirklich verändern konnten. Die vom Iran angeführte „Achse des Bösen“, die auf den Besitz einer Atombombe und Tausender ballistischer Raketen zielt, ist auf eine Weise geschwächt, wie es vor dem Krieg kaum jemand für möglich gehalten hätte. Die Hisbollah im Libanon ist nicht mehr dieselbe, die Terror-Infrastruktur im Gazastreifen ist zerstört. Wir haben einen Gang höher geschaltet, die Bedrohungen drastisch verringert und die Chancen erhöht. In der Folge sind immer mehr Länder an guten Handelsbeziehungen mit Israel interessiert. Damit stärken wir die Achse des Friedens.

WAMS: Wie sieht es in Israel aus?

Barkat: Im vergangenen Jahr haben Geldgeber rund 16 Milliarden Dollar in den israelischen Technologiesektor investiert, hauptsächlich in Cybersicherheit und KI-Anwendungen. Unsere Unternehmen haben im Krieg weitergearbeitet, obwohl Mitarbeiter zur Armee mussten. Der Hightech-Sektor hat immer pünktlich geliefert. Die Arbeitslosenquote liegt unter drei Prozent. Es gibt eine große Nachfrage nach unseren Fähigkeiten – und wir teilen unser Wissen gerne mit Freunden.

WAMS: Was sind die Voraussetzungen für eine derart starke Rüstungsindustrie?

Barkat: Man muss seinen Feind genau kennen. Wir haben gezeigt, dass der Mossad und unsere Spezialeinheiten sehr gut informiert sind, auch wenn wir am 7. Oktober bedauerlicherweise überrascht wurden. Das Verständnis von der Bedrohung durch den Iran und seinen Stellvertretern wie Hisbollah im Libanon haben uns bereits vor Jahren über den Tellerrand schauen lassen. Wir haben Waffen zur Verteidigung und zum Angriff entwickelt, die ihresgleichen suchen. Das Abwehrsystem Arrow 3 zum Beispiel, das ballistische Raketen außerhalb der Erdatmosphäre abfängt und nun im Rahmen eines Abkommens auch von Deutschland eingesetzt wird.

WAMS: Was hat Deutschland im Gegenzug anzubieten?

Barkat: Freundschaft und Geschäft. Allein auf meinem jetzigen Besuch in Deutschland haben mich 25 israelische Unternehmer begleitet, die meisten von ihnen aus dem Bereich Cybersicherheit. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche habe ich bereits fünf Mal getroffen seit sie im Amt ist, wir haben ein tiefes gegenseitiges Verständnis entwickelt, wie unsere Volkswirtschaften zusammenarbeiten können. In diesem Jahr wird es mehr als 100 Treffen von Delegationen in Deutschland und Israel geben, das ist eine enorme Zunahme der Zusammenarbeit. Ich danke Ministerin Reiche für diese Freundschaft, denn leider hatten wir in den letzten zwei Kriegsjahren Probleme mit einigen Ländern in Europa. Aber Deutschland war in dieser schwierigen Zeit ein Fels in der Brandung. Ich betrachte Deutschland als potenziellen Knotenpunkt für Israel, nicht nur für den lokalen, sondern für den europäischen Markt insgesamt.

WAMS: Im Herbst drohte die EU mit Sanktionen gegen Israel und kritisierte die humanitäre Lage im Gazastreifen und die Gewalt von Siedlern im Westjordanland. Premier Benjamin Netanjahu sagte später in einer Rede, Israels Wirtschaft müsse sich auf schwierige Zeiten einstellen und autark werden, wie in der Antike die Festung Sparta.

Barkat: Lassen Sie mich das in die richtige Perspektive rücken. Ein Jahr nach Kriegsbeginn in Gaza beschloss die Türkei, den Handel mit Israel einzustellen, ein jährliches Volumen von sieben Milliarden Dollar. Wissen Sie, was wir getan haben? Wir sind die Türkei umgangen. Private Importeure und Exporteure haben neue Märkte erschlossen. Für uns gab es keinen Einbruch. Das einzige Land, das am Ende litt, war die Türkei selbst. Als einige europäische Länder versuchten, Druck auf uns auszuüben, sagten wir uns: Das Wichtigste ist, dass wir nicht von unseren Plänen abweichen. Wenn wir uns zwischen unserer Sicherheit in Israel und dem möglichen Verlust eines Freundes entscheiden müssen, entscheiden wir uns immer für unser Leben in Israel. Die Annahme einiger europäischer Länder, dass uns Sanktionen beeinflussen könnten, war ein großer Fehler. Meine Botschaft lautet: Wir kämpfen gegen Dschihadismus und die „Achse des Bösen“, wir führen nicht nur unseren, sondern auch euren Krieg. Dafür erwarten wir Unterstützung. Bekommen wir die nicht, gehen wir woanders hin. Europa sucht eine gemeinsame Position. Viele Länder in Asien hingegen sagen klar, dass sie mit uns Geschäfte machen wollen.

WAMS: Premier Netanjahu hat auch angekündigt, dass Israel innerhalb von zehn Jahren weitgehend unabhängig von Waffenlieferungen aus den USA werden soll. Ein Strategiewechsel, weil sich Israel langfristig nicht mehr auf die finanzielle und militärische Hilfe aus Washington verlassen kann?

Barkat: Wir müssen grundsätzlich schauen, dass wir unsere Verteidigung eigenständig sicherstellen. 80 Prozent der Produkte unserer Waffenindustrien gehen derzeit in den Export. Wenn wir die Kapazitäten erhöhen, ist es kein Problem, unseren Bedarf selbst herzustellen.

WAMS: Mit den Abraham-Abkommen hat Israel die Beziehungen mit vielen arabischen Ländern normalisiert. Eine Bedingung aber war, dass Israel davon absieht, Teile oder das gesamte Westjordanland zu annektieren. Genau das haben Sie aber im Juni vergangenen Jahres im Rahmen einer Initiative gefordert – würde ein solcher Schritt Israel nicht international weitgehend isolieren?

Barkat: Es geht mir um einen ganz anderen Ansatz, der letztlich zu einer Lösung des Nahost-Konflikts führen könnte. Dafür muss ich ein wenig ausholen. Ich war lange Bürgermeister von Jerusalem, in dieser Stadt leben 350.000 Araber, ich kenne mich mit ihrer Kultur aus. In der arabischen Gesellschaft haben Stämme das Sagen, in Judäa und Samaria (israelische Bezeichnung für das Westjordanland; d. Red.) sind es etwa sieben. Eine erfolgreiche Regierungsform muss also auf Stämmen basieren, wie auch in den Vereinten Arabischen Emirate. Also habe ich viele Male die Scheichs, die Oberhäupter der Familien aus der Region um Hebron, bei mir zu Hause empfangen. Nach einigen Treffen schickten sie mir eine Absichtserklärung. Darin steht, dass sie sich von der Palästinensischen Autonomiebehörde trennen und dem Abraham-Abkommen beitreten wollen. Sie erkennen den jüdischen Staat an, wollen kooperieren und Geschäfte machen. Interessant ist, dass auch die jüdischen Siedler in Hebron diesen Ansatz unterstützen, sie kennen die Scheichs seit Jahrzehnten. In Hebron leben eine halbe Million Menschen, das wäre ein ernst zu nehmendes Pilotprojekt für die Zukunft von Judäa und Samaria und auch von Gaza.

WAMS: Die Forderung nach einem palästinensischen Staat gilt in der arabischen Welt offiziell als nicht verhandelbar. Wie reagieren andere Partner der Abraham-Abkommen auf diese Idee?

Barkat: Die Länder der Abraham-Abkommen unterstützen unseren Kampf gegen den Terror der Muslimbruderschaft, die auch in den meisten arabischen Ländern verboten ist. Aber fragen Sie die Anführer dieser Staaten am besten selbst, ich will ihnen nichts in den Mund legen. Entscheidend ist doch, dass lokale arabische Anführer künftig ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen können. Sie wollen nicht mehr, dass Terroristen aus anderen Ländern über ihr Schicksal bestimmen. Wer sollte etwas dagegen haben? Denn eines ist völlig klar: Einen palästinensischen Staat wird es mit unserer Regierung nicht geben. Aber das Modell der Emirate kann eine Lösung sein. Arabische Anführer müssen sich entscheiden, ob sie Israel anerkennen und Geschäfte machen wollen, dann kann ihr Gebiet werden wie Dubai. Oder sie setzen auf Terror gegen Israel, dann endet die Sache wie in Gaza. Nach dem 7. Oktober gibt es keine Grautöne mehr.

WAMS: Israel hat große Gasvorkommen, kürzlich haben Sie einen Deal mit Ägypten für Lieferungen abgeschlossen. Was bedeutet das politisch?

Barkat: Zunächst einmal umfasst der Vertrag 35 Milliarden Dollar, die Hälfte davon nimmt der Staat als Steuer ein. Das ist eine Menge Geld. Ein weiteres Ziel ist die Stabilisierung der Beziehungen zu Ägypten, mit dem Land haben wir seit 48 Jahren Frieden. Perspektivisch können wir nun auch Europa anbieten, es mit Energie zu versorgen. Es war eine große Herausforderung zu lernen, wie wir das Gas aus dem Mittelmeer fördern. Aber jetzt wissen wir, wie es geht. Darum geht es: Die Fähigkeiten in unseren Köpfen, die sind unser wahrer Vermögenswert, sie bestimmen unsere Zukunft.

WAMS: Im zivilen Hightech-Sektor haben in den vergangenen Jahren aber viele gut ausgebildete Kräfte Israel verlassen, melden die Branchen. Manche, weil sie sich im Land nicht sicher genug fühlen, andere, weil sie mit dem Kurs der Regierung nicht einverstanden sind. Wird das zum Problem für Israel?

Barkat: Nein, Abwanderungen gibt es immer nach Phasen des Krieges und der Gewalt. Es ist eine freie Gesellschaft, insgesamt ist das Ökosystem Israel sehr attraktiv für innovative Unternehmer. Wir haben 10.000 Start-ups auf zehn Millionen Einwohner. Diese positiven Zahlen werden weiter wachsen.

Philip Volkmann-Schluck, Leitender Redakteur im Ressort Außenpolitik, berichtet für WELT über internationale Politik mit einem besonderen Fokus auf den Nahen Osten, China und Südosteuropa.

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