Pawel Talankin ist 33 Jahre alt, ein gemütlicher Mann, der zuweilen überrascht wirkt, wie grundlegend sich sein Leben geändert hat. Heute ist Talankin Kinoregisseur, lebt in Prag, hat Filmpreise in der Tasche und ist, gemeinsam mit dem US-Amerikaner David Borenstein, für einen Oscar in der Kategorie „Bester internationaler Film“ nominiert.

Ausgezeichnet werden soll sein erstes und bisher einziges Werk, ein Dokumentarfilm, den er „Ein Nobody gegen Putin“ genannt hat. Der Film ist seine Art, mit dem Werdegang und dem neuen Weg seiner russischen Heimat umzugehen.

Talankin stammt aus Karabasch. Dort spielt auch sein Film. Karabasch ist eine russische Kleinstadt mit zehntausend Einwohnern in der Nähe der kasachischen Grenze, in den Hügeln des südlichen Ural-Gebirges gelegen und von endlosen Wäldern umgeben. Am Stadtrand steht ein gewaltiges Kupferschmelzwerk, das zwar die Umwelt verpestet, dafür aber die gesamte Stadt ernährt.

In seinem früheren Leben arbeitete Talankin an der „Allgemeinen Hauptschule Nr. 1“, einem zweistöckigen Zweckbau aus Sowjetzeiten im Zentrum des Städtchens. Er war Pädagoge, Vertrauenslehrer – und Schulvideograf. Sein Job war es, Abschlussfeiern, Einschulungen, Sommerfeste und Theateraufführungen für das Schularchiv zu dokumentieren.

Dann ließ Kremlchef Wladimir Putin am 24. Februar 2022 die Ukraine überfallen. Und obgleich Karabasch fast zweitausend Kilometer von der Front entfernt liegt, sickerte der Krieg sofort in den Schulalltag ein. Im Wochentakt spuckte der Drucker der Schulleitung die neuen Anweisungen des Bildungsministeriums aus: neue Unterrichtsfächer, umgeschriebene Geschichtsbücher, Flaggenappelle und Aufmärsche in den niedrigen Korridoren, untermalt von der russischen Nationalhymne. Der Befehl lautete: Patriotismus und Stolz auf die Heimat.

Das Putinregime wollte die Kinder Russlands auf seine Seite ziehen. Und im ideologischen Kampf um ihre jungen Köpfe kam Talankin eine ganz besondere Rolle zu: Der Schulvideograf sollte bei den vielen neuen Propagandaveranstaltungen im Schulalltag mitfilmen; um zu beweisen, dass die Anweisungen von oben auch umgesetzt wurden.

Das tat er. Und im Sommer 2024 verließ er das Land, über zwei Jahre nach Kriegsbeginn. Im Gepäck hatte er etliche Festplatten, Terabytes voller Filmmaterial, die die Propaganda an russischen Schulen dokumentierten und aus denen er gemeinsam mit der BBC einen Film schneiden wollte. Er hatte einen Hin- und Rückflug nach Istanbul gebucht. Sieben Tage Strandurlaub, das wollte er den Grenzern sagen, falls sie Fragen stellten. Den Rückflug trat er nie an.

Städtchen und Schule wirken nett im Film. Ganz normale Kinder, ganz normale Lehrer, nicht wirklich anders als in Westeuropa. Es gab Kuchen im Lehrerzimmer, artige, kleine Jungs in weißen Hemden, einen Kinderchor, Zeichnungen der Erstklässler hingen im Flur. Der Krieg veränderte den Lehrplan.

Im neuen Schulfach „Gespräch über Wichtiges“ trugen die Lehrkräfte frisch gedruckte Propaganda-Leitfäden vor. Sie mussten das tun. „Russland sieht sich gezwungen, in der Ukraine eine Demilitarisierung und eine Denazifizierung durchzuführen“, las eine Lehrerin vom Blatt ab. Die Worte lang und umständlich, ständig verhaspelte sie sich. Manche Schüler lachten. Im Lehrerzimmer diskutierten sie, was die Einmischung von oben sollte, warum die Moskauer Beamten die Lehrer nicht einfach ihre Arbeit machen ließen.

Andere Lehrer nahmen die neue politische Realität sehr ernst. „Warum wurde die Krim ein Teil Russlands?“, fragte er zur Begrüßung. „Die Bewohner wollten es so“, betete ein kleines Mädchen mit geflochtenen Zöpfen die auswendig gelernte Antwort herunter.

Dann berichtete der Lehrer von Europa. „Wer leidet am meisten unter den europäischen Sanktionen? Die Europäer selbst“, schmunzelte er. „In Frankreich ist Benzin inzwischen so teuer, dass sie da bald wieder auf Pferden reiten werden. Und die anderen Europäer auch.“ Dann ging er über in eine Lektion über die Liebe zu Russland. „Es muss keinen Grund geben, die Heimat zu lieben. Man liebt sie einfach. Es ist eine bedingungslose Liebe. Genau wie mit der eigenen Mutter. Da gibt es überhaupt nichts zu diskutieren.“

Die Gesichter der Schüler blieben ausdruckslos. Sie waren zu jung, um die Informationen einzuordnen. Man sieht sie draußen im Winter herumtollen, Schneebälle werfen, wässrige Suppe in der Kantine löffeln.

Er habe schnell gespürt, dass Krieg sei, schildert Talankin im Gespräch mit WELT. „Die Leute wurden vorsichtiger. Schließlich war ich immer mit einer Kamera unterwegs.“ Früher sei das nie ein Problem gewesen. „Aber nun fanden es die Leute plötzlich verdächtig und komisch. Verhielten sich anders.“

So sei auch er vorsichtig gewesen, nicht mal seine Mutter, die als Schulbibliothekarin eine wichtige Rolle im Film spielt und der er immer Blumen brachte, habe von seinen Plänen gewusst. „Ich habe das natürlich niemandem erzählt. Das wäre dumm gewesen. Niemand wusste, dass ich nicht zurückkommen würde. Nicht einmal ich selbst.“

Pawel Talankin unterrichtete nicht selbst. Er war eine Art Vertrauenslehrer. Sein Büro stand den Schülern immer offen. Gerade die Älteren, die Teenager, kamen ihn besuchen. Sein Büro erinnerte an einen Jugendclub, sie spielten Gitarre, tanzten, rappten oder sprachen über den Alltag. Einen Alltag, indem der Krieg eine immer größere Rolle spielte.

Mascha etwa, vielleicht sechzehn Jahre alt und ein freches Grinsen im Gesicht, war geknickt. Ihr Bruder wurde mobilisiert, wurde eingesetzt, um „Artjomowsk zu befreien“. Ihm gehe es gut, noch. Aber um ihn herum fielen sie in Scharen. Weswegen die Schüler auch angehalten wurden, im Russischunterricht Briefe an die Frontsoldaten zu schreiben. Das gab gute Zensuren. Oder eben nicht, wenn man mit dem Briefeschreiben fremdelte.

Es war Zufall, dass Pawel Talankin überhaupt mit einem Dokumentarfilm-Regisseur in Kontakt kam. Es begann mit dem Post einiger russischer Filmemacher auf Instagram, den Talankin zufällig zu sehen bekam. „In dem Post stand, dass ein paar Leute einen Film drehen wollen, darüber, wie die Spezialoperation den eigenen Arbeitsalltag verändert hat“, erzählt Talankin WELT. Er schrieb eine lange E-Mail, berichtete, dass er kaum noch freie Zeit habe, weil er ständig damit beschäftigt sei, die neuen Unterrichtseinheiten und die Flaggenappelle am Morgen zu filmen. Und abends stundenlang am Schreibtisch sitze, um die Videos auf staatliche Server hochzuladen.

Seine Mail stieß offenbar auf großes Interesse, der Empfänger leitete sie an einen Journalisten im Westen weiter, den er zufällig kannte. Und einige Tage später meldete sich die BBC bei Talankin. Ob er Interesse habe, an einem Dokumentarfilm über die Propaganda an russischen Schulen mitzuwirken. Er sei ja der Schulfilmer, das sei die ideale Tarnung. Eine ganze Nacht habe er kein Auge zugetan. Dann sagte Talankin zu. „Zwei Jahre haben wir Videomaterial gesammelt“, berichtet er über die Zeit danach.

Irgendwann war der Krieg endgültig in Karabasch angekommen. Wer nicht dafür war, war dagegen. Das war gefährlich, weswegen man dafür war. Talankin spürte, wie zuwider ihm war, was er sah. Am 9. Mai wurde der Sieg über Nazideutschland gefeiert, mit dem Tenor: Geschichte wiederholt sich, und wieder werden wir siegen. Man steckte die Kinder in sowjetische Militäruniformen, verbarg ihre Haare unter Fliegermützen. Und während die Nationalhymne lief, aßen sie Zuckerwatte und turnten auf Hüpfburgen herum.

Mascha erzählte von ihrem Bruder: Der habe Fotos geschickt, von der Front, acht Granaten am schweren Gürtel. Söldner der Wagnergruppe kamen in die Aula: Sie erzählten vom Kriegsalltag, erklärten, wie man sich vor Drohnen versteckt, gaben Minenattrappen an die Zuhörer, die das Sprengmittel von Hand zu Hand durch die Sitzreihen reichten. Dann gab es Schießtrainings, schwere Kalaschnikows in Kinderhänden. Im Hof Granatenweitwurf, die besten Schüler bekamen Urkunden für ihre Wurfkraft.

Als der Film 2025 fertig wurde, so berichtet Talankin im WELT-Gespräch, sei im dänischen Radio ein Beitrag darüber ausgestrahlt worden. „Das hat eine russischsprachige Frau gehört, es im Internet gepostet – und Karabasch erfuhr davon. Dann bekam ich etliche Nachrichten: Du hast einen Film gedreht? Worum geht es dabei?“ Ein paar Tage später habe man den Film im Internet abrufen können. „Es dauerte drei Wochen, dann tauchten Geheimdienstleute in Karabasch auf. Sie versammelten die Schulleitung und schärften ihnen ein: Talankin und dieser Film existieren nicht und haben auch nie existiert. Sie baten, das auch den Kollegen auszurichten.“ Dann sei es etwas ruhiger geworden, doch immer noch hätten ihm viele Menschen geschrieben.

Talankin und die BBC wussten natürlich, dass die Veröffentlichung Konsequenzen für die Menschen vor Ort haben würde. „An dem Film hat eine ganze Kommission gearbeitet: BBC-Leute, Spezialisten aus Russland, Diplomaten und Juristen. Sie haben das gesamte Material durchgesehen und entschieden, welche Szenen man zeigen kann, ohne die Menschen in Russland zu gefährden, die auf den Bildern zu sehen sind.“

Dann war Maschas Bruder plötzlich tot. Nicht nur er. Karabasch war eine kleine Stadt, jeder kannte jeden. Zinksärge kehrten heim in den Ural, es waren viele. Talankin besuchte eine Beerdigung, zu filmen wagte er nicht, doch den Ton nahm er auf. Der Bildschirm schwarz, unterlegt mit dem schrillen Wehklagen der Mutter, ihre Schreie verzweifelt, animalisch.

Und Talankin war immer noch Vertrauenslehrer. Doch sein Büro blieb jetzt häufig leer. Die Schüler kamen nicht mehr. Sie hatten Angst, gesehen zu werden mit dem Mann, über den man munkelte, er habe ein Problem mit der Politik und der Spezialoperation. Talankin spürte, dass es Zeit war zu gehen.

Viele, so Talankin, hätten den Film geschaut. Trotz der strikten Ansprache des FSB-Geheimdienstes. „Ich hoffe, er hilft einigen Russen, anders auf ihr Land zu blicken.“ Viele hätten ihm geschrieben, ihm gedankt, ihn über seine Mutter grüßen lassen. „Dann kamen Leute von ‚Russia Today‘ nach Karabasch. Sie wollten die Eltern der Kinder, die man im Film sieht, dazu überreden, in der Staatsanwaltschaft Beschwerde gegen mich einzulegen. Keiner ging mit. Und irgendein Kreml-Journalist in Europa versuchte, Gleichgesinnte zu finden, um sich über das Oscar-Komitee zu beschweren. Ohne Erfolg.“ Aber natürlich habe der Film nicht allen gefallen. „Ich habe auch Beleidigungen zugeschickt bekommen.“ Doch positives Feedback habe überwogen.

Der Film endet im Sommer 2024, am Tag des „Letzten Läutens“. So nennt man in Russland den letzten Schultag der Abschlussklassen. Aus dem Off erklärt Talankin, wie sehr er Russland liebt. Dass er es vielleicht mehr liebt als all die Regime-Befürworter. Er schwärmt von der Luft am Ural, seinen weiten Wäldern im Herbst.„Liebe heißt doch nicht, die Fahne zu schwenken und die Hymne zu singen“, findet er.

Das „letzte Läuten“ wurde rauschend gefeiert. Die Abschlussklassen mochten Talankin, sie umarmten ihn und dankten ihm, dass er sie so lange begleitet hatte. Viele der Jungs würde man bald in die Armee einziehen. Am nächsten Morgen reiste Talankin ab und flog nach Istanbul.

Er ist bislang nicht mehr zurückgekehrt in seine geliebte Heimat.

„Ein Nobody gegen Putin“ feierte am 21. März 2025 seine Premiere in Tschechien. Seit Kurzem ist er auch in deutscher Sprache verfügbar und kann in der Arte- oder ZDF-Mediathek angesehen werden.

Julius Fitzke ist seit Juli 2025 Volontär bei WELT im Ressort Außenpolitik.

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