• Gleichstellungspolitik soll nach dem Willen von Bildungsministerin Karin Prien auch junge Männer stärker in den Blick nehmen.
  • Verbände begrüßen den Vorstoß, warnen jedoch vor einer verkürzten Debatte.
  • Grundsätzlich werde Gleichstellungspolitik derzeit zu wenig priorisiert, kritisieren sie außerdem.

Mit Gleichstellungspolitik auch junge Männer stärken – bei der Bundesstiftung Gleichstellung begrüßt man die Forderung der Bundesbildungsministerin Karin Prien. Allerdings ist Prien auch Vorsitzende des Stiftungsrats – starker Widerspruch also unwahrscheinlich.

Stiftung: Nicht nur auf Situation von Frauen schauen

Doch ohnehin, sagt Arnd Sauer, Geschäftsführer der Bundesstiftung Gleichstellung, verstehe niemand die Aufgabe der Gleichstellung als Einbahnstraße. "Wenn man die Situation von Frauen verbessern möchte, muss man auf das Geschlechterverhältnis schauen und es reicht nicht, nur auf die Situation von Frauen zu schauen, sondern eben auch auf die der Männer, um die Unterschiede überhaupt erstmal benennen zu können."

Die Ungleichheiten sind hinlänglich bekannt. Frauen werden für gleiche Arbeit oft schlechter bezahlt, werden häufiger Opfer von Gewalt und sexuellen Übergriffen. Männer sind körperlich und mental weniger gesund, machen schlechtere Abschlüsse und werden häufiger kriminell und gewalttätig.

Bundesforum Männer: Bedarfe in Kita und Schule ernst nehmen

Auch Dag Schölper, Geschäftsführer vom Bundesforum Männer, freut sich deshalb, dass Ministerin Prien die Perspektive der Männer stärker berücksichtigen will. "Wenn man anfängt, in der Kita und in der Schule Jungs ernst zu nehmen mit ihren Bedarfen, also: Warum sind die laut? Warum sind die aufmüpfig? Warum schwänzen die? Warum funktioniert das mit der Form, wie Schule heute organisiert ist, für die irgendwie nicht so gut? Und nicht immer nur sagt: 'Ihr müsst euch anpassen, anpassen, anpassen', dann ist das sicherlich ein guter Hebel."

Wer Antworten auf diese Fragen liefere, könne eher verhindern, dass sich junge Männer an gewalttätigen, frauenfeindlichen oder extremistischen Influencern im Netz orientierten, so Schölper.

Frauenrat warnt vor zu starker Vereinfachung

Auch Judith Rahner, Geschäftsführerin beim Deutschen Frauenrat, hält es für wichtig, Radikalisierung von jungen Männern zu verhindern.

Sie warnt aber gleichzeitig vor einer zu starken Vereinfachung: "Die benachteiligten Jungen, die benachteiligten Männer und so weiter, das ist so ein bisschen dieses Narrativ von der Männerkrise und das ist aus meiner Sicht wirklich eine verkürzte Problemdefinition, weil natürlich zum Mannsein ja auch noch andere Dinge gehören, wie zum Frausein auch."

Rahner: Gleichstellung hat in der Politik aktuell keine Priorität

Nach wie vor seien mehr Frauen als Männer strukturell benachteiligt – und verstärkte Arbeit mit Jungs und männlichen Heranwachsenden dürfe nicht anderswo Ressourcen reduzieren. Denn insgesamt bekomme das Feld nicht nur zu wenig Aufmerksamkeit.

Sondern auch zu wenig Geld: "Die Förderung von Gleichstellung ist einfach politisch total depriorisiert", sagt Rahner. Es sei natürlich ein Stück weit auch verständlich, dass alle über Kriege und die Weltpolitik und Trump und so weiter redeten. "Aber das heißt natürlich auch realpolitisch für Gleichstellungsarbeit, dass wirklich alle Ressourcen überall reingehen, aber ganz bestimmt nicht in die Frage von Gleichberechtigung." Ein Fehler, wie alle von MDR AKTUELL befragten Experten finden.

Gleichstellungspolitik kann auch Kosten sparen

Denn gute Gleichstellungspolitik könne auch knallhart Kosten einsparen. Bessere Möglichkeiten für Teilzeitarbeit können etwa mehr Frauen in Arbeit bringen. Und Männer, die sorgsamer mit ihren Körpern umgehen – dem eigenen und denen von anderen – verursachen weniger Gesundheitskosten.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.