Die Studentenvertretung der Hertie School in Berlin hat sich dem Israel-Boykott verschrieben. In einem Beschluss vom Mittwoch sprechen sich die gewählten Repräsentanten der privaten Hochschule für die gegen Israel gerichtete Kampagne „Boycott, Divestment, Sanctions“ (BDS) aus. Diese fordert eine vollständige politische, wirtschaftliche und kulturelle Isolation des jüdischen Staats.
Die Hertie School versteht sich als Ausbildungsstätte für „Führungspositionen in Regierungen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft“. Die staatlich anerkannte Privatuniversität sitzt an der Friedrichstraße im Herzen der Hauptstadt, unweit des Regierungsviertels. Nach eigenen Angaben studieren derzeit 938 Personen aus mehr als 70 Nationen hier, 3365 haben seit der Gründung 2004 ihren Abschluss gemacht. Die Hochschule bietet unter anderem Master-Programme zu „Public Policy“, internationalen Beziehungen und „Public Administration“ an, zudem kann in „Governance“ promoviert werden.
Der Beschluss der Hertie Student Representation (HSR) begrüßt nun eine vollständige Abkehr von Israel. Das HSR ist die gewählte Vertretung der Studierendenschaft, vergleichbar mit dem Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) an Universitäten. Im Beschluss von elf der zwölf Gewählten wird neben der BDS-Kampagne auch die „Palestinian Campaign for the Academic and Cultural Boycott of Israel“ befürwortet. Letztere fordert den vollständigen akademischen und kulturellen Boykott Israels. Sämtliche studentischen Finanzmittel sollen auf Beteiligung von Projekten geprüft werden, die nach BDS-Einstufung mit israelischen Unternehmen oder Organisationen verstrickt sind. Das Geld solle in dem Fall abgezogen werden. Auch entsprechende Stipendien oder Auszeichnungen werde man ablehnen.
Der HSR verwaltet eigene Gelder, die dem Gremium von der Hertie School zur Verfügung gestellt werden. Diese können Studentengruppen für Sportprojekte, Arbeitsgruppen oder Partys beantragen. Laut dem neuen Beschluss sollen diese also künftig den antiisraelischen Regeln der Boykott-Kampagne unterliegen.
Auf die Hertie School wolle man einwirken, sämtliche Kooperationen zu prüfen, damit diese keine „materielle Unterstützung von Menschenrechtsverletzungen in den besetzten palästinensischen Gebieten“ betrieben. „Unseres Wissens ist die HSR die erste Studentenvertretung in Deutschland, die eine Resolution zur Unterstützung von BDS verabschiedet hat“, schreibt der HSR-Vorsitzende Andrew Hastings in einer englischsprachigen E-Mail an alle Studenten, die WELT vorliegt. „Damit wollen wir eine bessere Kultur der Verantwortung auf dem Campus und eine tiefere ethische Verantwortung für die Gemeinsamkeit fördern.“
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Studentenvertretungen distanzierten sich in der Vergangenheit zumeist von der BDS-Kampagne. Der „freie zusammenschluss von student*innenschaften“ – der AStA-Dachverband – verurteilte BDS 2019 als „aggressiven Ausdruck des israelbezogenen Antisemitismus“. Zuletzt hoben erste Studentenparlamente die Beschlüsse allerdings auf, etwa der AStA der Humboldt-Universität in Berlin. In einer Stellungnahme sprachen sich unter anderem der AStA der Technischen Universität Berlin sowie der AStA der Freien Universität Berlin kürzlich für einen „Erhalt von Diskursräumen zur Notwendigkeit und Ausgestaltung akademischen Boykotts“ aus.
Der Bundestag verurteilte die BDS-Kampagne 2019. „Die Argumentationsmuster und Methoden der BDS-Bewegung sind antisemitisch“, heißt es im Beschluss. BDS-Veranstaltungen und -Organisationen dürfen demnach keine öffentlichen Gelder mehr erhalten. Nach dem Hamas-Terror gegen Israel am 7. Oktober 2023 und im Zuge des darauffolgenden israelischen Krieges in Gaza wurde auch an deutschen Universitäten gegen Israels Kriegsführung demonstriert. Dabei kam es auch zur Befürwortung von Terror gegen Israel. Jüdische Studenten berichteten von Anfeindungen, Angst und Gewalt.
„Führungsgeneration, auf die sich Juden verlassen können“
Die Jüdische Studierendenunion Deutschlands (JSUD) verurteilt die „antisemitische Signatur der BDS-Kampagne“, die an nationalsozialistische Boykotte erinnere. „Hier wird ein massiver Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit vollzogen“, sagt JSUD-Präsident Ron Dekel WELT. Gerade an Universitäten müsse sichergestellt werden, dass Wissenschaftsfreiheit gelte und keine Gelder über Studentenvertretungen an BDS-nahe Gruppen fließen. „Dass dies nun an der Hertie School in Berlin geschehen ist, einer Institution, die selbst den Anspruch erhebt, die nächste Führungsgeneration auszubilden, ist besonders erschreckend. Es zeigt, dass Antisemitismus weiterhin auch in akademischen Räumen präsent ist.“
Die Universitätsleitung müsse sich klar distanzieren und sicherstellen, dass die BDS-Kampagne keinen Platz auf dem Campus bekomme, fordert Dekel. „Dazu gehört auch, sich klar mit jüdischem Leben zu solidarisieren, Projekte zu fördern, die antisemitischen Strömungen entgegenwirken, sowie die Kooperation mit israelischen Institutionen zu vertiefen. Ziel muss es sein, eine nächste Führungsgeneration auszubilden, auf die sich Jüdinnen und Juden verlassen können.“
Die Leitung der Hertie School geht auf Distanz zum Beschluss der eigenen Studentenvertretung. „Dieser Beschluss wurde von der HSR getroffen und spiegelt in keiner Weise die Positionen der Hertie School als akademische Institution wider“, sagt Hochschulpräsidentin Cornelia Woll WELT. „Die Hertie School lehnt jegliche Zusammenarbeit oder Unterstützung des sogenannten BDS ab.“ Die Budgetverteilung auch an Studierende obliege den Gremien der Hochschule, nicht dem HSR – womit der Beschluss hierauf keine Auswirkungen habe.
In einer Rundmail an alle Studenten und Beschäftigten der Hertie School betont Woll, dass die Resolution von lediglich elf gewählten Vertretern im Namen von 850 Studenten beschlossen worden sei. „Die Hertie School und ihre Leitung unterstützen die Resolution entschieden nicht und möchten betonen, dass keine Hochschul-Richtlinien davon betroffen sein werden. Als Hochschule haben wir keinerlei Verbindung zu BDS und distanzieren uns aufs Entschiedenste von jeglichen antisemitischen Positionen, die mit dieser Bewegung in Verbindung stehen“, so Woll in der englischsprachigen Mail, die WELT vorliegt. Weiter heißt es: In einer am 18. März stattfindenden „Townhall“-Veranstaltung der Studentenschaft könne „kontrovers diskutiert werden“, ob sich alle hiervon vertreten fühlten.
An der Hertie School kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Protesten für die Palästinenser und gegen Israel. Erst am vergangenen Montag wurde eine Diskussion zu Rüstungskontrolle mit Vertretern der Nato, des Auswärtigen Amts und des US-Außenministeriums durch einen Protest unterbrochen. Studenten stellten sich mit einem Transparent vor die Bühne, auf dem „Disarm Israel“ (deutsch: Entwaffnet Israel) zu lesen war.
Bei der Abschlussfeier im Juni 2024 in der Berliner Philharmonie trugen viele Absolventen eine Kufiya, das Palästinensertuch. Hochschulpräsidentin Woll lobte das als „Zeichen der Solidarität mit der schrecklichen Not der Palästinenser, der Zerstörung Gazas und dem Tod Zehntausender Zivilisten, darunter eine unerträglich hohe Zahl von Kindern“ – und animierte das Publikum in ihrer Rede zum gemeinsamen Aufstehen in Solidarität mit Gaza.
Woll wurde daraufhin kritisiert, weil sie die beim Terror-Überfall vom 7. Oktober 2023 ermordeten Israelis nicht erwähnt hatte. Im Nachgang bezeichnete Woll das Auslassen der israelischen Opfer des „terroristischen Massakers der Hamas“ als Fehler und bat um Entschuldigung.
Die Abschlussfeier 2025 wurde von Protesten der israelfeindlichen, von Hertie-Studenten gegründeten Initiative „Solidarity Collective“ begleitet. Unter dem Motto „No Grad as Usual“ („Kein Hochschulabschluss wie üblich“) forderten sie vor und in der Philharmonie unter anderem das Ende der Kooperation mit der Hebräischen Universität in Jerusalem. In einer Umfrage der Gruppe unter 332 Studierenden der Hertie School sprachen sich 136 für ein Ende der Austauschprogramme mit der israelischen Universität aus. Die Ergebnisse lassen sich nicht unabhängig nachprüfen.
Politikredakteur Kevin Culina berichtet für WELT über Gesundheitspolitik, die Linkspartei und das Bündnis Sahra Wagenknecht sowie über Antisemitismus in Deutschland.
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