Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann gab WELT AM SONNTAG im Jahr 2010 eine Einschätzung zum umtriebigen Imam Benjamin Idriz. „Man darf nicht blauäugig sein“, sagte der CSU-Politiker damals über den Vorstand der Islamischen Gemeinde Penzberg.
Über Idriz’ Kontakte zu zwei islamistischen Organisationen, der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüş (IGMG) sowie der Islamischen Gemeinde Deutschland (IGD), einer zentralen Organisation von Anhängern der Muslimbruderschaft, sagte Herrmann: „Das Problem ist auch, dass Imam Idriz einfach gelogen hat. Das muss man leider so deutlich sagen.“
Von Idriz’ Seite aus sei immer wieder erklärt worden, dass es diese Kontakte nicht mehr gebe, sagte Herrmann vor knapp 16 Jahren weiter. „Das ist einfach falsch. Die Wahrheit ist, dass nicht irgendwer, irgendwelche Kontakte pflegte, sondern dass Herr Idriz persönlich in ständigem telefonischen Kontakt mit Spitzen dieser radikalen Organisationen stand. Deswegen ist hier große Vorsicht geboten.“
Ende Februar dieses Jahres hat Herrmann nun gemeinsam mit Benjamin Idriz an einem Fastenbrechen der Islamischen Gemeinde Penzberg teilgenommen. Mitgebracht hatte er in der zweiten Woche des Fastenmonats Ramadan Markus Söder, den bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Chef.
Söder, der sich bei einem Fastenbrechen im Jahr 2023 in einer Ditib-Moschee mit hochrangigen Funktionären einer Erdogan-Lobbygruppe hatte fotografieren lassen, saß Ende Februar direkt neben Idriz. Mit dabei waren auch der Generalvikar der Erzdiözese München und Freising, Christoph Klingan, sowie der Landesbischof der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern, Christian Kopp.
Wenn es um den naiven Umgang der Politik mit dem politischen Islam geht, stehen häufig – und zu Recht – SPD, Grüne und Linke in der Kritik. Oft übersehen wird, dass es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder auch Unions-Politiker waren, die Vertreter des legalistischen Islamismus hofiert haben.
Dazu gehörte etwa auch Söders Ministerpräsidenten-Vorgänger Horst Seehofer (CSU), der als Bundesinnenminister trotz türkischer Rechtsextremisten, iranischer Islamisten und Muslimbrüdern im Zentralrat der Muslime mit dem Dachverband kooperierte und sich mehrfach mit deren langjährigem Vorsitzenden Aiman Mazyek ablichten ließ.
Solche Fotos sind für Funktionäre politisch-islamischer Verbände entscheidend, um auch für weitere Politiker zu legitimen Ansprechpartnern zu werden. Benjamin Idriz hat durch das Treffen mit Söder und Herrmann nun ebenfalls weitere wichtige Fotos, nachdem er zuvor bereits unter anderem von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besucht worden war.
Der Aufstieg zum Vorzeige-Imam war für Idriz trotz eindeutiger Kenntnisse der Sicherheitsbehörden möglich. Bayerns Landesamt für Verfassungsschutz hatte Idriz’ Gemeinde in den Jahren 2007 bis 2010 im jährlichen Bericht erwähnt. Die Verbindungen zum Islamismus seien „durch eine Vielzahl schriftlicher Dokumente belegt“, hieß es etwa im Bericht für das Jahr 2009. Eine Klage gegen die Erwähnung lehnte das Verwaltungsgericht München 2010 ab. Die CSU-Politiker wussten also, auf wen sie sich einlassen.
Obwohl der Inlandsnachrichtendienst vor Gericht gewann, wird die Islamische Gemeinde Penzberg seitdem nicht mehr im jährlichen Bericht genannt. Dies hat offenbar maßgeblich mit der damaligen Bundesjustizministerin und bayerischen FDP-Vorsitzenden Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zu tun, zeigen Recherchen des Journalisten Sascha Adamek.
Am Tag der Veröffentlichung des bayerischen Verfassungsschutzberichts im März 2010 hatte Leutheusser-Schnarrenberger die Penzberger Moschee besucht. Die Vorwürfe des Verfassungsschutzes träfen ihrer Einschätzung nach nicht zu, sie werde „auf politischer Ebene gegenhalten“, sagte sie damals. In der bayerischen Staatsregierung saßen damals zwei FDP-Minister.
Dies geht aus Adameks Buch „Unterwanderung – Der politische Islam weiter auf dem Vormarsch“ hervor, das in der übernächsten Woche im Langenmüller Verlag erscheint und WELT vorab vorliegt. „Aus Kreisen bayerischer Sicherheitsbehörden ist zu hören, dass das Verhalten der Staatsregierung damals große Frustration auslöste“, heißt es darin. „Das Thema Idriz, so heißt es, sei plötzlich wie eine ‚heiße Kartoffel‘ behandelt worden, der politische Druck sei evident gewesen.“
Innenminister Herrmann teilt auf WELT-Anfrage mit, dass die Gemeinde bereits seit 2015 nicht mehr beobachtet werde. „Auch aktuell liegen dem bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz keine Erkenntnisse vor, die zu einer anderen Einschätzung führen“, sagte er. „Seit 2010 haben mit Herrn Idriz zahlreiche Gespräche verschiedener Politiker stattgefunden, die zu einer positiven Entwicklung geführt haben.“ Idriz sei „für sein großes Engagement im interreligiösen Dialog bekannt“.
Sind die früheren Beurteilungen des Verfassungsschutzes also überholt?
Israel mit dem IS verglichen
Benjamin Idriz sei „Anhänger der radikal-extremistischen Muslimbruderschaft“, hieß es etwa im Jahr 2009 in einer Einschätzung der Behörde, wie aus dem genannten Buch hervorgeht, in dem Adamek ausführlich aus bislang unveröffentlichten Gerichtsdokumenten zum Verfahren der Penzberger Gemeinde zitiert. Idriz weist dies zurück.
In die damalige Gerichtsentscheidung waren auch Erkenntnisse aus Abhörmaßnahmen eingeflossen. Deren Protokolle bewiesen in den Augen der Sicherheitsbehörde, dass es zwischen Verantwortlichen der Gemeinde und „Personen aus dem islamistischen Umfeld zu strategischen Absprachen komme, um die Öffentlichkeit über die wahren Absichten hinwegzutäuschen“ – insbesondere über das „Unterordnungsverhältnis zu den islamistischen Organisationen IGMG und IGD“. Auch ein solches Verhältnis wird von Idriz bestritten.
Söder und Herrmann hätten allerdings gar nicht in die alten Gerichtsunterlagen blicken müssen, um über eine Teilnahme an einem interreligiösen Iftar mit Idriz zu entscheiden. Ein Blick auf deutlich aktuellere Äußerungen hätte gereicht.
2025 erklärte der Imam, zehn Jahre zuvor hätten sich „alle Imame Münchens“ vom Islamischen Staat (IS) distanziert – und es wäre „heilsam gewesen, wenn auch innerhalb der jüdischen Gemeinden eine ebenso eindeutige und öffentliche Distanzierung von den Handlungen der israelischen Regierung erfolgt wäre“.
Damit würden „die genozidalen Islamisten vom IS auf die gleiche Ebene gestellt wie der Schutzraum aller Juden vor dem Antisemitismus“, hieß es vom Linken Bündnis gegen Antisemitismus München. Bereits im vorherigen Jahr hatte Idriz auf Facebook Auschwitz und Gaza in einem Atemzug genannt.
Es wäre besser gewesen, wenn Söder und Herrmann der Einladung nach Penzberg nicht gefolgt wären. Für den Dialog mit Muslimen hätte es auch andere Partner gegeben.
Politikredakteur Frederik Schindler berichtet für WELT über die AfD, Islamismus, Antisemitismus und Justiz-Themen. Zweiwöchentlich erscheint seine Kolumne „Gegenrede“. Seit Februar 2026 erscheint wöchentlich sein Podcast „Inside AfD“.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.