Während den Gästen Wein zum Mittagessen angeboten wird, serviert man ihr ungefragt eine Kanne Tee. Anne Hidalgo nippt an ihrer Tasse, blickt auf, lächelt. „25 Jahre sind genug“, sagt sie. Ein Vierteljahrhundert hat sie im Pariser Rathaus verbracht, davon die letzten zwölf Jahre als Bürgermeisterin. Bevor sie 2014 zum ersten Mal gewählt wurde, war sie Stadträtin, dann Stellvertreterin ihres Vorgängers, des Sozialisten Bertrand Delanoë.
Das Hôtel de Ville, das Rathausgebäude im Herzen von Paris, muss sich für die 66-Jährige inzwischen anfühlen wie ihr Zuhause. Hier hat sie mehr Zeit verbracht als in ihrem kleinen Reihenhaus im Süden von Paris. Aus ihrem verstörend großen Büro fällt der Blick aus deckenhohen Fenstern auf die Seine und die Île de la Cité.
Aus dem Meer der Zinkdächer ragen die Türme von Notre Dame in den grauen Pariser Winterhimmel. Manche sagen, dass ihr das alles zu Kopf gestiegen sei, dass sie autoritär geworden sei. Zu viele Fernreisen, 84.000 Euro für ihre Garderobe in wenigen Jahren, darunter Kleider von Dior.
Hidalgo übergeht solche Anfeindungen lächelnd. Sie kann auch böse werden, das ist vermutlich ihrem andalusischen Temperament geschuldet. Wenige Wochen vor dem Ende ihrer Amtszeit hat sie eine kleine Runde von Journalisten zum Mittagessen ins Rathaus gebeten, um Bilanz zu ziehen. Es gibt drei Gänge, das Hauptgericht, Linsen-Dal, ist vegetarisch. Die Zeiten ändern sich, selbst in Paris.
Hidalgos Pariser Amtszeit war geprägt von Terroranschlägen, von der Gelbwestenkrise, von den Flammen von Notre-Dame, dem Erfolg der Olympischen Spiele, vor allem aber von einer radikalen Anti-Auto-Politik, die die Sozialistin mit eiserner Faust durchgesetzt hat. Als sie im Dezember ankündigte, kein drittes Mandat anzustreben und nicht mehr für das Pariser Rathaus zu kandidieren, dürfte ihren zahlreichen Widersachern ein Stein vom Herzen gefallen sein.
Es gibt nicht viele französische Politikerinnen, die so viel Wut auf sich ziehen wie die gebürtige Spanierin. Woher kommt der Hass auf Hidalgo? Wer je ein Taxi in Paris genommen hat, kennt die Flüche der Chauffeure. Beim Nennen ihres Namens ballen sich Fäuste. Noch während ihrer ersten Amtszeit versuchten Kritiker, ihre Bilanz zu zerstören. Egal ob Staus, Müll, Migranten, ob Tauben oder Ratten oder sogar das abfallende Laub der Bäume: Hidalgo war an allem schuld.
Im Jahr 2020 wurde sie mit klarer Mehrheit wiedergewählt. Sie war damals selbst überrascht. „Ich bin nicht nur eine Frau, sondern auch noch links, grün und habe die doppelte Staatsbürgerschaft. Ich bin vielen ein Dorn im Auge. Für reaktionäre Köpfe bin ich eine Art Vogelscheuche.“
Hidalgo hat Paris radikal verändert. Sie hat einen klaren grünen Kurs durchgesetzt, auf Nachhaltigkeit und ökologischen Umbau gesetzt. Manche wollen sich partout nicht an die pechschwarzen Sandsteinfassaden des Louvre erinnern, aber innerhalb von 20 Jahren ist die Luftverschmutzung in Paris halbiert worden. Die Stadt ist auch deutlich leiser geworden.
Ihren ersten Resilienz-Plan hat die Stadtverwaltung 2017 vorgelegt, mit dem sich Paris gegen Gefahren aller Art wappnen will: von Terroranschlägen über Cyberattacken bis zu Hitzewellen. Klimaexperten sagen voraus, dass Paris in wenigen Jahren im Sommer Temperaturen wie Sevilla haben wird. Die Stadt anzupassen ist keine Option, sondern eine Frage des Überlebens.
Die Entscheidung, die Schnellstraße neben dem nördlichen Seine-Ufer in eine Promenade zu verwandeln, fiel schon unter ihrem Vorgänger. Hidalgo hat sie trotz Protesten umgesetzt und zusätzlich wichtige Achsen in Radstraßen verwandelt. Auf der Rue de Rivoli, die von der Bastille bis zur Place de la Concorde führt, hat sie nur eine einzige Spur für Busse und Taxifahrer gelassen.
Sie hat, wo sie konnte, den Autofahrern Platz weggenommen, Bürgersteige für die Fußgänger vergrößert, Autospuren in Radwege verwandelt, Parkplätze vernichtet, selbst die Schleichwege der Einheimischen hat sie zerstört, indem sie kurze Passagen eingebaut hat, wo die Einbahnstraße ihre Richtung wechselt: Es war noch nie so mühsam, sich im Auto durch Paris zu bewegen – und noch nie so angenehm, zu laufen.
Über 1400 Kilometer Radwege sind in ihren beiden Amtszeiten angelegt worden, 170.000 Bäume sollen gepflanzt worden sein. In der Seine kann man seit Olympia wieder schwimmen. „Die Olympischen Spiele waren sieben Jahre harte Arbeit und zwei Wochen Euphorie. Aber sie dienten vor allem als Beschleuniger für den Wandel. Wir haben in einer Amtszeit geleistet, wofür wir sonst die doppelte Zeit gebraucht hätten“, resümiert Hidalgo.
Es wird viel geschimpft in Paris. Die ewigen Baustellen gingen auf die Nerven, das Umdenken verlangte Beweglichkeit, nicht nur in den Beinen, vor allem im Kopf. Doch mit etwas Abstand sind heute viele, die sich das Leben im Zentrum noch leisten können, zufriedener mit ihrer Stadt. Hidalgos Ruf hat das trotzdem nicht verbessert. Beim politischen Barometer, das die Beliebtheit von Politikern abfragt, nimmt sie regelmäßig einen der letzten Plätze ein.
Aber im Ausland gilt Paris als Beispiel, in manchen Ländern ist die Französin ein Star. Vergangenes Jahr wurde Hidalgo von der „Financial Times“ zu einer der 25 einflussreichsten Frauen des Jahres 2024 erklärt. Ihr Name steht zwischen denen anderer „Heldinnen“, neben denen von Sängerin Taylor Swift und Turnerin Simone Biles. „Ich habe meine Mission erfüllt und bin stolz auf meine Bilanz“, sagt Hidalgo mit Blick auf die vergangenen zwölf Jahre.
Doch Paris schrumpft. Seit Jahrzehnten geht die Bevölkerung zurück, in den vergangenen zehn Jahren hat die Zwei-Millionen-Stadt mehr als 140.000 Einwohner verloren. Familien können sich die Mieten und Immobilienpreise von mindestens 10.000 Euro pro Quadratmeter nicht leisten, in den Schulen werden Klassen geschlossen, in manchen wird jahrgangsübergreifend unterrichtet, wie früher auf dem Dorf.
Hidalgo erwidert, dass sie für die Mietpreisbindung gesorgt und 100.000 Sozialbauwohnungen geschaffen habe. „Inzwischen leben 700.000 Menschen im sozialen Wohnungsbau, die sich das Leben in Paris sonst nicht mehr leisten könnten“, argumentiert sie.
Durch Serien wie „Emily in Paris“, aber auch die Bilder der Olympischen Spiele, die um die Welt gingen, sind die Besucherzahlen explodiert. Jedes Jahr steigen sie um ein paar Prozent. Bald könnte ein neuer Rekord gesprengt werden. Aber 40 Millionen Gäste pro Jahr, hält das eine Stadt wie Paris noch aus?
Ganze Bezirke verändern sich. Einkaufsstraßen, in denen es bis vor wenigen Jahren noch mehrere Bäcker und Fleischer gab, verwandeln sich in Fress-Gassen für Touristen mit Cookies, Törtchen und Pralinen. Für besondere Sandwich-Kreationen steht die Instagram-Meute schon mal eine Stunde im Regen in der Schlange.
Die Verdichtung des Tourismus und der Boom der saisonalen Vermietung haben die Stadt soziologisch verändert. Es macht sie auch dreckiger. Doch statt mehr Mülltonnen aufzubauen, ist ihre Zahl im Stadtkern Anfang des Jahres reduziert worden. Die durchsichtigen Mülltonnen, die Mitte der 90er-Jahre nach mehreren Bombenattentaten eingeführt wurden, hat man durch Modelle ersetzt, die es den zahlreichen Ratten von Paris schwerer machen sollen, an Nahrung zu kommen.
Overtourismus hält Hidalgo nicht für das Problem. Aber sie zeigt aus dem Fenster auf die gegenüberliegende Île Saint-Louis. „Allein da haben wir 1000 Airbnb-Wohnungen. Spekulanten kaufen ganze Häuser, verwandeln sie in Hotels, aber ohne die Zwänge eines Hoteliers zu haben.“
Für Privatpersonen hat sie die Vermietung auf 90 Tage begrenzt. Doch strengere Regulierungen scheiterten am Präsidenten, an Emmanuel Macron, sagt sie, einem überzeugten Liberalen und Verfechter der Selbstregulierung. Mit den Bürgermeistern von Rom und Barcelona hat sie der Europäischen Kommission einen Aktionsplan vorgelegt für die Finanzierung sozialen Wohnungsbaus und die Begrenzung saisonaler Vermietung.
Kandidaten von links bis ganz rechts
Nach den Kommunalwahlen Mitte März wird Hidalgo das Rathaus verlassen. Leichten Herzens. Sie will in Zukunft international arbeiten, sich weiter für Klimaschutz einsetzen. Wer ihr Nachfolger wird, ist völlig ungewiss. Der linke Kandidat, Emmanuel Grégoire, war ihr Stellvertreter, doch wie mit vielen anderen ihres Teams hat sie sich auch mit ihm zerstritten.
Nach 24 Jahren in sozialistischer Hand könnte Paris wieder eine rechte oder mit Sarah Knafo, der Lebensgefährtin des Nationalisten Éric Zemmour, sogar eine rechtsradikale Bürgermeisterin bekommen.
Reelle Chancen hat die konservative Kulturministerin Rachida Dati, obwohl sie sich im Herbst wegen Korruptionsvorwürfen vor Gericht verantworten muss. Während des Wahlkampfs begleitet sie in guter populistischer Manier die Müllabfuhr und verspricht, eine saubere Stadt „innerhalb nur einer Woche“. Kommunikation kann sie. Nur ihre Hermès-Tasche legt Dati nicht einmal dann ab, wenn sie den Obdachlosen einen Besuch abstattet.
Hat Hidalgo Angst, eine konservative Nachfolgerin könnte Paris wieder in eine Autostadt verwandeln? Es gibt keine Errungenschaft, die sich nicht rückgängig machen ließe, fürchtet sie.
Martina Meister berichtet im Auftrag von WELT seit 2015 als freie Korrespondentin in Paris über die französische Politik.
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