Grünen-Politiker Omid Nouripour, 50, ist seit März 2025 Vizepräsident des Bundestags, dem er seit 2006 angehört. Von Februar 2022 bis November 2024 war er Co-Bundesvorsitzender der Grünen an der Seite von Ricarda Lang. Nouripour ist in Teheran geboren.

WELT AM SONNTAG: Herr Nouripour, fällt Ihnen ein einziger Krieg ein, der allein mit Luftangriffen gewonnen worden ist?

Omid Nouripour: Kein einziger.

WAMS: Was folgt daraus?

Nouripour: Dass die Rechnung der Amerikaner bisher nicht aufgeht. Die Idee war: Man enthauptet das System, dann gehen die Menschen auf die Straße, und die Zivilisten sind gewissermaßen die Bodentruppen für einen Regime-Change. Aber das funktioniert nicht. Wegen der Bomben können sie schlichtweg nicht vor die Tür gehen. Sie bleiben auch zu Hause wegen der Brutalität des Regimes und der Wunden der letzten Monate, die noch bluten. Im Januar sind über 30.000 Menschen in zwei Wochen erschossen worden.

Dazu kommt: Die Großstädte sind mittlerweile komplett unter Kontrolle der Basidsch-Milizen. An jeder zweiten Kreuzung gibt es Checkpoints. Im Staatsfernsehen wird offen gedroht: Wenn ihr auf die Straße geht, erschießen wir euch.

WAMS: Glauben Sie, dass dieser Moment, in dem sich die Bevölkerung erhebt, später noch kommen kann?

Nouripour: Ich hoffe das. Ich sehe es nur jeden Tag weniger. Im Januar gab es dieses Momentum. Donald Trump sagte, Hilfe sei unterwegs, die Leute gingen auf die Straße und wurden erschossen, ohne dass Hilfe kam. Ich telefoniere täglich mit Menschen im Iran. Vor einer Woche war da noch Hoffnung: Angst vor Bomben, ja. Zu spüren war aber auch die Erwartung, dass das Regime fällt. Heute höre ich zunehmend: Das bringt nichts, es ist nur Zerstörung. Der Kern des Regimes ist zwar geschrumpft, aber eben auch verhärtet und fest an den Hebeln der Macht.

WAMS: Gibt es angesichts der täglichen Luftangriffe heute eine Solidarisierung mit dem Regime?

Nouripour: Nein. Aber es gibt einen anderen, sehr problematischen Effekt: Die Stimmung im Iran entfernt sich immer stärker von der in der Diaspora. Dort wird weiter klar für diesen Krieg argumentiert. Im Iran selbst sagen immer mehr Leute: Hört auf damit. Wir sind diejenigen, die den Preis zahlen.

WAMS: Wie steht es mit dem ehemaligen Kronprinz Reza Pahlavi? Kann er eine glaubwürdige Führungsfigur sein?

Nouripour: Entscheidend ist: Iran muss frei sein. Reza Pahlavi hat es geschafft, viel Hoffnung auf sich zu ziehen, sein Name wird im Iran gerufen. Ich bin kein Monarchist. Aber am Ende müssen die Menschen vor Ort entscheiden, ob er es ist oder jemand anderes.

WAMS: Sehen Sie eine schlüssige Strategie bei Amerikanern und Israelis?

Nouripour: Bei den Israelis gibt es eine kristallklare Zielsetzung: In der Nachbarschaft gibt es ein Land, das seit 47 Jahren erklärt, Staatsziel sei die Vernichtung Israels. Israel will sich verständlicherweise von dieser Bedrohung dauerhaft befreien. Bei den Amerikanern gibt es nicht nur keinen Plan, sondern auch keine klare Zielsetzung. Mal geht es um das Atomprogramm, mal um Regime-Change, mal um Freiheit für die Menschen im Iran. Wenn der amerikanische Präsident kommuniziert, der Krieg sei vorbei, man habe eigentlich schon gewonnen, und der Verteidigungsminister sagt kurz darauf das Gegenteil, dann ist das nicht gerade vertrauenerweckend.

Und wenn ich noch eines sagen darf: Was im Iran massiv sauer aufstößt und die Stimmung zusätzlich kippen lässt, sind diese permanent KI-generierten Videos aus dem Weißen Haus, in denen das Ganze wie ein Videogame dargestellt wird, à la Super-Mario hüpft von Plattform zu Plattform, trifft auf eine Mine – und dann sieht man ein echtes Haus in Teheran in die Luft fliegen. Das finden die Leute unerträglich. Zu Recht.

WAMS: Wenn ich Sie richtig verstehe, läuft das am Ende doch auf Bodentruppen hinaus.

Nouripour: Ich wüsste nicht, wo die herkommen sollen. Wer soll sie denn stellen? Dazu ist niemand bereit.

WAMS: Churchill sagte: Die Amerikaner machen alles richtig – nachdem sie vorher alles falsch gemacht haben. Vielleicht kommt es ja doch noch zu den „boots on the ground“.

Nouripour: Wir reden hier über einen Sicherheitsapparat der Unterdrückung, der sich jahrzehntelang genau auf diesen Moment vorbereitet hat. Und wir reden über ein Land mit über 1,6 Millionen Quadratkilometern. Niemand hat eine Vorstellung, wie eine solche Kriegsführung funktionieren könnte. Ich kenne kein Militär, das dafür einen plausiblen Plan hätte.

WAMS: Was ist die Schlussfolgerung daraus?

Nouripour: Ehrlich gesagt kann ich das inzwischen nicht mehr klar sagen. Vor ein paar Wochen war die Logik noch deutlicher: Bleibt das Regime nach diesem Krieg an der Macht, wird es das Atomprogramm wieder hochfahren, das Raketenprogramm ausbauen, seine Verbündeten erneut bewaffnen und die Repression weiter verschärfen. Jetzt, zu Beginn der vierten Kriegswoche, ist die Lage noch unabsehbarer als zuvor. Absehbar ist im Moment nur eines: Die Geduld der Menschen ist bald am Ende – auch hierzulande, insbesondere an der Zapfsäule.

WAMS: Gibt es überhaupt eine militärische Lösung?

Nouripour: Es ist schlimmer: Die Amerikaner drohen gerade, eine historische Chance zu verspielen, dieses hochaggressive Regime loszuwerden. Vor dem Krieg gab es Momente, in denen das möglich schien. Diese Perspektive verblasst zusehends.

WAMS: Dann bleibt nur, das Atomprogramm gezielt auszuschalten.

Nouripour: Das stimmt. Genauso dringend ist aber auch, die regionalen Kollateralschäden zu begrenzen. Der Libanon steht am Abgrund, die Golfstaaten sind erschüttert. Länder, die nichts damit zu tun haben, werden vom iranischen Regime in den Krieg hineingezogen. Gleichzeitig zeichnet sich eine massive Aufrüstung und eine Neuordnung der Energiemärkte ab. Profiteure sind bislang vor allem Russland und China.

WAMS: Hat sich die Gefahr durch das iranische Atomprogramm erhöht?

Nouripour: Natürlich. Noch im vergangenen Jahr gingen wir davon aus, dass die Anreicherung auf Jahre hinaus verzögert ist. Jetzt wird das Regime – aus seiner Logik des Überlebens heraus – alles daransetzen, diese Kapazitäten noch schneller hochzufahren.

WAMS: Offenbar scheuen sowohl die Amerikaner als auch die Iraner, höher auf die Eskalationsleiter zu steigen. Aus welchem Grund?

Nouripour: Das Regime zieht nicht alle Register, weil es glaubt, auch so gewinnen zu können. Aber zu sagen, der Iran eskaliere nicht, stimmt nicht: Er hat mittlerweile 15 unbeteiligte Länder in diesen Krieg hineingezogen.

WAMS: Wie kommen wir aus dieser Misere wieder heraus? Braucht es eine diplomatische Initiative? Was ist jetzt überhaupt noch möglich?

Nouripour: Der schlimmste Fall wäre ein Friedensschluss, bei dem am Ende das brutale Regime als großer Gewinner dasteht – vermittelt von Russland oder China. Dann hätten wir ein massives geostrategisches Problem. In der Konfliktforschung gibt es seit Jahren den Begriff der Machtprojektion. Wir Europäer haben eigentlich viele Möglichkeiten, unsere Stärke sichtbar zu machen – reden sie uns aber oft selbst klein.

Die Chinesen machen das Gegenteil, und die Russen machen aus einer Mücke einen Elefanten, um Angst zu erzeugen. Für die Machtprojektion des Westens, also USA, Israel und Europa, wäre es der denkbar schlechteste Ausgang, wenn Russland und China den Krieg beenden würden. Dann stünde am Ende die Erzählung: Der Westen hat eine große Krise verursacht – und Russland und China haben die Energieversorgung der Welt gerettet.

WAMS: Und wie sieht der bestmögliche Fall aus?

Nouripour: Der bestmögliche Fall wäre unter den jetzigen Bedingungen, dass es innerhalb des Systems im Iran doch noch Kräfte gibt – Leute, die ihr Vermögen sichern, ihre Familien schützen wollen –, und dass die ausbrechen und es darüber zu einem Kipppunkt kommt. Aber ehrlich gesagt: Danach sieht es im Moment leider überhaupt nicht aus.

WAMS: Was kann Deutschland tun?

Nouripour: Mehr als die Bundesregierung derzeit tut. Der Druck auf das Regime muss erhöht werden. Meine Partei hat sich früh dafür eingesetzt, die Revolutionsgarden auf die EU-Terrorliste zu setzen. Außenministerin Baerbock hat das in Brüssel mehrfach eingefordert – ohne Mehrheit. Danach ist das Thema liegen geblieben, bis Zehntausende Menschen erschossen wurden. Erst dann ist die Stimmung in Brüssel gekippt, und wir haben es schließlich erreicht.

Darüber hinaus ist es längst überfällig, dass der Bundesinnenminister ein Betätigungsverbot für die Schergen des Regimes auf den Weg bringt. Es ist unerträglich, dass am Al-Quds-Tag, zu dem vergangene Woche auch in Deutschland abermals mobilisiert wurde, die Vernichtung Israels auf offener Straße propagiert und Antisemitismus verbreitet wird. Ein anderes Beispiel: In Frankfurt gibt es mehrere Hotels, von denen es heißt, sie gehören indirekt dem Regime. Das sind Gelddruckmaschinen für ein System, das damit auch Terrornetzwerke finanziert – bis hinein nach Deutschland. In den vergangenen fünf Jahren gab es in Europa, soweit ich weiß, mindestens elf konkret nachweisbare Terrorpläne aus diesem Umfeld, vor allem gegen Synagogen. Diese Vermögensstrukturen müssen wir angehen.

Und noch eine Sache, die ich nicht verstehe: Narges Mohammadi, die Friedensnobelpreisträgerin, wurde vor wenigen Wochen im Gefängnis brutal zusammengeschlagen. Es gab darauf keine Reaktionen von der Bundesregierung. Warum nicht? Der dritte Punkt also: Aufmerksamkeit für die politischen Gefangenen des Regimes. Ohne diese Dissidentenschaft wird sich nichts ändern. Sie ist die Zukunft eines freien Irans.

Jacques Schuster ist Chefredakteur der WELT AM SONNTAG sowie Chefkommentator.

Daniel-Dylan Böhmer, Senior Editor im Ressort Außenpolitik, bereist die Länder des Nahen Ostens seit Jahrzehnten. Er befasst sich vor allem mit regionalen und globalen Sicherheitsthemen und wird regelmäßig als Experte in nahöstlichen TV- und Radiosendern befragt.

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