Rund fünf Kilometer Luftlinie vom Iran entfernt dröhnen Flugzeuge. Sind es amerikanische, israelische, iranische? Der kurdische Begleiter zuckt mit den Schultern und drängt zur Eile. Das letzte Stück zur Basis seiner Miliz ist nur fußläufig über einen steilen, mit Geröll bedeckten Pfad zu erreichen. Unter freiem Himmel ist man verwundbar. 

Der genaue Standort ist streng geheim. Bevor sie das Innere des Bergs betreten, müssen Besucher ihre Smartphones in den Flugmodus schalten und aushändigen. Signale könnten geortet, die Position preisgegeben werden. Verborgen unter einem Tarnnetz liegt der Stollen, dahinter führt ein Gang geradewegs in den Felsen und in eine unterirdische Welt.

Die Tunnel reichen tief in den Berg hinein

Eine Welt, in der eine iranisch-kurdische Guerilla-Organisation das Sagen hat: die PJAK. Ihre Kämpfer operieren nahe der iranischen Grenze und warten darauf, bis das Regime in Teheran schwach genug ist, um mit Waffen in den westlichen Iran einzurücken.

Ob das tatsächlich passiert oder nicht: Der Krieg hat das Machtgleichgewicht in der Region aus den Fugen gehoben. Nirgends zeigt sich das so deutlich wie im Irak. Denn das Land ist kein kohärent agierender Nationalstaat, sondern ein Gefüge aus Parteien, Milizen und ausländischen Akteuren. Diese fragile Ordnung ist erschüttert. Und keines der Szenarien, die sich nun eröffnen, verheißt Gutes. 

Ein Tunnelsystem erstreckt sich im Inneren des Bergs. Es gibt Licht und fließendes Wasser. Auf dem Fliesenboden eines Badezimmers stehen Badelatschen mit „Amazon“-Aufdruck. Die Küche ist ein langgestreckter Raum mit einer Tafel in der Mitte.

An den Wänden rechts und links sind Fotos von Gefallenen zu sehen. Viele Gesichter sind jung, Frauen und Männer in ihren Zwanzigern oder Dreißigern. Am Kopfende hängen mehrere Bildschirme. Auf dem größten läuft Aryen TV, ein kurdischer Sender mit Sitz in Schweden, der als PJAK-nah gilt.

Vier weitere Monitore zeigen die Umgebung draußen. Bewegungssensoren steuern die Kameras; flattert ein Vogel durch das Bild, schaltet die Ansicht um. Einige Tunneleingänge, die tiefer in den Berg führen, sind mit Decken verhängt. 

Bahar Avrin empfängt zum Interview in einem Raum, der eigens für Videoaufnahmen eingerichtet ist. Scheinwerfer an der Decke erhellen das Innere; die Felswände sind mit Vorhängen in Gelb und Grau abgehängt.

Bahar Avrin

Avrin ist Mitglied der PJAK und der Akademie für Jineologie. Das Konzept bezeichnet eine Art kurdischen Feminismus und geht zurück auf Abdullah Öcalan, den Gründer der PKK, die in der Türkei, der EU und den USA als Terrororganisation gelistet ist. Avrin versteht ihn als Lösungsansatz für gesellschaftliche und ökologische Probleme.

Für den Iran zeichnet Avrin die Vision einer föderalen Struktur, um die „Vernichtung“, wie sie es nennt, zu beenden. Damit meint sie nicht nur physische Angriffe und Tötungen, seit Jahren gebe es im Iran „eine kulturelle Vernichtung, eine sprachliche Vernichtung“. Jedes Volk solle mit seiner eigenen Kultur und Muttersprache ein „freies Leben“ führen können.

Aktuell ist die zentrale Frage, ob kurdische Milizen bereit sind, für ihre politischen Ziele in den Krieg zu ziehen. Die PJAK ist Teil einer Sechs-Parteien-Allianz kurdisch-iranischer Gruppen im irakischen Exil.

1979 hatten die Kurden im Iran die Revolution gegen die Schah-Herrschaft unterstützt. Als die neue Islamische Republik Forderungen nach Autonomie zurückwies, kam es in Iranisch-Kurdistan zu schweren Kämpfen. Zahlreiche Gruppen gingen in den Irak, wo sie bis heute operieren.

Sie werden immer wieder im Kontext einer möglichen Bodenoffensive im Iran genannt. Die USA dürften kaum bereit sein, eigene Truppen zu entsenden. Zugleich gilt es als unwahrscheinlich, dass das Regime allein durch Luftschläge fällt. Berichten zufolge hat die Regierung von US-Präsident Donald Trump daher Kontakt zu kurdischen Gruppen aufgenommen, um auszuloten, ob sie zu einer Beteiligung am Boden bereit wären. 

Einige Parteien der iranisch-kurdischen Allianz scheinen der Idee gegenüber aufgeschlossen zu sein. Reza Kaabi etwa, Generalsekretär der Partei Komala of the Toilers of Kurdistan, forderte in der WELT AM SONNTAG eine amerikanisch durchgesetzte Flugverbotszone als Voraussetzung für eine kurdische Offensive. Die Gelegenheit scheint günstig – nie war das Regime in Teheran so geschwächt wie heute.

Die PJAK hingegen, als ideologisch eng an die PKK gebundene Organisation mit antiimperialistischer Tradition, begegnet Washington mit größerem Misstrauen. Avrin sagt, ihre Organisation habe „niemals auf irgendeine Kraft gewartet, um Veränderungen herbeizuführen“.

In anderen Worten: Wenn die Kurden im Iran kämpfen, dann aus eigener Entscheidung. Ihre Zurückhaltung hat auch damit zu tun, dass man Washington nicht über den Weg traut. Nicht, seit die USA den Kurden in Syrien ihre Unterstützung jäh entzogen haben.

Auf die Frage, unter welchen Bedingungen PJAK im Rahmen einer Offensive über die irakisch-iranische Grenze operieren würde, erklärt Avrin, die Organisation verfüge bereits über Kräfte „im Inneren“. Die Grenze zwischen dem Nordirak und dem Iran zieht sich durch das Zagros-Gebirge und gilt als durchlässig für Schmuggler, Ortskundige – und Milizen.

Kurdische Freiwillige aus Europa bereiten sich im Nordirak auf einen möglichen Angriff gegen das iranische Regime vor. Viele riskieren ihr Leben.

Details nennt Avrin nicht; der Verweis auf bereits im Iran befindliche Kräfte legt jedoch nahe, dass PJAK im Falle einer Eskalation nicht erst Strukturen aufbauen müsste. 

Aus Sicht Teherans sind die Milizen eine ernsthafte Bedrohung. Am Vortag und erneut am Morgen desselben Tages schlug iranische Artillerie im Grenzgebiet ein. Getroffen wurden Dörfer nahe der Grenze. Diese Angriffe treffen vor allem die Zivilbevölkerung. Denn die kurdischen Guerillakämpfer sind in ihrem Felsen vor Angriffen geschützt.

In einem dunklen Tunnel im Berg steht eine 20-Jährige mit Sturmgewehr. Sie stellt sich als Zilan vor. Ihr Gesicht hat sie für die Fotoaufnahmen mit einem schwarz-weiß gemusterten Tuch verdeckt.

Will keine ausländische Hilfe: Zilan (l.)

Jeder ihrer Tage beginnt um 5.30 Uhr morgens und ist streng durchstrukturiert. „Unser Alltag basiert auf Disziplin“, sagt sie. Freizeit gebe es kaum, sie konzentriere sich auf ihre Ziele und ihre Arbeit.

Der ideologische Unterricht ziele auf die Errichtung einer demokratischen Gesellschaft, die Militärausbildung auf die Verteidigung des kurdischen Volkes. „Wir wollen niemals die Hilfe ausländischer Mächte wie Israel und den Vereinigten Staaten“, sagt sie. „Wir sind eine unabhängige Partei.“ 

Sulaymaniyah, eine Stadt im irakischen Nordosten. Von hier aus liegt der Iran näher als Bagdad oder Erbil. Kamaran Osman ist Menschenrechtsbeobachter in der Organisation Community Peacemaker Teams (CPT) und dokumentiert Angriffe auf die Region. Er sitzt in einem Café, an den Tischen arbeiten junge Leute an Laptops.

Menschenrechtler Kamaran Osman

Der Iran habe begonnen, die Grenzdörfer wahllos mit Artillerie zu beschießen, sagt Osman. Die Lage sei „sehr schwierig für die Menschen“. In den vergangenen zwölf Tagen hat er 250 iranische Angriffe auf Irakisch-Kurdistan verzeichnet. Fünf Menschen wurden demnach getötet, 21 verletzt.

Er sieht nur schlechte Szenarien für das kurdische Volk im Iran. „Wenn das Regime fällt, besteht die Gefahr eines Bürgerkriegs im Iran“, sagt er. Hält sich das Regime, fürchtet er Teherans Rache an den Kurden im Irak – sowohl an kurdisch-iranischen Oppositionsgruppen als auch an der regionalen Regierung Irakisch-Kurdistans.

Die iranisch-kurdischen Oppositionsgruppen befinden sich auf dem Gebiet der Autonomen Region Kurdistan, die selbst zwischen zwei rivalisierenden Parteien geteilt ist, während die Zentralregierung in Bagdad die kurdischen Milizen für Teheran eindämmen soll, was ihr praktisch nie gelang.

Teheran hält das Abkommen für gescheitert

Das iranisch-irakische Sicherheitsabkommen von 2023 verpflichtete die irakische Zentralregierung, iranisch-kurdische Oppositionsgruppen zu entwaffnen, ihre Stützpunkte aufzulösen und sie ins Landesinnere zu verlegen.

Nun erwägen die kurdischen Gruppen eine Offensive im Iran. Das, so Osman, habe das iranische Regime zu dem Schluss kommen lassen, dass das Abkommen gescheitert ist. „Nun glaubt sie, diese Gruppen ins Visier nehmen, zerschlagen und besiegen zu müssen.“

Sollte der Nordirak in der Folge destabilisiert werden, droht ein Machtvakuum. Als die Ordnung hier zuletzt erodierte, setzte sich die Terrormiliz IS fest. Trump mag glauben, die Luftangriffe jederzeit beenden zu können. Doch selbst dann gibt es kein Zurück zum alten Status quo. Dieser Krieg hat einen Prozess in Gang gesetzt, der nicht mehr aufzuhalten ist.

Transparenzhinweis: In einer früheren Version dieses Artikels wurde die Interviewpartnerin fälschlicherweise als Peyman Viyan bezeichnet. Tatsächlich handelt es sich um Bahar Avrin. Wir haben den Fehler korrigiert.

Carolina Drüten ist International Security Correspondent.

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