Das Internet ist abgeschaltet. Nur einzelne Anrufe ins Ausland kommen durch. Rückrufe sind nicht möglich. Die Kommunikation mit den Menschen im Iran ist seit dem amerikanisch-israelischen Angriff auf das Mullah-Regime am Wochenende schwierig. Denn Teheran versucht, alle Datenströme zu blockieren.
Eine Iranerin, die in einer deutschen Großstadt lebt, hat für WELT ihre Kommunikation mit Verwandten und Freunden in ihrem Heimatland protokolliert. Es geht in den Gesprächen um die jüngsten Angriffe – und die Schicksalstage im Januar, als der iranische Sicherheitsapparat zehntausende Demonstranten ermordete.
Einzelne Details (unter anderem zu familiären Bezügen) wurden von der Redaktion verändert, um keine Rückschlüsse über die Identität der Menschen zuzulassen. WELT ist die Identität der Protokollantin und wesentlicher in den Erzählungen vorkommender Personen bekannt. Nicht jedes Detail lässt sich unabhängig überprüfen. Kernpunkte werden durch Fotos und Screenshots sowie weitere unabhängige Berichte gestützt.
Dieser Text enthält explizite Darstellungen von Gewalt. Die Schilderungen können für manche Leser belastend sein.
Erzählung eines Freundes
Ein Freund aus meiner Schulzeit hat Angst, den vollständigen Namen Chameneis zu nennen, weil er Rechtsanwalt ist und die Sorge hat, dass sein Telefon überwacht wird. Wir haben den Namen in unserer Kommunikation codiert. Er sagte, wie sehr er sich über die Tötung Chameneis freut und wie glücklich er ist. In der Nacht, in der er die Nachricht gehört hat, ist er mit dem Auto auf die Straße gefahren und hat zusammen mit anderen Menschen auf dem Tajrisch-Platz (im Norden Teherans, d. Red.) gehupt und laut Musik abgespielt.
Die Leute gratulierten einander, verteilten Süßigkeiten und weinten vor Freude. Mein Freund sagte aber: Das ist nicht das Ende. Ich solle allen sagen, dass Menschen bei jeder Rakete, die über den Himmel fliegt und irgendwo einschlägt, jubeln. Sie stehen auf ihren Balkonen und auf den Dächern ihrer Häuser und klatschen und stoßen Freudenschreie aus.
Er sagte, ich solle berichten: Der Krieg ist für sie ein Segen und der einzige Weg der Befreiung von der Islamischen Republik. Sie sind überzeugt, dass Amerika und Israel präzise zielen und normalen Menschen keinen Schaden zufügen. Wenn Nachrichten über Einschläge in Krankenhäusern und Schulen bekannt werden, wissen alle, dass es das Werk der Sepah (Islamische Revolutionsgarde, d. Red.) ist, die Menschen als menschliche Schutzschilde benutzen. Und selbst wenn es nicht so wäre, sind die Menschen bereit, jeden Preis zu zahlen, um die Zeit der Islamischen Republik zu beenden.
Menschen, die in zwei Tagen mehr als vierzigtausend Tote (die Zahl der Toten bei den Demonstrationen im Januar ist umstritten, Berichten zufolge geht der Geheimdienst der Revolutionsgarden von mehr als 36.500 Getöteten aus, d. Red.) erlebt haben – für sie ist nur ein Weg geblieben: entweder Tod oder Freiheit.
Erzählung meiner Cousine
In einem Telefonat mit meiner Cousine, einen Tag nach der Tötung Chameneis, gedachten wir der Getöteten der Revolution „Löwe und Sonne“ (so nennen Anhänger Reza Pahlavis, Sohn des letzten Schahs, die Protestwelle im Januar, d. Red.) und weinten. Meine Cousine, die selbst an den Tagen des 18. und 19. Dey-Monats (in unserer Zeitrechnung: 8. und 9. Januar, d. Red.) und zwei Tage danach in den Straßen Teherans im Viertel Punak gewesen ist und die Ermordung vieler Landsleute mit eigenen Augen gesehen hat, sagt: Gestern Abend haben sie Kotelett (persische Frikadellen aus Fleisch und Kartoffeln, d. Red.) gegessen. Wegen der zerfallenen Textur dieses Essens ist es nach der Tötung Qasem Soleimanis (iranischer General, der 2020 getötet wurde, d. Red.) unter den Leuten zu einem humoristischen Protestsymbol geworden.
Heute hat sie den ersten Sonnenaufgang ohne Chamenei gesehen. Sie sagt: Als sie Haddad-Adel (ehemaliger Sprecher des iranischen Parlaments, d. Red.) im Fernsehen gesehen habe, wie er über den Tod seiner Tochter (Zahra Haddad-Adel, Ehefrau von Mojtaba Chamenei, Sohn von Ali Chamenei) sprach, die zusammen mit Chamenei und vierzig anderen getötet worden sei, sei sie aus tiefstem Herzen froh gewesen. Es war kein Gefühl des Sieges – denn die Islamische Republik ist noch nicht vollständig gefallen –, sondern Freude darüber, dass auch Regimeanhänger nun endlich die Tötung ihrer Familienmitglieder mit eigenen Augen gesehen haben und dieses Unglück auch vor ihrer Haustür angekommen ist.
Am zweiten Tag nach der Tötung Chameneis rief meine Cousine mich erneut an. Sie sagt, Israels Raketen seien auf die Polizeiwachen und die Quartiers-Stützpunkte der Basij (brutale Freiwilligenmiliz, die das Regime stützt, d. Red.) gefallen. Alle, die beim großflächigen Massaker an den Menschen eine Rolle gehabt haben, würden einer nach dem anderen eliminiert. Sie sagt: Nach dem Fall jeder Polizeiwache und jedes Basij- und Sepah-Stützpunkts riefen Freunde und Nachbarn einander an und nannten sich gegenseitig die Namen derjenigen, die ihre Liebsten getötet haben und nun selbst getötet worden sind.
Meine Cousine sagt: Es scheint, Israel und Amerika hätten eine Liste, und anhand genau dieser Liste hätten sie die Mörder, die unsere unschuldigen Landsleute ins Visier genommen hatten, selbst ins Visier genommen. Obwohl sie sich sehr vor dem Geräusch der Bombe und dem Einsturz von Gebäuden fürchtet, ist sie voller Dank für diejenigen, die diese Rache für uns nehmen.
Sie sagt: Allein in ihrem kleinen Viertel hätten fünf Personen den Befehl gegeben, von den Dächern der Polizeiwache auf die Menschen zu schießen, und nun seien alle fünf tot – und sie müsse zum Mittagessen wieder Kotelett machen.
Erzählung meiner Tante
Ich spreche mit meiner Tante. Sie spricht über die Teuerung und den Mangel an Lebensmitteln. Über Konserven und Toilettenpapier und die Notfalltasche, die sie in einer Ecke des Hauses hingelegt hat. Aber im Innersten glaubt sie an die Freiheit Irans und erträgt diese Härten, weil sie weiß, dass der einzige Weg zur Freiheit Irans nur militärisch möglich ist. Meine Tante lebt in einem ärmeren Viertel in Teheran.
In diesen Tagen, in denen das Bestreiten des Lebensunterhalts schwerer ist als je zuvor, hatte ich meiner Tante etwas Geld geschickt, damit sie – zusätzlich zur Beschaffung des Lebensnotwendigen für sich – wenn möglich auch einer bedürftigen Person helfen kann. Meine Tante sagte, sie kenne in unserer Nachbarschaft eine Familie, die ihre zwanzigjährige Tochter im Verlauf der Revolution verloren habe, und sie wisse, dass die Familie finanziell in einer schweren Lage sei. Sie entschied, diese Frau zu besuchen und neben dem Beileid auch ein paar Lebensmittel für sie mitzunehmen.
Sie sprechen über die schmerzhaften Erinnerungen, Zusammensein und gegenseitiges Mitgefühl – das sind Dinge, die die Menschen in diesen schweren Tagen tun. Die Frau hat meine Tante gebeten, dass sie ihre Erzählung verbreitet.
Erzählung der Nachbarin aus der Sicht meiner Tante
Die Tochter der Frau war in der Nacht des 18. Dey-Monats in Reaktion auf den Aufruf Reza Pahlavis in Tehransar (im Westen Teherans, d. Red.). Sicherheitskräfte stiegen aus einem Van der Firma Digikala (iranischer Online-Versandhandel, d. Red.) und nahmen die Menschen unter Dauerfeuer. Eine Kugel traf die junge Frau von hinten am Arm.
Jemand brachte sie ins Krankenhaus „Nikan Gharb“. Die Familie wurde kontaktiert, und sie kam schnell ins Krankenhaus. Dort sahen sie viele Verletzte und deren Familien und erfuhren von dem Geschehen.
Das Kind dieser Familie wurde auf die Intensivstation verlegt, und der Betrag von achtunddreißig Millionen Toman (circa 140 Euro, d. Red.) wurde von der Familie für die Aufnahme genommen. Nach kurzer Zeit sagten die Krankenhausmitarbeiter, dass ihr Blut transfundiert werden müsse und das Krankenhaus unter Blutmangel leide. Familienmitglieder erklärten sich zur Blutspende bereit, aber man sagte ihnen, dass die Blutbank derzeit geschlossen sei und sie bis zum nächsten Morgen warten müssten. Man nahm von der Familie die Personalausweise und Daten und sagte, sie sollten fürs Erste nach Hause zurückkehren.
Ein paar Stunden später, um fünf Uhr morgens, wurde die Familie angerufen und man verlangte, dass sie zur Abholung der Leiche ins Krankenhaus zurückkehre. Die Familie glaubt, dass ihre Tochter infolge starken Blutverlusts starb. Sie sei getötet worden, weil man ihr eine OP versagt habe.
Die Familie verlangte, den Körper ihres Kindes zu sehen, aber man sagte ihr, dass der Leichnam nach Kahrizak (Leichenhalle in Teheran, d. Red.) gebracht wurde, weil ihre Identität unbekannt gewesen sei. Die Familie protestierte und sagte, dass ihre Personalausweise und Daten genommen worden seien. Wenn die Frau unbekannt gewesen wäre, wie habe man die Familie dann anrufen können? Darauf gaben die Krankenhausmitarbeiter keine Antwort.
Die Familie fuhr nach Kahrizak. Dort musste sie einen Leichensack nach dem anderen öffnen. Die Mutter sah den Körper eines Jungen, den sie schon im Krankenhaus gesehen hatte. Dort hatte er nur eine oberflächliche Verletzung an der Hand. Jetzt sah man ein Kugelloch an seiner Schläfe.
Sie sah außerdem den Körper einer schwangeren Frau, deren Bauch bereits so dick war, dass er kaum in den Sack passte. Unter den schrecklichsten Szenen, die Mutter, Vater und Onkel dieses jungen Mädchens nach dem Öffnen der Säcke mit eigenen Augen gesehen haben wollen, waren auch die Körper von Männern, die offenbar genital verstümmelt worden waren. (Die Redaktion hat sich entschlossen, an dieser Stelle auf eine explizitere Darstellung des Gesagten zu verzichten.)
Auf einem der Säcke stand als Geburtsdatum 1369 (In unserer Zeitrechnung 1990 oder 1991, d. Red.). Der Onkel der Familie öffnete diesen Sack und fand die gesuchte 20-Jährige. Es scheint, dass Geburtsdaten, Identitäten oder Namen falsch oder als „unbekannt“ auf den Säcken mit den Leichen vermerkt worden waren – mutmaßlich damit Familien, um ihre Liebsten zu finden, gezwungen waren, mehr Säcke zu öffnen.
Am Ende wurde der Körper der Familie nur unter der Bedingung übergeben, dass die Beerdigung im Verborgenen erfolgt. Eine Erlaubnis für eine Zeremonie wurde ihnen nicht erteilt. Meine Tante sagt: Wenn der Angriff Amerikas und Israels auf den Iran nicht gewesen wäre, hätte sich niemals auch nur ein wenig ihres Schmerzes gelegt. Sie betet für die Gesundheit der amerikanischen und israelischen Soldaten und des iranischen Volkes.
Erzählung meines Cousins
Ich spreche mit meinem Cousin, der Soldat ist. Er geht immer noch zum Wehrdienst. Er sagt, im zwölf Tage dauernden Krieg (im Sommer 2025, d. Red.) hätte man ihnen eine Verpflichtungserklärung abgenommen. Demnach stehe auf Desertation die Hinrichtung.
Er sagt, die Armee habe keine besondere Bewaffnung und die Luftabwehr funktioniere auch nicht richtig. Alles, was es gebe, sei in der Hand der Sepah, die auch die Armee bedroht habe. Wer sich ergebe, werde mit DSchK-Maschinengewehren (sowjetische Maschinengewehre, die bis 1975 produziert wurden, d. Red.) getötet.
Mein Cousin geht jeden Tag ein paar Stunden zu seinem Dienstort. Wenn Raketen einschlagen, ziehen die Soldaten ihre Uniform aus und flüchten an einen sicheren Ort, aber er kann nicht vollständig aufhören, zum Wehrdienst zu gehen. Letzte Woche, als einer der Soldaten nicht mehr zur Kaserne an seinem Dienstort zurückkehrte, sei dieser verhaftet worden. Jetzt sitzt er im Gefängnis und wartet auf ein Todesurteil.
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