- Im Schnitt verdienen Arbeiter in Behindertenwerkstätten etwa 232 Euro monatlich. Fürs Leben ist das zu wenig.
- Eine Bundesarbeitsgemeinschaft will das System nun radikal umkrempeln. Zwei Vorschläge liegen auf dem Tisch.
- Ziel sei es auch, die Leistungen behinderter Menschen generell sichtbarer zu machen.
Der Duft aus der Küche zieht durch die Gänge der Elbaue-Werkstätten in Torgau. Gleich gibt es Mittagessen. In einer Halle warten 15 behinderte Menschen aufs Pausensignal. Mittendrin, an Werktischen mit Metallteilen und Pappkartons, in einem Rollstuhl, sitzt Nico Theuerkorn. An den Tischen werden Metall und Schraubenteile für diverse Bau- und Großmärkte verpackt.
Etwa 232 Euro monatlich: Verdienst reicht nicht zum Leben
Viel zu tun sei in der hohen, lichtdurchfluteten Halle gerade nicht, sagt Nico Theuerkorn. Der 47-Jährige ist seit seiner Geburt zum Teil gelähmt: "Es ist nicht so, dass man sich hier nur ausruhen kann. Die Arbeiter müssen wirklich produzieren, dass man auch zum Termin fertig ist."
Ein Beschäftigter verdient einen Sockelbetrag von 133 Euro, den die Werkstatt selbst erwirtschaften muss. Nicht nur in Torgau, auch überall sonst in Deutschland. Oben drauf kommt ein kleiner Bonus für die persönliche Leistung und ein staatlicher Zuschuss. So kommen im Schnitt 232 Euro zusammen. Zum Leben reiche das hinten und vorne nicht, sagt Nico Theuerkorn, der zurzeit nicht arbeitet, weil er als Vertreter des Werkstatt-Sprecherrats in Sachsen freigestellt ist: "Ich kann mir entweder aussuchen, ich geh' essen oder ich kaufe Schuhe."
Regionale Unternehmen zahlen zu wenig für Aufträge
In Torgau arbeiten insgesamt 340 behinderte Menschen, beispielsweise in einer Tischlerei, einer Wäscherei und in der Garten- und Landschaftspflege. Sie alle sind zusätzlich auf Grundsicherung angewiesen. Nun könnte man den Werkstätten Vorwürfe machen und fragen, warum sie nicht mehr zahlen.
Doch das wäre zu einfach, erklärt Geschäftsführer der Elbaue-Werkstätten Veit Niegsch. Denn Aufträge kämen von regionalen Unternehmen – und die seien oft kaum bezahlt: "Das heißt, dass man sich häufig um Centbeträge streitet, ob man fürs Verpacken einer Ware zum Beispiel fünf Cent oder 5,5 Cent bekommt."
Grundeinkommen oder Mindestlohn: Vorschläge werden diskutiert
Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten für behinderte Menschen, kurz BAG WfbM, will das System daher radikal umkrempeln. Sie hat zwei Vorschläge auf den Tisch gelegt. Vorschlag eins sieht ein Grundeinkommen vor, das deutlich über dem jetzigen Niveau liegen soll. So müssten die Beschäftigten nicht mehr um Grundsicherung bitten. Vorschlag zwei geht noch weiter und will die Beschäftigten zu echten Arbeitnehmern mit Arbeitsvertrag und Mindestlohn machen.
Bei diesem Vorschlag solle der Staat den Großteil der Lohnkosten als Zuschuss übernehmen, so Andrea Stratmann, die Vorstandsvorsitzende der BAG: "Wir stellen uns vor, dass es auskömmlich sein soll, fair und nachvollziehbar. Aber es wäre rechtlich korrekt und es wäre auch machbar, wenn man es wollte. Natürlich, wenn ein Beschäftigter mehr verdient, vielleicht sogar Mindestlohn, dann kürzt ihm der Staat auf der anderen Seite die Sozialhilfe."
Leistung behinderter Menschen soll sichtbarer werden
Eine Reform wäre also ein Nullsummenspiel. Doch darum gehe es nicht, erklärt Nico Theuerkorn: "An sich muss sich das Entgeltsystem so ändern, dass man die Leistung dieser Menschen auch sieht. Sie arbeiten ja hier. Und diese Leistung wird viel zu wenig gesehen."
Beim Fachkongress in Leipzig soll all das diskutiert werden. Und Andrea Stratmann von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten für behinderte Menschen geht es vor allem darum, die Politik auf das Problem aufmerksam zu machen.
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