Der Krieg in der Ukraine wird auch nach fast vier Jahren mit unverminderter Härte fortgesetzt. Russland sind in den vergangenen Monaten keine spektakulären operativen Durchbrüche mehr gelungen. Teilweise haben es die ukrainischen Streitkräfte sogar geschafft, die Angreifer mit Gegenangriffen zurückzudrängen. Insgesamt konnte Moskau im vergangenen Jahr nach Angaben des renommierten Militärportals „Deep State“ lediglich 4336 Quadratkilometer und damit 0,7 Prozent des ukrainischen Territoriums einnehmen. Russland besetzt nunmehr 19,2 Prozent der Landfläche in der Ukraine.
Allerdings ist es den russischen Streitkräften gelungen, im strategisch wichtigen Oblast Donezk vorzumarschieren und im Jahr 2025 weitere gut zehn Prozent der Region einzunehmen. 78 Prozent der Donezk-Region sind mittlerweile unter russischer Kontrolle. Die Orte Siwersk, Huljajpole, Mirbograd und Lyman sind an Russland gefallen, ebenso größtenteils die Stadt Prokowsk. Allerdings gehen die Ukrainer nach der Abschaltung des für die Aufklärung und Kommunikation wichtigen Satelliten-Terminals Starlink für Russland durch Elon Musk seit einigen Tagen wieder stärker in die Gegenoffensive, vor allem bei Huljajpole.
Bei Angriffen setzt Russland weiterhin aus sicheren Entfernungen von bis zu 160 Kilometern massenweise teilweise tonnenschwere Gleitbomben ein, die einen Häuserblock nach dem anderen zerstören. Anschließend rücken die russischen Streitkräfte mit kleinen Stoßtrupps vor. Die große Frage ist im Moment, ob Kiew die letzten in Prokowsk verbliebenen ukrainischen Soldaten rechtzeitig abzieht oder aber – wie im Frühjahr 2023 in der Schlacht um Bachmut – unnötig zum Bleiben zwingt und damit praktisch verheizt.
Derzeit versucht Kiew mit allen Mitteln, weitere Eroberungen im Oblast Donezk zu verhindern. Dazu müssen kampferfahrene Verbände aus den südlichen Oblasten Saporischschja und Dnipropetrowsk verlegt werden. Dies führt dort zu einer Schwächung der Verteidigungsstellungen. Im Oblast Donezk liegt ein für die Ukraine wichtiger Festungsgürtel. Dabei handelt es sich um einen etwa 50 Kilometer langen Schutzwall, der militärisch hochgerüstet ist und verhindern soll, dass die russische Armee in Richtung Kiew vorrücken kann.
Die Grausamkeit des Krieges
Einen wichtigen Erfolg kann die Ukraine in der Stadt Kupjansk, im Osten des Oblast Charkiw, verzeichnen. Die Stadt ist heftig umkämpft und mittlerweile wieder zu 90 Prozent in der Hand der Ukraine. Im November des vergangenen Jahres hatte Russlands Generalstabschef Walerij Gerassimow noch die Einnahme von Kupjansk gemeldet. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj antwortete auf seine Weise: Erst kürzlich filmte er sich per Video bei einem Besuch vor Ort.
Im Umfeld von Kupjansk zeigt sich derzeit besonders die Grausamkeit des Krieges. Die Russen schieben immer wieder Soldaten nach, damit den Ukrainern die Angriffsdrohnen ausgehen und sie dann angreifen können. Der Militäranalyst Oberst Markus Reisner vom Verteidigungsministerium in Österreich sagte WELT: „Die russischen Soldaten, die frisch an die Front kommen, sind oft bereits tot, bevor sie überhaupt verstanden haben, in welchem Albtraum sie sich befinden.“
Sie würden von ihren Vorgesetzten „unbarmherzig nach vorne getrieben“ und dann von Drohnen, Granaten und Minen zerfetzt. „Die schwer verletzten Überlebenden richten sich in ihrer Verzweiflung oft selbst. Niemand hat sie auf diese Hölle vorbereitet. Der Tod ist die letzte Gnade“, sagte Reisner.
Nach Ansicht der Nato bleibt die Lage für die ukrainischen Streitkräfte „weiterhin schwierig“, wie ein ranghoher Beamter sagte. „Russische Truppen halten den Druck auf ukrainische Kräfte durch den massiven Einsatz von Drohnen und Artillerie aufrecht und setzen auf zermürbende Taktiken“, so der Nato-Beamte. Er bezifferte die Zahl der verwundeten und getöteten russischen Soldaten im vergangenen Jahr auf rund 400.000. Insgesamt verzeichne Russland seit Kriegsbeginn im Februar 2022 Verluste in Höhe von 1,3 Millionen Personen, darunter seien schätzungsweise 350.000 getötete Soldaten.
Der ukrainische Präsident Selenskyj sprach Anfang Februar von 55.000 getöteten ukrainischen Soldaten. Nach Einschätzung westlicher Geheimdienste und Experten fällt die Zahl jedoch deutlich höher aus. Die Ukraine hat nach Einschätzung des Nato-Beamten zudem weiterhin ein ernsthaftes Rekrutierungsproblem. „Aber ein totaler Kollaps der ukrainischen Kräfte in diesem Jahr ist unwahrscheinlich“, so der Beamte.
Sicherheitsgarantien gegen Gebietsabtretungen
Mit Blick auf die aktuellen Verhandlungen zwischen Moskau und Kiew unter US-Vermittlung sagte er: „Wir sehen nicht, dass sich die russische Position bei den Gebietsforderungen geändert hat. Ich wünschte, ich hätte an dieser Front bessere Nachrichten.“ Putin fordert von Kiew, sich aus der gesamten, rohstoffreichen Donbass-Region im Osten der Ukraine (Oblaste Donezk, Luhansk und Dnipropetrowsk) zurückzuziehen – und zwar auch aus solchen Gebieten, die Russland bisher noch nicht erobern konnte.
Nach Ansicht von Oberst Reisner verknüpfen die US-Vermittler künftige Sicherheitsgarantien für Kiew mit der Frage nach Gebietsabtretungen. „Erst soll die Ukraine aus Sicht der Amerikaner den Donbass abgeben und erst dann bekommt sie die Sicherheitsgarantien“, fürchtet der Militärexperte. Auch die jüngste Forderung von US-Präsident Donald Trump dürfte in diese Richtung gehen. „Russland will eine Einigung erzielen, und Selenskyj muss sich bewegen. Sonst verpasst er eine große Chance. Er muss handeln“, sagte er am Wochenende.
Selenskyj wiederum konterte am Samstag während der Münchner Sicherheitskonferenz. Die Amerikaner, betonte er, kämen oft auf das Thema Zugeständnisse zurück. „Und zu oft werden diese Zugeständnisse nur im Kontext der Ukraine diskutiert, nicht Russlands“, sagte Selenskyj.
Russland hat derzeit etwa 400.000 Soldaten entlang einer Frontlinie von 1200 Kilometern im Einsatz. Rund 35.000 bis 40.000 Soldaten kommen nach ukrainischen Angaben pro Monat hinzu. Der ukrainische Streitkräftechef Oleksandr Syrskyj hat darum die Parole ausgegeben, jeden Monat 50.000 russische Soldaten zu töten.
Die Kämpfe an der Front finden in der jetzigen Phase aber nur selten in Schützengräben statt, wo sich normalerweise feindliche Truppen gegenüberliegen. Vielmehr bewegen sich kleinere russische und ukrainische Infanterie-Trupps von rund 30 bis 35 Mann meistens in einer Grauzone, wo die Frontlinie ungeklärt ist und diffus verläuft. Sie operieren unter der ständigen Gefahr, von feindlichen Drohnen ausgeschaltet zu werden.
Wichtiger als die Kämpfe in der Grauzone ist für die Soldaten auf beiden Seiten aktuell aber die Sicherung der Versorgungslinien. Die Stützpunkte und Angriffstruppen müssen bei eiskalten Temperaturen ständig Nachschub erhalten. Russland nutzt dabei sogar Pferde, Fahrräder und Elektroroller. Das klingt abenteuerlich, ist aber laut Experten durchaus effektiv. Drohnenverbände auf beiden Seiten, wie die russische Drohneneinheit Rubikon, versuchen dabei, die Versorgungslinien zu durchtrennen. „Immer wieder kommt es zu Unterbrechungen bei den Logistikketten“, sagte dazu der ranghohe Nato-Beamte.
Allein in der ersten Februarwoche attackierte Russland die Ukraine mit mehr als 2000 Angriffsdrohnen, 1200 Gleitbomben und 116 ballistischen Raketen. Die Waffen werden aber nicht nur an der Front eingesetzt, sondern auch gegen zivile Infrastruktur. Nach Angaben des ukrainischen Stromanbieters DTEK sind rund 70 Prozent der Energieanlagen im Land zerstört oder beschädigt. Damit wird auch die Trinkwasserversorgung beeinträchtigt.
Derzeit erreichen mehr russische Angriffe aus der Luft ihr Ziel, weil starker Schneefall häufig verhindert, dass beispielsweise F-16-Kampfjets zur Drohnenabwehr aufsteigen können. Hinzu kommt laut der US-Denkfabrik „Institute for the Study of War“ (ISW), dass Russland neuerdings auch R-60-Luft-Luft-Raketen hinten auf Shahed-Drohnen montiert, um ukrainische Kampfjets abzuschießen oder zumindest abzuschrecken.
Das eigentliche Grundproblem der Ukraine, das sich in den vergangenen zwei Monaten sogar noch verschärft hat, bleibt bestehen: Trotz zunehmender Angriffe aus der Luft fehlt Kiew Flugabwehr. Die „Financial Times“ berichtete zuletzt, dass im Januar viele Abschussvorrichtungen leer geblieben sind, weil etwa Patriot-Abfangraketen fehlten. Die Amerikaner haben ihre Lieferungen in den vergangenen Monaten zurückgefahren, auch aus Europa kommt viel zu wenig. Selenskyj beklagt das nahezu täglich.
Russland plant Sommeroffensive
Laut ISW bereitet Russland aktuell in der Südukraine und im Donbass eine neue Offensive vor. Die Vorbereitungen für die geplante Sommeroffensive dürften sich dabei im Frühjahr deutlich verstärken. Putin will den militärischen Druck weiter erhöhen und so zu Zugeständnissen am Verhandlungstisch zwingen.
Für beide Seiten bleibt es eine Herausforderung, ausreichend Soldaten zu rekrutieren. Die Ukraine braucht nach Angaben von Militärexperten in jedem Jahr rund 300.000 neue Rekruten. Davon ist man weit entfernt. Hinzu kommt, dass viele 18- bis 24-Jährige das Land legal verlassen haben, seit einer Gesetzesänderung im vergangenen Sommer sollen es mehr als 100.000 junge Menschen sein. Gleichzeitig haben allein im Jahr 2025 laut Angaben des neuen Verteidigungsministers Mychajlo Fedorov 200.000 Soldaten Fahnenflucht begangen. Die Dunkelziffer dürfte dabei noch deutlich höher liegen.
Aber auch Russland braucht neue Soldaten. Moskau versucht, in Afrika neue Rekruten zu finden, die mit falschen Versprechungen angelockt werden. Im Inland verspricht es neuen Soldaten weiterhin hohe Prämien. Häufig werden aber auch brutale Methoden angewendet.
So berichtete jüngst die norwegische Online-Zeitung „The Barents Observer“ unter Nennung von konkreten Beispielen, dass Zivilisten in Russland ohne jede militärische Erfahrung durch russische Behördenvertreter absichtlich betrunken gemacht und anschließend im Rausch gezwungen wurden, einen Vertrag für Kampfeinsätze zu unterschreiben. Es kommt laut Bericht auch vor, dass alkoholisierte Personen aus ihren Häusern entführt würden. Polizisten, die neue Soldaten rekrutieren, erhalten laut „The Barents Observer“ Prämien.
Christoph B. Schiltz ist Korrespondent in Brüssel. Er berichtet unter anderem über Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU, die europäische Migrationspolitik, die Nato und Österreich.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.