Ricarda Lang gehörte zu den ersten prominenten Frauen, die sich seit den Vorwürfen gegen Christian Ulmen mit dessen Ex-Frau Collien Fernandes solidarisiert haben und juristische Konsequenzen fordern. Im ntv-Talk „Blome & Pfeffer“ pochte die Grünen-Politikerin am Montagabend erneut auf Gesetzesänderungen, um digitale Gewalt zu erfassen.

„Aus Worten müssen Taten werden“, forderte Lang. Es brauche gesetzliche Änderungen, damit „Deutschland von einem Täterparadies zu einem Land wird, in dem der Rechtsstaat die Würde und Freiheit von Frauen schützt“. Damit knüpfte sie an Forderungen aus ihrer Partei an, sich auch mit den „Tech-Oligarchen“ wie X-Eigentümer Elon Musk anzulegen, die Frauenhass zu einem Geschäftsmodell gemacht hätten. „Die Scham muss die Seiten wechseln“, appellierte sie in Anlehnung an den berühmten Satz der Französin Gisèle Pelicot, die über Jahre von ihrem Ehemann betäubt und von dutzenden Männern vergewaltigt worden war.

Journalist Nikolaus Blome gingen Langs Aussagen allerdings zu weit. Zwar könne er deren Forderungen „fast alle unterschreiben“ – doch das Wort „Täterparadies“ halte er in der Debatte für zu groß. „Man hat das Gefühl, Sie sprechen über ein Land, in dem jeder Mann machen kann, was er will“, entgegnete er. Daraus entstehe ein Bild der gesamten Gesellschaft, das Blome zufolge „weit über das Ziel hinausschießt“. Ihrem Anliegen, in Ruhe Gesetzeslücken zu schließen, tue die Grünen-Politikerin damit jedoch „überhaupt keinen Gefallen“.

So schlimm sei es in Deutschland natürlich nicht, gestand die Grünen-Politikerin zu, merkte jedoch an, dass Deutschland – verglichen mit anderen Ländern wie Spanien – bei den Themen digitale Gewalt und digitale sexualisierte Gewalt – weit zurückhänge. Ziel der zugespitzten Debatte sei es, endlich Licht in dieses Dunkelfeld zu bringen.

Journalistin Clara Pfeffer kritisierte ihren Kollegen dafür, dass er sich in der Debatte „gezielt“ das Wort Täterparadies herauspicke und versuche, die Problematik kleinzureden. „An der Stelle kann man wirklich mal darüber sprechen, wie groß dieses Problem ist, denn diese Erkenntnis ist einfach noch nicht da.“ Es sei nun nicht der Zeitpunkt, um sich über Begrifflichkeiten zu echauffieren.

Linken-Politiker Gregor Gysi stimmte zu, dass Deutschland juristisch bei Internet-Themen „komplett hinterherhinkt“. „Wir sind überhaupt nicht mehr auf der Höhe der Zeit“, befand Gysi und schlug analog zu Print- und Digitalmedien vor, dass Veröffentlichungen im Internet, bei denen Personen gezeigt werden, immer nur mit deren Genehmigung möglich sein könnten.

Blome hielt erneut dagegen. Bei der juristischen Debatte stimme er zu, lehnte es aber ab, eine gesellschaftliche Debatte über Männer und Frauen zu führen und dabei noch ganz andere Dinge „nebenbei versuchen mitzuregeln, die mit dieser juristischen Lücke nichts zu tun haben“. Er werde den Verdacht nicht los, dass in der aktuellen Debatte „eine Menge Trittbrett mitfahren wollen“.

Besonders störte sich der Journalist daran, dass der Eindruck entstehe, dass die Männer jetzt alle mal in sich gehen müssten. Dafür gebe es inzwischen auch Petitionen, wo Männer unterschreiben könnten, dass sie das getan hätten. „Ich muss aber ehrlich sagen: So weit, dass ich von meiner Ehefrau keinen Deepfake-Porno ins Netz stelle, war ich schon. Die Debatte brauche ich nicht.“ Natürlich seien es überwiegend Männer, die solche Taten begehen, aber eben nicht alle. Darum habe er nicht den Eindruck, dass Deutschland nun generell ein Problem mit allen Männern hat, „nur weil sie potenziell Täter sein können – allein bedingt durch die Tatsache, dass sie Männer sind. Das ist mir jetzt ein Tick zu einfach.“

Lang kritisiert sexualisierte Witze in Umkleidekabinen

Lang erwiderte, dass das gesellschaftliche Problem schon da anfange, wo Frauen objektifiziert und auf ihren Körper reduziert würden. Es sei problematisch, dass es komplett normal sei, sexualisierte Witze in Sportumkleiden zu machen. „Dort fängt es an, dass Männer Kontrolle über Frauen ausüben, indem sie sie sexualisieren“, argumentierte sie.

Wenn Menschen dann behaupten würden, dass es solche Männer in ihren Familien und ihrem Umfeld nicht gäbe, passe das nicht mehr mit den „Zahlen“ zusammen. „Das heißt, jeder von uns kennt wahrscheinlich auch Täter“, sagt sie. Darum sei es wichtig, immer wieder auf das Thema aufmerksam zu machen und auch die Männer im eigenen Umfeld zu sensibilisieren.

Journalistin Pfeffer pflichtete ihr bei, merkte jedoch an, dass aufgepasst werden müsse, dass „dieses Thema jetzt nicht gekapert wird von einem politischen Lager“. Das habe Lang jedoch in den vergangenen Tagen getan, indem sie keinen überparteilichen Aufruf gestartet, sondern sich mit einzelnen „links georteten Gruppen“ zusammengeschlossen habe.

Pfeffer kritisierte, dass vor allem die Union in der aktuellen Debatte bislang relativ still geblieben sei und behaupten würde, dass das Thema „jetzt wieder als links geframed wird. Denn es ist ein überparteiliches Thema“.

Lang kündigte daraufhin an, dass nun ein Treffen in der Bundesregierung mit allen beteiligten Ressorts stattfinden würde, um zu erörtern, was zum stärkeren Schutz von Frauen vor digitaler und sexualisierter Gewalt getan werden kann. Anschließend lade sie auch gerne zu einer partei- und fraktionsübergreifenden Initiative ein, damit „wir es in den nächsten Wochen wirklich hinbekommen, die Gesetze auch zu ändern“.

Anlass der Debatte war ein „Spiegel“-Bericht, in dem Schauspielerin Collien Fernandes schwere Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen erhoben hatte. Ulmen soll täuschend echt aussehende Fake-Profile von ihr auf Social Media erstellt und darüber „Hunderte“ Männer kontaktiert haben. Dabei soll er sich als Fernandes ausgegeben und mit einigen Männern sexuelle Gespräche geführt und erotische Bilder und Videos an sie verschickt haben, die den Eindruck erweckten, es handle sich um Aufnahmen von Fernandes. Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung. Sein Anwalt Christian Schertz kündigte rechtliche Schritte gegen die Berichterstattung an.

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