Jakub Wiech ist Autor mehrerer Bücher über die Energiewirtschaft, darunter eines über die deutsche Energiewende. Der 34-Jährige ist Chefredakteur des Branchenportals „Energetyka24“ und gilt als einer der einflussreichsten polnischen Energieexperten, nicht zuletzt wegen der Reichweite, die er mit seinem Podcast und seinen Auftritten in sozialen Medien erzielt.

WELT: Herr Wiech, Polen und Deutschland haben unterschiedliche Wege beim Umbau ihrer Energiewirtschaft eingeschlagen: Polen steigt in die Atomenergie ein, Deutschland setzt neben erneuerbaren Energien stark auf Gas. Zudem hat Polen früh vor dem Bau der Nord-Stream-Pipelines gewarnt. Wie blicken die Polen heute auf Deutschland?

Jakub Wiech: Es gibt das Gefühl, dass die Deutschen viele ihrer aktuellen Probleme in Bezug auf ihre Wirtschaft und Energieversorgung hätten vermeiden können, hätten sie nur die Warnungen aus dem Ausland, vor allem aus Polen und dem Baltikum, ernst genommen. Damit meine ich Warnungen davor, sich so stark abhängig von einem Energielieferanten – Russland – zu machen. Die Bundesregierung hat bereits 2014 sämtliche Sicherheitsstandards missachtet. Es war eine Zeit, als wirklich deutlich wurde, dass Russland bereit ist, sich sehr aggressiv gegen einen europäischen Staat zu richten, um geopolitische Ziele zu erreichen. Polen hingegen hatte zu der Zeit einen Plan, um seine Abhängigkeit von russischem Gas und Erdöl zu reduzieren. Es war also klar, dass Russland ein Land ist, das Europa militärisch bedroht.

Energieexperte Jakub Wiech

Gleichzeitig verfestigte sich der Eindruck, dass das in Deutschland nicht verstanden wird. Die Deutschen wurden damit ein Opfer ihrer eigenen Doktrin „Wandel durch Handel“, dem Glauben, dass wirtschaftliche Verflechtung Russland von seinem aggressiven Kurs abbringen kann. Das ist leider nie geschehen. Russland hat sich für seine geopolitischen Ambitionen und gegen Geld und Wohlstand entschieden. Die Deutschen spüren heute die harten Konsequenzen dieser Politik, wobei dies auch woanders in Europa spürbar ist. In Polen ist Schadenfreude darüber nicht das dominierende Gefühl. Davon wäre abzuraten. Wir sind eng mit Deutschland verbunden, ein Drittel unseres Exports geht nach Deutschland. Was in Deutschland wirtschaftlich geschieht, findet früher oder später seinen Niederschlag in Polen. Darüber hinaus bewerten die Polen die Projekte Nord Stream und Nord Stream 2 eindeutig negativ. Sie werden als Angriff auf die Energiesicherheit Europas verstanden, zugleich aber auch als Symbol für die Missachtung der Bedenken, die unter anderem von aufeinanderfolgenden Regierungen in Warschau geäußert wurden.

WELT: Viele Polen sind nicht nur wegen Deutschlands Russlandpolitik „entfremdet“ von der Energiewende. Was ist es, was sie besonders irritiert?

Wiech: Vielen Polen ist unverständlich, warum Deutschland seine Atomkraftwerke vom Netz genommen hat. In Polen wird Atomenergie von ungefähr 90 Prozent der Menschen gutgeheißen. Es ist schwierig, in Polen eine gesellschaftliche Gruppe zu finden, die ein Problem mit dem Einstieg des Landes in die Atomenergie hat. Die Entscheidung Deutschlands, 22 Gigawatt Energie vom Netz zu nehmen, ist überhaupt nicht nachvollziehbar, selbst wenn man bedenkt, dass das Energiewende-Modell vorwiegend auf erneuerbaren Energiequellen aufbauen sollte, und gerade wenn wir den Klimaanspruch Deutschlands bedenken. Schauen wir uns den Energiemix Deutschlands für das Jahr 2025 an und sehen den Anteil fossiler Energieträger daran, müssen wir konstatieren: Hätte Deutschland seine Atommeiler am Netz gelassen, würde Kohle heute überhaupt keine Rolle mehr spielen. Im vergangenen Jahr wurden bei Ihnen 100 Terawattstunden Energie aus Kohle produziert; noch vor fünfzehn Jahren entfielen auf die zu der Zeit noch ans Netz angeschlossenen Atommeiler 130 Terawattstunden. Selbst mit den damals verbliebenen Atomkraftwerken hätte man die Kohle ersetzen können. Das ist in Polen alles überhaupt nicht nachvollziehbar, zumal wir selbst in die Atomenergie einsteigen. Das erste große Kraftwerk wird an der Ostsee gebaut, über den Bau eines zweiten wird die Regierung voraussichtlich diesen Sommer entscheiden. Polen treibt auch die Entwicklung von modularen Reaktoren, sogenannten SMRs, voran. Nicht ohne Sorge schauen daher viele Polen nach Deutschland. Wir wissen um das Engagement der Antiatomkraft-Bewegung und fürchten, dass diese Milieus versuchen könnten, den polnischen Atomkrafteinstieg europäisch zu verhindern oder zu bremsen. Gleichzeitig sehe ich eine Gegenbewegung, viele Deutsche wünschen sich die Atomkraft zurück, die neue Bundesregierung schlägt andere Töne an. Dass Bundeskanzler Friedrich Merz mit Bedauern über den Atomausstieg spricht, wird in Polen als positives Zeichen verstanden.

WELT: Die Bundesregierung von Kanzler Merz handelt energiepolitisch anders als ihre Vorgängerregierung, trotzdem ächzen Industrie und Verbraucher unter hohen Energiepreisen. Woran liegt das?

Wiech: Die Krise ist tiefgreifend und betrifft nicht nur Deutschland. Der Krieg in der Ukraine, bestimmte Pandemiefolgen, Druck aus den USA und China treffen Europa, das stark von Energieimporten abhängt, hart. Seinen Teil tut in dieser Lage auch das Merit-Order-Prinzip, also wie wir unseren Stromhandel organisieren. Ich denke, hier braucht es eine Anpassung an die neue Zeit, wie sie auch beim Emissionshandel in Europa erfolgt ist – und ohne an den Klimazielen zu rütteln. Die Probleme sind so vielfältig, dass nicht ein einzelner Politiker oder eine einzelne Regierung in Europa sie lösen kann. Was Deutschland angeht, deuten erste Zahlen auf eine sanfte Erholung. Aber es bleibt abzuwarten, ob diese Entwicklung von Dauer ist.

WELT: Wo soll künftig Europas Energie herkommen?

Wiech: Aus polnischer Sicht stellt sich die Frage: Woher soll das Gas kommen, wenn in Deutschland so viele Gaskraftwerke entstehen? Zwar helfen neue LNG-Terminals bei der Diversifizierung, doch die Sorge vor einer Wiederaufnahme des deutsch-russischen Energiehandels bleibt – zumal die AfD als zweit- oder zeitweise stärkste Partei dies offen fordert. Grundsätzlich sind wir Europäer unter den großen Wirtschaftsräumen – EU, USA und China – am stärksten von Energieimporten abhängig. Es wäre fatal, in dieser Lage unsere Dekarbonisierungsziele aufzugeben. Wir importieren 75 Prozent unserer Kohle, 90 Prozent unseres Erdgases und 97 Prozent unseres Erdöls – und machen uns damit abhängig von amerikanischen Magnaten, russischen Oligarchen oder arabischen Scheichs. Die Kosten sind enorm. Wir sollten uns auf ein Modell besinnen, das China von uns übernommen hat: eigene Energie, eigene Technologien, eine elektrifizierte Wirtschaft mit Vorteilen für Verbraucher und günstigen Preisen für die Industrie. Unternehmen müssen zudem leichter in die Eigenversorgung investieren können. China geht diesen Weg – und ist schneller als wir.

WELT: Heißt das, der deutsche Weg ist gar nicht so schlecht und wir müssen lediglich beim Ausbau der erneuerbaren Energien schneller werden?

Wiech: Nein, wir brauchen mehr eigene Energie. Deutschland hat das auf erneuerbare Energien verengt, was ein großer Fehler war. Wir können uns den Luxus einfach nicht leisten, uns zu fragen, welche emissionsfreie Technologie gut und welche schlecht ist. Ich sehe nicht, warum die Atomenergie hier eine weniger wichtige Rolle spielen sollte. Der kurze Vergleich zwischen Deutschland und Frankreich zeigt bereits, welcher der bessere Weg ist: In Frankreich wird ausgesprochen stark auf Atomenergie gesetzt, Energiepreise sind niedriger als in Deutschland, der Emissionsausstoß ist deutlich geringer. In Klimafragen führt Frankreich: Die gesamte französische Energiewirtschaft emittiert ähnlich viel wie eine einzige polnische Kohleanlage, die in Belchatow. Die Franzosen haben viel Erfahrung, wenn es um Dekarbonisierung und Elektrifizierung geht. Nein, wir sollten nicht alle so viele Atomkraftwerke bauen wie die Franzosen. Aber Technologieneutralität ist notwendig bei emissionsfreien Technologien. Das ist leider nicht Teil der deutschen Herangehensweise.

WELT: Trotz großer Fortschritte beim Ausbau erneuerbarer Energien und dem Einstieg in die Atomkraft ist Polen weiterhin Europas Kohleland. Wer wird als Erster seine Klimaziele erreichen – Polen oder Deutschland?

Wiech: Deutschland wird den Kohleanteil am Strommix wohl schneller senken können als Polen. Zwar liegt die Kohleverstromung dort nur rund zehn Terawattstunden über der polnischen, doch die deutsche Wirtschaft ist um ein Vielfaches größer. Polen startete seine Energietransformation erst 2019, seitdem jedoch mit einer starken Dynamik: Der Kohleanteil sank von 90 Prozent vor zehn Jahren auf heute 52 Prozent, während die installierte Leistung an erneuerbaren Energien wächst. In diesem Jahr geht die erste große Offshore-Windkraftanlage ans Netz, zudem werden die Regeln für neue Anlagen an Land gelockert. In den 2030er-Jahren wird die Atomkraft die Dekarbonisierung beschleunigen. In zehn Jahren dürfte Kohle im polnischen Energiemix kaum noch eine nennenswerte Rolle spielen.

Philipp Fritz berichtet im Auftrag von WELT seit 2018 als freier Korrespondent in Warschau über Ost- und Mitteleuropa.

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