Die Szenen wirken harmlos. Eine junge Frau stellt ihre Kamera auf und gießt sich ein Glas heißes Wasser ein, eine Alternative zum sonst so beliebten Iced Latte. Sie sagt: „Du lernst mich in einer sehr chinesischen Zeit meines Lebens kennen.“

Andere zeigen sich auf dem Netzwerk TikTok in traditionellen Tang-Jacken mit Drachen-Stickereien, schwärmen von Reissuppe zum Frühstück oder „TCM Mornings“. Das sind Morgenroutinen im Zeichen der traditionellen chinesischen Medizin, mit sanftem Abklopfen des Körpers oder Tai-Chi-Übungen, um Energien in Fluss zu bringen.

Allerdings sind es keine Influencer aus China, sondern junge US-Amerikaner, die sich so präsentieren. Nicht als chinesisch im Sinne einer ethnischen Zugehörigkeit, sondern in der Ästhetik ihres präsentierten Alltags. Unter Hashtags wie #Chinamaxxing oder #BecomingChinese kursieren diese Videos auf Plattformen wie TikTok, viele mit Hunderttausenden oder sogar Millionen Aufrufen. Eine Generation im Westen betrachtet China nicht mehr primär als geopolitischen Rivalen oder autoritären Staat, sondern als Lifestyle- und Technologievorbild.

Der Trend habe schnell eine „kritische Schwelle“ überschritten, sagt Shaoyu Yuan, Professor am Center for Global Affairs der New York University und Experte für Chinas Soft Power. Von einer Meme-Kultur auf der Plattform TikTok hin zu breiter Berichterstattung in amerikanischen und internationalen Medien – das sei meist ein Zeichen dafür, dass ein Internetphänomen den Sprung aus der Nische geschafft habe. „Er ist groß genug, um relevant zu sein“, sagt Yuan.

Präsent sind die Schlagworte auf TikTok, Instagram oder Rednote, einer chinesischen Lifestyle- und Shopping-App, die nach dem vorübergehenden TikTok-Verbot in den USA vermehrt von Amerikanern genutzt wurde. #Chinamaxxing ist zwar noch kein Massenphänomen im Sinne einer breiten Jugendbewegung, aber es prägt Debatten.

Das Muster: Chinesische Wellness-Routinen, Alltagsästhetik, Mode, Games und City-Vibes zirkulieren zunehmend als normaler Lifestyle-Content. Zwar vermutet Experte Yuan, dass der Begriff „Chinamaxxing“ seinen Höhepunkt bereits überschritten haben könnte – typisch für die kurzlebigen Meme-Zyklen. Doch entscheidend sei nicht das Schlagwort, sondern der Trend dahinter. „Das Label kann verschwinden“, sagt Yuan. „Aber die kulturelle Verschiebung bleibt.“

Dass amerikanische Teenager plötzlich warmes Wasser trinken und traditionelle chinesische Hausschuhe propagieren, hat mehrere Ursachen.

Erstens: Das Meme ist leicht kopierbar. Ein kurzer Clip, ein ironischer Satz, ein wiedererkennbarer Sound – ideal für TikToks Algorithmus, der wiederholbare, niedrigschwellige Formate belohnt.

Zweitens: Wellness verkauft sich. Im Frühling geht es ohnehin vielen um Selbstoptimierung, zugleich dominieren schlechte Nachrichten das aktuelle Weltgeschehen. „Chinesische“ Praktiken lassen sich in diesen bedrohlichen Zeiten als beruhigende Selbstfürsorge inszenieren – ironisch gebrochen, aber ernsthaft konsumierbar.

Drittens – und politisch brisanter: Viele junge Amerikaner erleben ihr eigenes Land als krisenhaft. Polarisierung, Gewalt, Kriminalität, politische Blockaden. In dieser Atmosphäre wirken Videos aus Shanghai oder Chongqing wie Bilder aus einer futuristischen Parallelwelt. China erscheint technologisch effizient, modern, funktional – und sicher.

Eine aktuelle Umfrage des Pew Research Center zeigt, dass Amerikaner im Alter unter 35 Jahren die Volksrepublik deutlich weniger negativ sehen als ältere Generationen. „Junge Menschen begegnen China heute nicht über sicherheitspolitische Debatten“, sagt Yuan. „Sie begegnen China über Plattformen, Creator und Alltagsästhetik.“

Das wirft die Frage auf, ob Peking diese Inhalte auf dem von einer chinesischen Firma betriebenen Netzwerk TikTok gezielt fördert. Klare Beweise für eine koordinierte Kampagne gibt es nicht. TikTok selbst betont, Empfehlungen basierten nur auf Verhalten und Nachfrage der Nutzer.

Professor Yuans eigene Forschungen haben jedoch ergeben, dass TikTok im Vergleich zu YouTube deutlich mehr positive China-Inhalte ausspielt – und weniger negative zu sensiblen Themen. Das bedeutet zwar noch nicht, dass „Chinamaxxing“ staatlich gesteuert ist. Welche Inhalte gefördert werden, hat aber eben auch mit der Programmierung des Algorithmus zu tun.

Chinas Kommunistische Partei hat seit Jahren das Ziel formuliert, seine „internationale Kommunikationsfähigkeit“ zu stärken und „Chinas Geschichte gut zu erzählen“. Lange versuchte Peking dies mit klassischen Instrumenten der Staatskommunikation: staatliche Auslandssender wie CGTN, Hochglanzkampagnen über Konfuzius-Institute oder staatlich finanzierte Beilagen in westlichen Zeitungen.

Diese Versuche stießen im Westen jedoch häufig auf Skepsis oder wurden als Propaganda identifiziert. In sozialen Netzwerken reagierten Nutzer oft mit Spott oder Kritik auf offizielle Botschaften. Der neue Einfluss entsteht anders. Von unten nach oben, getrieben von Content-Produzenten, algorithmisch verstärkt.

Peking erkennt das Potenzial

Peking hat jedenfalls sehr schnell verstanden, welches Potenzial in der Dynamik um den chinesischen Lifestyle steckt. Chinesische Offizielle haben den Trend bereits aktiv in ihre Kommunikationsstrategie eingebaut. Der Sprecher des Außenministeriums, Lin Jian, sagte, er sei „sehr erfreut zu sehen, dass immer mehr ausländische Freunde Interesse daran zeigen, das heutige China zu erleben“.

Der chinesische Botschafter in Washington, Xie Feng, griff die Memes ebenfalls auf und ermutigte Amerikaner, sich selbst ein Bild von einem Land zu machen, das zugleich „cool and welcoming“ sei. „Chinas Tür steht der Welt immer offen“, sagte er – und verwies dabei auf die Ausweitung visafreier Einreiseprogramme auf inzwischen 55 Staaten, darunter auch die USA.

Für die Kommunistische Partei ist das ein Reputationsgewinn ohne große Investition. Wenn junge Amerikaner chinesische Alltagsgewohnheiten freiwillig adaptieren, wenn sie chinesische Städte als futuristisch darstellen oder chinesische Wellness-Praktiken als modern und rational inszenieren, entsteht ein Bild von Normalität und Modernität. Selbst wer China politisch kritisch sieht, verbindet das ferne Land nicht mehr ausschließlich mit Überwachung, Parteikontrolle und geopolitischer Konfrontation, sondern mit Design, Effizienz und Lifestyle.

Diese Social-Media-Trends zu sehr zu vereinnahmen, birgt aber auch Risiken für staatliche Akteure. In den USA besteht weiter ein breiter, auch parteiübergreifender Konsens, China als Rivalen oder sogar wirtschaftliche Bedrohung zu betrachten. Die „Make America Great Again“-Bewegung, die US-Präsident Donald Trump maßgeblich stützt, ist nicht zuletzt aus der Tatsache entstanden, dass die heimische Industrieproduktion nach China ausgelagert wurde – und die USA technologisch vielfach abgehängt.

In Wahlkämpfen warnen republikanische Politiker regelmäßig vor dem „China threat“, kritisieren chinesische Technologieunternehmen, fordern neue Strafzölle und betonen die Gefahr einer autoritären Gegenmacht zu den Vereinigten Staaten auf der Welt. Eine ästhetische Faszination hebt diese sicherheitspolitische Realität nicht auf. Sie verschiebt jedoch die Wahrnehmungsebene, auf der junge Menschen China zunächst begegnen.

Für viele Mitglieder der chinesischen Diaspora ist der Trend ambivalent. Gewohnheiten, für die sie in westlichen Gesellschaften lange belächelt oder diskriminiert wurden, gelten plötzlich als Inspiration. Während der Corona-Pandemie erlebten asiatischstämmige Communitys in den USA einen Anstieg rassistischer Übergriffe. Man gab ihnen die Schuld für die globale Infektionswelle.

In China selbst hingegen wird die Entwicklung häufig mit einer Mischung aus Amüsement und Stolz betrachtet. Viele Nutzer sehen darin eine späte Anerkennung alltäglicher Praktiken, die lange als altmodisch oder „zu chinesisch“ galten. Der Trend wird dort weniger als Ironie oder gar politische Provokation verstanden, sondern als Zeichen gewachsener kultureller Ausstrahlung – als Beleg dafür, dass chinesischer Alltag global anschlussfähig geworden ist.

Ob aus viraler Neugier eine langfristige Wahrnehmungsverschiebung entsteht, bleibt offen. Virale Trends sind kurzlebig. Doch selbst wenn „Chinamaxxing“ verschwindet, bleibt eine Tatsache: China ist im Alltag junger Amerikaner präsenter als noch vor wenigen Jahren. Für Peking ist allein diese Normalisierung ein strategischer Gewinn.

Christina zur Nedden ist China- und Asienkorrespondentin. Seit 2020 berichtet sie im Auftrag von WELT aus Ost- und Südostasien.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.