Wenn der Bundesvorstand der AfD am kommenden Montagabend in Berlin zusammentritt, prallen zu den Vorwürfen der Vetternwirtschaft unterschiedliche Haltungen aufeinander. In dem 15-köpfigen Gremium gibt es diejenigen, die Überkreuz-Anstellungen von Verwandten ihrer Parteifreunde für unproblematisch halten und sämtliche Kritik zur Anti-AfD-Kampagne erklären – obwohl diese längst aus den eigenen Reihen kommt. Sie haben oder hatten selbst enge Angehörige von Kollegen angestellt.

Es gibt diejenigen, die Aufklärung fordern und an ein zentrales Gründungsversprechen ihrer Partei erinnern: die „saubere Alternative“ gegen die „korrupte Elite“. Sie kennen die AfD-Reden über „grünen Filz“, „Clanstrukturen“ und „Beutegemeinschaften“ und befürchten, solche Äußerungen könnten die eigene Partei blamieren.

Und es gibt diejenigen, die zur Differenzierung mahnen, an die Rechtmäßigkeit solcher Anstellungen erinnern, an ähnliche Fälle in anderen Parteien und an die Schwierigkeit für die AfD, geeignete Mitarbeiter zu finden.

Alice Weidel, die mächtige Vorsitzende, hatte sich tagelang weggeduckt. Am Freitag sagte sie dem Nachrichtenportal „The Pioneer“, die AfD sei bereit, gemeinsam mit den anderen Bundestagsfraktionen „eine Gesetzesnovelle zu erarbeiten, mit welcher die Regelungen zur Beschäftigung von Familienangehörigen präziser und transparenter gestaltet werden können“. Gleichzeitig ging sie zum Gegenangriff über. Ungleich größer sei das „Missbrauchspotential“ in den Ministerien.

Die Parteispitze steckt in einem Dilemma: Greift sie hart durch, könnte das die eigenen Wahlkämpfer beschädigen. Die Verwandtenaffäre betrifft mittlerweile unter anderem die Bundesländer Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt, in denen im März und September gewählt wird. Mit Markus Frohnmaier und Ulrich Siegmund sind sogar zwei Spitzenkandidaten betroffen. Konkrete Konsequenzen hat der Bundesvorstand bislang nicht beschlossen. Doch auch Nichtstun wäre gefährlich. Immerhin geht es um eines der stärksten Narrative der Partei, die die Alternative bereits im Namen trägt.

Wolfgang Schroeder, Politikwissenschaftler an der Universität Kassel, sagt im Gespräch mit WELT AM SONNTAG: „Für die eigene Erzählung der AfD von korrupten Gegnern ist es ein Problem, wenn sich herausstellt, dass sie selbst um eine maximale Ausbeute von Vorteilen bemüht ist.“ Diese Doppelmoral schade dem Vorhaben, sich als „Anti-System-Partei“ zu inszenieren: „Mitten im Umfrage-Höhenflug ist die AfD plötzlich selbst verschuldet in der Defensive“, so Schroeder.

Mittlerweile werden sogar vom Bundeskanzler entsprechende Vorwürfe erhoben. „Die Partei ist geprägt von einer tief verankerten Filzwirtschaft“, sagte Friedrich Merz (CDU) am Donnerstag. Solche Anwürfe aus den konkurrierenden Parteien ist die AfD gewohnt. Doch es schmerzt sie, dass mittlerweile auch rechte Medien und Vorfeldorganisationen scharfe Kritik üben.

„Wer mit dem Versprechen antritt, den ‚Sumpf‘ trockenzulegen, muss sich an strengeren Maßstäben messen lassen“, kommentiert die „Junge Freiheit“. Beim Portal „Nius“, das Skandale der AfD meistens nicht beachtet, ist die Rede von der „Partei, die alles anders machen wollte“. Und der neurechte Publizist Götz Kubitschek warnte in seiner Zeitschrift „Sezession“, die AfD könne sich „schweren Schaden zufügen“, indem sie offenbare, „dass sie nicht besser, disziplinierter, konsequenter agiert als die anderen“.

Höckes Warnung – und ein Fall in den eigenen Reihen

Kubitscheks Freund Björn Höcke, AfD-Landeschef in Thüringen, teilte den Appell in den sozialen Medien. „Wachsam bleiben, vor allem in Bezug auf sich selbst!“, postete der Rechtsextremist. Das Scheitern gerate „in den Bereich des Möglichen“. Schon im Jahr 2017 hatte Höcke von AfD-Mitgliedern gesprochen, die „so schnell wie möglich zum Establishment gehören wollen“, auf die Bundestagslisten drängen und „sich ganz schnell sehr wohlfühlen werden bei den Frei-Fressen- und Frei-Saufen-Veranstaltungen der Lobbyisten“.

Noch in der vergangenen Woche hatte Höcke betont, die Thüringer AfD „gemäß preußischen Tugenden zu führen“. Für seine Landtagsfraktion könne er sogenannte Überkreuz-Beschäftigungen, von denen insbesondere in Sachsen-Anhalt mehrere publik geworden sind, „ausschließen“.

Nun muss er sich mit einem ähnlichen Fall in den eigenen Reihen beschäftigen. Eine Recherche von WELT AM SONNTAG für den „Politico“-Podcast „Inside AfD“ zeigt, dass der Ehemann der Thüringer Landtagsabgeordneten Wiebke Muhsal beim Thüringer Bundestagsabgeordneten Stefan Schröder angestellt ist. Muhsal betont, sich an die „geltenden rechtlichen Rahmenbedingungen“ gehalten zu haben. „Ich stelle klar, dass in meinem Landtagsbüro zu keinem Zeitpunkt Verwandte oder Angehörige von Herrn Schröder beschäftigt waren“, sagte sie.

Hier können Sie den wöchentlichen Podcast „Inside AfD“ von POLITICO-Reporterin Pauline von Pezold und WELT-Politikredakteur Frederik Schindler hören: Spotify, Apple Music, Amazon und YouTube.

Die Höcke-Vertraute Muhsal war im Jahr 2018 rechtskräftig wegen Betrugs zum Nachteil des Landtags zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Laut Urteil hatte die Abgeordnete den Arbeitsvertrag einer früheren Mitarbeiterin ihres Landtagsbüros um zwei Monate vordatiert. Das von der Landtagsverwaltung für die Scheinbeschäftigung erhaltene Steuergeld hat sie demnach für Büromöbel und eine Internetpräsenz ausgegeben, die ein AfD-Politiker für sie erstellt hatte.

In der vergangenen Woche wurden durch Recherchen weiterer Medien nahezu täglich weitere Fälle bekannt. „Die Ereignisse überschlagen sich“, sagt ein Mitglied des Bundesvorstands. So hat etwa Tobias Rausch, parlamentarischer Geschäftsführer der Landtagsfraktion in Sachsen-Anhalt, laut „Mitteldeutscher Zeitung“ vier Spieler seines Siebtliga-Fußballvereins SV 09 Staßfurt im eigenen Büro beschäftigt. Bereits zuvor war bekannt geworden, dass drei Geschwister sowie ein Schwager Rauschs bei anderen AfD-Abgeordneten beschäftigt sind.

Laut SWR ist die Ehefrau des Bundestags-Fraktionsvizes Sebastian Münzenmaier beim rheinland-pfälzischen Europaabgeordneten Alexander Jungbluth beschäftigt. Münzenmaier ist ein einflussreicher Netzwerker und Strippenzieher innerhalb der Bundespartei. Wie Jungbluth gehört er der Rechtsaußen-Burschenschaft Germania Halle zu Mainz an. Dem Sender sagte der 36-Jährige, er sehe in der Beschäftigung kein Problem, da seine Frau schon länger in der AfD aktiv sei als er.

Im Landtagsbüro des nordrhein-westfälischen Abgeordneten Klaus Esser arbeitet dem „Spiegel“ zufolge eine 1940 geborene Ehefrau eines AfD-Mitglieds, der zu einem parteiinternen Netzwerk von Esser gehört. Esser lässt sich im „Kölner Stadt-Anzeiger“ zitieren, die Mitarbeiterin sei eine „betagte, ältere Dame, aber geistig sehr fit“; sie schreibe im Rahmen einer geringfügigen Beschäftigung parlamentarische Anfragen und Anträge und redigiere Texte. Der Düsseldorfer Landtag teilte am Freitag mit, die Gehaltszahlung für die Mitarbeiterin durch die Verwaltung bis zur Klärung einer möglichen Scheinbeschäftigung vorerst auszusetzen. „Die angebliche Arbeitsunfähigkeit meiner Mitarbeiterin ist frei erfunden“, erklärte Esser. Er tue etwas für die Teilhabe von älteren Menschen.

Durch eine Recherche von „t-online“ wurde außerdem am Freitag bekannt, dass der AfD-Fraktionsvize im Bundestag, Stefan Keuter, seine Partnerin in seinem eigenen Büro beschäftigt.

Der Politikwissenschaftler Schroeder, früheres Mitglied der SPD-Grundwertekommission, fällt ein hartes Urteil. „Teile der AfD haben offensichtlich kaum moralische Bedenken, das Gebot zu missachten, mit steuerfinanzierten Mitteln pfleglich und im Sinne der geschriebenen und ungeschriebenen Regeln umzugehen“, sagt er. „Dort herrscht wohl eher die Mentalität: Der Staat ist die Beute – jetzt sind wir da und können uns nehmen, was uns zusteht.“

Politikredakteur Frederik Schindler berichtet für WELT über die AfD, Islamismus, Antisemitismus und Justiz-Themen. Zweiwöchentlich erscheint seine Kolumne „Gegenrede“. Seit Februar 2026 erscheint wöchentlich sein Podcast „Inside AfD“.

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