In der Nacht, bevor der Krieg beginnt, sitzt Mohamed Osman mit Freunden in einem Straßencafé in Khartum. Es ist Ramadan, kurz nach Mitternacht. Tee, Gespräche, in die sich Lachen mischt. Langsam vorbeifahrende Autos. Niemand ahnt, dass dies der letzte normale Abend sein wird. Wenige Stunden später, am Morgen des 15. April 2023, reißen Artillerieschläge Sudans Hauptstadt aus dem Schlaf. „Niemand hat das kommen sehen“, sagt Osman heute. „Am nächsten Tag war alles anders.“

Osman, 22, ist damals Medizinstudent im zweiten Jahr. Freunde flüchten in das Haus seiner Eltern, schlafen tagelang im Wohnzimmer. Der Strom fällt aus, das Trinkwasser wird knapp. Und doch glauben alle, die Kämpfe würden bald vorbei sein. Die Universität liegt nicht weit entfernt. Dass sie eines Tages 2300 Kilometer weiter südlich, in Ruandas Hauptstadt Kigali, weiterexistieren würde, kann er sich damals nicht vorstellen.

Dann wird klar: Es gibt kein Bleiben. Nach einer Woche flieht Osman mit einem Bus aus Khartum, zunächst in eine andere sudanesische Stadt. Als auch dort gekämpft wird, zieht er weiter Richtung Osten, schließlich über die Grenze nach Äthiopien. „Du packst immer wieder neu“, sagt er. „Und hoffst, dass du diesmal bleiben kannst.“

Während Osman unterwegs ist, fällt in Khartum eine Entscheidung mit Tragweite. Die University of Medical Sciences and Technology (UMST), eine private Hochschule mit Schwerpunkt Medizin, wird geplündert, Teile des Campus werden von Kämpfern besetzt. Unterricht ist unmöglich. Doch die Leitung beschließt, den Lehrbetrieb nicht aufzugeben. Die ersten Studenten werden nach Tansania verlegt. Eine Universität auf der Flucht.

Einen eigenständigen Lehrbetrieb ermöglichen die Behörden in Dar es Salaam jedoch nicht, es gibt Probleme mit Arbeitsgenehmigungen. Dann bietet sich Ruanda an, ein Land mit wenig Sudan-Bezug, zudem sind nur rund zwei Prozent der Bevölkerung muslimisch. Die gesamte Universität könne dort angesiedelt werden, teilen die örtlichen Behörden mit, mit anerkanntem Lehrplan, mit klinischer Ausbildung, auch in abgelegenen Dörfern. Für die Studenten ist es die einzige realistische Chance, ihr Studium fortzusetzen.

Das ist nahezu einzigartig. Zwar wurden Hochschulen in großen Konflikten immer wieder zeitweise verlagert, etwa im Zweiten Weltkrieg in Osteuropa oder in der Sowjetunion, doch meist innerhalb desselben Staates. In jüngeren Kriegen wie in der Ukraine flohen viele Lehrer und Studentinnen und Studenten ins Ausland. Der Lehrbetrieb von Universitäten an der Front zerfiel in Gastprogramme, Online-Lehre und internationale Partnerschaften. Zu einer dauerhaften institutionellen Umsiedlung ganzer Hochschulen ins Ausland kommt es jedoch in der Regel nicht.

Osman bleibt zunächst auf der Flucht – erst Türkei, dann Vereinigte Arabische Emirate, dann wieder Türkei, schließlich Tansania. Papiere, Visa, Warteschlangen. Rund neun Millionen Sudanesen müssen im Zuge dieser weltgrößten Vertreibungskrise ihre Häuser verlassen, mehr als vier Millionen suchen Schutz in verarmten Nachbarländern wie dem Tschad oder dem Südsudan, meist in notdürftigen UN-Flüchtlingslagern.

Osman gehört zu der deutlich kleineren Gruppe, die sich eine andere Flucht leisten konnte: Menschen mit Ersparnissen oder familiären Netzwerken in stabileren Ländern. Und doch steht auch er bald vor der Frage, was aus ihm werden soll. Ob er sein Studium je beenden kann? Ob er Arzt wird?

Die Antwort lautet ja. Fast drei Jahre später sitzt er als Student im vierten Jahr in der Cafeteria der UMST. Der Campus liegt in Kigali, der Hauptstadt Ruandas, an einer belebten Straße nahe dem Flughafen. Aus der Ferne ist der Feierabendverkehr zu hören, geordnet wie in kaum einer anderen afrikanischen Metropole. „Jeder Student der Uni hat seine eigene schwierige Geschichte“, sagt Osman. „Aber was zählt, ist, dass wir hier sind.“

Ruandas Rolle als Zufluchtsort steht dabei parallel zu seiner umstrittenen Rolle im Ostkongo-Krieg. Während das Land Flüchtlinge aufnimmt und sich als stabiler Bildungsstandort präsentiert, werfen UN-Expertengruppen Kigali vor, die kongolesische Rebellenmiliz M23 zu unterstützen – Vorwürfe, die die Regierung nur halbherzig zurückweist.

Gleichzeitig beherbergt Ruanda 134.000 Flüchtlinge, die meisten aus der Demokratischen Republik Kongo und aus Burundi. Vor dem Krieg lebten nur wenige Hundert Sudanesen im Land, inzwischen sind es rund 3000. In einer einzigen Straße der Innenstadt gibt es heute sechs sudanesische Restaurants. Die Aufnahmebereitschaft Ruandas gerät angesichts seiner regionalen Machtpolitik bisweilen in den Hintergrund.

Im größten Gebäude des sudanesischen Campus geht Samir Shaheen, der Hochschulrektor, zum Fenster seines Büros. „Das hier“, sagt er und zeigt aus dem Fenster, „war nie geplant. Es war eine Notentscheidung.“ Seine Doktorarbeit absolvierte er einst mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes im idyllischen Heidelberg. Seit Beginn des Krieges im Sudan im April 2023 lebt er im Krisenmodus.

Auch er erinnert sich an die ersten Stunden des Krieges. Er hatte gerade ein Kind auf dem Operationstisch, als er die ersten Einschläge hörte und Kampfjets über Khartum flogen. Er beendete die Operation, obwohl das Licht ausfiel. So handle er bis heute: erst das Nötigste sichern, dann weitermachen.

Sechs Wochen habe man gezögert, dann sei klar gewesen: Wenn sie weiter warten, verliert eine ganze Generation zukünftiger Ärzte ihre Ausbildung. 300 Studenten sind bis heute in Sansibar, eine vollständige Ansiedlung der überwiegend medizinischen Universität scheiterte dort an den Arbeitsgenehmigungen. Ruanda habe dagegen schnell reagiert, sagt Shaheen. Visa, Genehmigungen, Gebäude. „Sehr effizient. Ohne Umwege.“ Letztlich hätten die Studenten nur rund sechs Monate Unterricht verpasst.

Jeder hier hat sein eigenes Trauma

Zunächst nutzte man Räume der örtlichen Universität, dann übernahm man den Campus einer Wirtschaftshochschule und baute ihn zu Laboren um. Fast alle 700 Studenten zogen aus dem Sudan mit nach Ruanda, dazu rund 40 Lehrkräfte. Inzwischen studieren hier auch junge Menschen aus Ruanda, aus Ägypten und Saudi-Arabien.

Jeder hier hat sein eigenes Trauma. Tala Alwalid, 20 Jahre alt, Studentin im ersten Semester, hat der Krieg ein Jahr genommen. Als im April 2023 die Kämpfe beginnen, wartet sie in der Schule auf eine Prüfung. Kurz darauf ist alles unterbrochen: Unterricht, Abschlüsse, Pläne.

Die Familie flieht, erst innerhalb des Landes, später nach Ägypten. Acht Monate lebt sie mit Verwandten zusammen, viele Menschen, wenig Platz, kaum Perspektive. Lernen ist unmöglich, Prüfungen auch. Bildung wird zur Frage des Geldes – und des Wartens.

In Ägypten ist sie zwar in Sicherheit, kommt aber nicht voran. Die Gebühren für Schule und Universität sind unerschwinglich. Der Vater, ein IT-Experte, findet erst nach Monaten einen stabilen Job und zieht nach Saudi-Arabien, kann Geld für ihren Schulabschluss und die Studiengebühren schicken – sie betragen Tausende Dollar jährlich. Seit zwei Jahren hat sie ihn außer bei Videoanrufen nicht mehr gesehen. Tala erlebte offene Ablehnung in Ägypten. „Man machte sich über unseren Akzent lustig, über unsere Hautfarbe“, sagt sie. „Ich habe mich dort nie zu Hause gefühlt.“

Kigali ist für Tala deshalb mehr als ein neuer Studienort. Es ist ein Neustart. Seit September studiert sie hier. Sie erlebt ein Land, das ihr fremd ist und ihr zugleich Halt gibt. „Hier werde ich respektiert“, sagt sie. Dass sie sich in Ruanda, einem überwiegend christlichen Land, willkommener fühlt als zuvor in Ägypten, überrascht sie selbst. Tala weiß, dass sie Zeit verloren hat. Aber sie sitzt wieder im Hörsaal. Und das reicht fürs Erste.

Für Ruanda ist die sudanesische Universität mehr als eine humanitäre Hilfestellung. Das Land leidet seit Jahren unter akutem Ärztemangel. Zwar versucht die Regierung mit vergleichsweise hohen Gehältern gegenzusteuern, ein Arzt im öffentlichen Dienst verdient rund 1000 Euro im Monat. Doch landesweit kommt nicht einmal ein Arzt auf zehntausend Einwohner. In Deutschland sind es 45.

Dass Kigali inzwischen auch Zufluchtsort sudanesischer Fußballtradition ist, wirkt wie eine Randnotiz mit Symbolkraft. Die Spitzenklubs Al Hilal und Al Merrikh haben ihren Spielbetrieb hierher verlegt, integriert in die ruandische Fußballliga. Heimspiele im Exil. Für viele Sudanesen sind sie ein Stück Normalität.

Hochschulrektor Samir Shaheen spricht über Ruanda, als rede er über eine Anleitung für die Zeit nach dem Krieg. „Dieses Land ist durch etwas Unvorstellbares gegangen“, sagt er und meint den Genozid von 1994. „Und trotzdem ist hier eine sichere, offene Gesellschaft entstanden.“ Es sei nicht das Vergessen gewesen, das Ruanda stabilisiert habe, sondern der Umgang mit der Vergangenheit. Man habe sie dokumentiert, über Jahre hinweg darüber gesprochen – und dann einen Weg gesucht, weiter zusammenzuleben.

Dass der Krieg im Sudan noch tobt, hält ihn nicht davon ab, an die Zeit danach zu denken. Warten sei keine Option. „Wenn man erst nach Kriegsende anfängt zu planen, ist es zu spät.“ Deshalb arbeite man schon jetzt an Konzepten für Wiederaufbau und Versöhnung. Bildung spiele dabei eine Rolle. Sie könne keine Wunden heilen, sagt der Mediziner. Aber sie könne verhindern, dass alles wieder von vorn beginnt.

Die Universität will so bald wie möglich wieder in Khartum präsent sein, ein kleiner Campus wurde vor einigen Monaten bereits wieder eröffnet. Der Standort Kigali aber soll bleiben. Auf Shaheens Schreibtisch stehen schließlich zwei Fähnchen. Ruanda und Sudan.

Christian Putsch ist Afrika-Korrespondent. Er hat im Auftrag von WELT seit dem Jahr 2009 aus über 30 Ländern dieses geopolitisch zunehmend bedeutenden Kontinents berichtet.

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