Ein Wort, das den Landtagswahlkampf in Baden-Württemberg längst prägt, fällt schon nach wenigen Minuten in der Oberschwabenhalle: „Schmutzkampagne“. CDU-Generalsekretär Tobias Vogt hat es in den Tagen zuvor bereits gestreut, und er wiederholt es am Freitagabend noch einmal vor etwa 1.000 CDU-Anhängern: „Die letzten Tage waren für uns alle sehr aufreibend. Die Schmutzkampagne, die gegen unseren Spitzenkandidaten und gegen uns alle gefahren wurde, die hat natürlich auch Spuren hinterlassen. Morddrohungen, Diffamierungen, Hass und Hetze im Netz.“

Die eigentlichen Probleme im Land seien zur Nebensächlichkeit geworden. Stattdessen habe man über ein acht Jahre altes Video diskutiert. Vogt meint damit die Grünen, speziell einen Videoausschnitt aus 2018, in dem der aktuelle CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel sich in einem TV-Interview anzüglich über eine Realschülerin äußert und von ihren „rehbraunen Augen“ schwärmt. Der grüne Elefant steht im Raum, egal wo man dieser Tage die CDU besucht.

Es sind noch zwei Tage bis zur Wahl am 8. März, und die CDU fürchtet um einen sicher geglaubten Wahlsieg. In nur wenigen Wochen ging ein sicherer Vorsprung verloren. In einer aktuellen Umfrage liegen CDU und Grüne jeweils bei 28 Prozent. Zudem ist Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir wesentlich bekannter als Hagel. CDU-General Vogt versucht deshalb in der Oberschwabenhalle, mit einer schwäbisch gefärbten Ansage zu motivieren: „Arschbacke z’sammenkneife und kämpfe die letzschde zwei Tage.“ Es werde am Sonntag nun „ein bissle spannender“, als man sich das vielleicht gewünscht habe: „Es geht nur noch um CDU oder Grüne.“

Vor einigen Tagen galten bei Demoskopen bis zu 25 Prozent der Wahlberechtigten als unentschlossen. Es könnte also um einen „last swing“ gehen, um den entscheidenden Ausschlag in den verbleibenden 48 Stunden. Von der Oberschwabenhalle soll deshalb ein entscheidender Mobilisierungsschub ausgehen, denn unter den Gästen auf der Zuschauertribüne sind einige, die unsicher geworden sind: „Das könnten wir noch verlieren“, sagt ein CDU-Mitglied im Gespräch. Ein anderer sieht seine Partei eigentlich bei „30 plus x“, doch es komme darauf an, „was die Presse daraus macht“.

Bundeskanzler und CDU-Parteichef Merz ist am Freitag noch einmal ins Schwabenland gereist. Der Termin war lange geplant, nun bekommt sein Besuch angesichts des nahenden Fotofinishs etwas Schicksalhaftes. Zuerst tritt er mit Hagel in Stockach auf, dann am Abend in Ravensburg. Vor zwei Wochen erst hatte Merz auf einem CDU-Bundesparteitag in Stuttgart bei seiner Wiederwahl zum Parteichef fulminante 91,12 Prozent erhalten.

Die demonstrative Geschlossenheit hat Hagel und die Wahlkämpfer nicht beflügelt. Sie bleiben bei 27 bis 28 Prozent einzementiert. Dann gab es neue Irritationen: Zuletzt hat Hagel bei einem Besuch in einer Schule den Treibhauseffekt vor laufenden Kameras falsch erklärt und zu einer Lehrerin, die dazwischenredete, zurechtweisend gesagt, dass er jetzt mit den Schülern spreche. Solche ungünstigen Momente können gerade bei einem engen Wahlkampf entscheidend sein.

Die Shitstorms im Netz über den skandalisierten Rehbraunen Augen-Ausspruch Satz und den Schulbesuch gelten bei der CDU inzwischen als Fallbeispiele, wie sich ein Wahlkampf effektvoll beeinflussen oder überlagern lässt. Nun hat die Grüne Jugend dazu aufgerufen, Freunde, Familie und Bekannte anzurufen und ihnen Argumente an die Hand zu geben, „lieber grün als CDU zu wählen“.

Darauf reagierte Generalsekretär Vogt in einem verbreiteten Statement ziemlich barsch: „Tarnen, täuschen und ein toxischer Wahlkampf mit den Berliner Ampel-Methoden – das ist die Methode der Grünen unter Herrn Özdemir. Herr Özdemir behauptet gerne, er wisse von nichts. Gleichzeitig bläst seine Grüne Jugend zu persönlichen Attacken auf unseren Spitzenkandidaten. Die Grünen haben den moralischen Kompass verloren.“ Dies habe „mit fairem, demokratischem Wahlkampf nichts zu tun“.

Hagel setzt auf „Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft“

In der Oberschwabenhalle bleibt es moderater. Nachdem Hagel und Merz unter großem Applaus zur Bühne gelangt sind, darf erst der CDU-Spitzenkandidat reden. Hagel konzentriert sich auf seine Kernbotschaften. Man solle das Gejammer und Schlechtreden den anderen überlassen, die CDU spiele im „Team Mut und Zuversicht“. Nach der Wahl werde es in der neuen Landesregierung um „Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft“ gehen.

Hagel will keine Strukturreform im Bildungssystem, sondern die Qualität verbessern. Ein letztes verbindliches Kindergartenjahr soll kostenlos sein und die Sprachqualität der Kinder verbessern. Damit käme man „faktisch zu einer fünfjährigen Grundschule“. Um die Meisterausbildung im Handwerk zu stärken, soll die Meisterprämie verdoppelt und dann im nächsten Schritt die Gebühren abgeschafft werden.

Und zwischendurch arbeitet er sich noch an Özdemir und den Grünen ab. „Es reicht nicht, Erfahrung auf ein Plakat zu schreiben. In der Landespolitik muss man sie einfach haben.“ Im EU-Parlament hätten die Grünen nach 25-jähriger Verhandlungszeit versucht, das Mercosur-Wirtschaftsabkommen mit Südamerika zu blockieren. Die Grünen seien sich nicht zu schade gewesen, mit der AfD gemeinsam Sache zu machen. „Es schadet nicht nur der politischen Kultur. Diese grüne Politik vernichtet Arbeitsplätze“, sagt Hagel. Da bricht großer Applaus aus. Er sei für jeden dankbar, der plötzlich sein Herz für Automobilindustrie entdeckt“, sagt Hagel, aber vielleicht habe es ja etwas mit dieser Landtagswahl zu tun. Der Gründungsmythos der Grünen sei der Kampf gegen das Auto gewesen. Und so etwas wie das Heizungsgesetz des früheren grünen Bundeswirtschaftsministers Robert Habeck dürfe nie wieder passieren.

Hagel betont den Weg von „Maß und Mitte“ der CDU „zwischen der Ideologie der Grünen und der Radikalität der AfD“. Am Ende fordert er eine „Bewegung der bürgerlichen Mitte“ am Wahlsonntag. „Es kann sein, es wird von weniger als tausend Stimmen entschieden.“

„Wahlentscheidung wird knapp“ – Merz mobilisiert CDU-Anhänger

In dieser doch dramatischen Situation fällt die Fröhlichkeit und gute Laune des Bundeskanzlers auf, so als wolle er demonstrativ das Team „Mut und Zuversicht“ verkörpern. Er ist zwar zuversichtlich, dass die CDU die Wahl gewinnen werde, aber: „Diese Wahlentscheidung wird knapp. Sie wird knapper, als wir gedacht haben.“ Und dann wird es recht farbig bei Merz, als er auf AfD und FDP anspielt: „Wer jetzt blau wählt oder gelb wählt, könnte am nächsten Montag grün aufwachen.“ Damit formuliert Merz unter großem Beifall die Sorge in der CDU, dass sie Stimmen an diese beiden Parteien verlieren könnten, vor allem aber an die AfD, die Hagel eigentlich zum Hauptgegner erklärt hatte.

Merz erinnert noch einmal daran, dass sich die Zahl der irregulär eingereisten Migranten seit seinem Amtsantritt habe. Er nennt die Rahmede-Talbrücke auf der A 45, die nach zu großen Schäden komplett gesperrt worden war. Von der Sperrung bis zur Einweihung der neuen Fahrbahnhälfte habe es nur drei Jahre gedauert. Dies sei durch zahlreiche Ausnahmen möglich geworden. Dies solle in Zukunft für alle Straßen, für alle Bahnlinien und für alle Wasserstraßen der Regelfall werden.

Merz erwähnt die Abschaffung des Bürgergeldes, die Einführung der Aktivrente und bekräftigt die Reformen der sozialen Sicherungssysteme. Er plädiert bei der Rentenberechnung für eine Lebensarbeitszeit und nicht für eine starre Altersgrenze. Ein Teil müsse auch aus privater Vorsorge bestehen. „Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen früh genug beginnen, für ihr Alter auch zu sparen“, sagt Merz.

„Und dann sag bitte niemand: Das könnten wir ja nicht. Natürlich können wir das.“ Man müsse „nur mit kleinen Beträgen früh genug anfangen und darf es nie unterbrechen“, sagt der Kanzler. „Und wenn Sie mit 50 Euro im Monat anfangen, dann haben Sie eine sechsstellige Altersversorgung, wenn Sie dann mit 65, 68 in den Ruhestand gehen.“

Der Kanzler präsentiert eine vorläufige Leistungsbilanz. Es ist eine kleine Roadshow für die Wahlkämpfer. Und er betont, wie bereits auf dem CDU-Parteitag in Stuttgart, die koalitionstreue Zusammenarbeit mit der SPD im Bund. „Ich werde für die Politik dieser Bundesregierung keine andere politische Mehrheit im deutschen Bundestag suchen, als genau die, die wir heute haben. Keine andere, schon gar nicht mit dieser sogenannten Alternative für Deutschland. Da erntet Merz wohl den stärksten Jubel an diesem Abend. Er sei „nicht bereit, das aufzugeben, was Konrad Adenauer und Helmut Kohl in Deutschland und für Europa geschaffen haben“.

„Wir stehen an der Seite Israels“, ruft der Kanzler unter tosendem Beifall

In einer weiteren für ihn wichtigen „Botschaft“ spricht er die Grünen an: Es sei nicht zu bestreiten, dass es den Klimawandel gebe. Man müsse aber mit der Industrie Umweltpolitik machen. Die Grünen würden „träumen“ und wüssten nicht, wie man vernünftige Wirtschaftspolitik mache.

Am Ende wendet sich Merz noch einem Demonstranten zu, der schon länger ein Transparent mit einer aufgemalten Palästinenserfahne in die Höhe hält und dann plötzlich „Viva Palästina“ schreit. „Wir stehen an der Seite Israels“, ruft Merz unter tosendem Beifall. Er werde alles gegen den Antisemitismus in der Bundesrepublik tun, was in seine Macht stehe. Und dann sagt er in Anspielung auf die Hamas im Gazastreifen: „Wenn diejenigen, für die sie das Plakat hochhalten, ihre Waffen niederlegen, dann ist der Konflikt innerhalb von 24 Stunden beendet.“

Mehrere Sicherheitskräfte hatten sich dem Mann zwischenzeitlich auf der Tribüne genähert und sich wieder zurückgezogen. Merz betont, hier dürfe jeder sagen, was er wolle - „Der darf da oben sogar demonstrieren“. Auch diejenigen, die völlig anderer Meinung seien, diese Meinung äußern dürften. Der Demonstrant auf der Zuschauertribüne faltet sein Transparent zusammen und setzt sich wieder hin.

Kristian Frigelj berichtet für WELT über bundes- und landespolitische Themen, insbesondere aus Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg.

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