Neue Unruhe an der Berliner Hertie School: Der frühere SPD-Politiker Michael Roth wurde nach eigenen Angaben von einer Podiumsdiskussion an der Privathochschule ausgeladen, weil Proteste von Studenten zu erwarten gewesen seien. Das teilte Roth am Montag unter anderem auf Instagram mit.

Roth saß von 1998 bis 2025 im Bundestag, zuletzt war er Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags. Roth gilt als Unterstützer Israels und Kritiker des Antisemitismus. Die Hertie School geriet zuletzt in die Schlagzeilen, weil die gewählte Studentenvertretung sich für einen Boykott Israels ausgesprochen hatte.

Roth sollte Ende April an der Hochschule sprechen, die sich selbst als Ausbildungsstätte für Personal für „Führungspositionen in Regierungen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft“ versteht. Es ging um eine Podiumsdiskussion mit dem Titel „War, Peace and Diplomacy in the Middle East“ – also Krieg, Frieden und Diplomatie im Nahen Osten. Neben Roth wurden der Botschafter Bahrains, Ahmed Ebrahim A. Rahman Alqarainees sowie Ebtesam Al-Ketbi, Präsidentin der Denkfabrik Emirates Policy Center, und Lina Khatib, Visiting Scholar an der Harvard Kennedy School, angekündigt.

Als Veranstalter treten der Mashriq & Maghrib Policy Club (MMPC), eine Initiative von Hertie-Studenten, sowie das Institute for International Cooperation, Technological Diplomacy and Communication (ICI) in Aachen auf. Zudem ist das offizielle Logo der Hertie School auf dem Flugblatt, die Veranstaltung findet auf dem Universitäts-Campus in Berlin-Mitte statt.

Roth zeigte sich bestürzt über die Absage. „Niemals hätte ich mir vorstellen können, an einer renommierten Hochschule in Deutschland gecancelt zu werden“, schreibt der Politiker auf Instagram. Man habe ihn ausgeladen, „weil Studierendengruppen Proteste und Störungen angekündigt haben“, heißt es weiter. „Offenkundig ist meine Haltung zu Israel, zur Sicherheit jüdischen Lebens und zum Antisemitismus für Teile eines akademischen Milieus, dem ich selbst entstamme, nicht mehr tolerierbar.“

Protest und Widerspruch seien legitim. „Aber wenn die Androhung von Störung genügt, um Gesprächspartner auszuladen, dann kapituliert der akademische Diskurs vor dem Druck der Lautesten und Aggressivsten“, schreibt Roth.

Hertie School will Roth einladen

Die Leitung der Hertie School betont auf WELT-Anfrage, dass die Podiumsdiskussion von einem Studentenclub organisiert worden sei, nicht von der Schule selbst. „Michael Roth wurde nicht von der Hertie School als Institution ausgeladen“, sagt Benjamin Stappenbeck, Pressesprecher der Hertie School, WELT. Die Ausladung sei nicht durch die Hertie School, sondern die Initiative MMPC erfolgt.

Die Schulleitung bedauere, dass Roth nun nicht an der Diskussion teilnehmen werde – er sei dort willkommen. „Die Hertie School ist mit seinem Büro in Kontakt und lädt ihn sehr gern für eine zukünftige, offizielle Hertie School Veranstaltung am Campus zum Thema Nahost ein.“

Die Meldung trifft in eine angespannte Lage an der Hertie School. Im März beschloss die Hertie Student Representation (HSR), die gewählte Studentenvertretung der Schule, einen Boykott Israels und die Unterstützung der israelfeindlichen Kampagne „Boycott, Divestment, Sanctions“ (BDS). Die Hochschulleitung ging auf Distanz, die Hertie-Stiftung kritisierte den Beschluss scharf.

Hertie-Studenten berichteten daraufhin von einer antisemitischen Stimmung in Chat-Gruppen und auf dem Campus, wie WELT berichtete. Auf Initiative der Studentenschaft wurde der HSR abgewählt, die BDS-Resolution gilt allerdings weiterhin.

Anfang März sagte zudem überraschend der designierte neue Präsident der Hochschule ab. Jan-Werner Müller, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Princeton, nahm das Amt aus persönlichen Gründen nicht an. Nach Ende der Präsidentschaft der Politikwissenschaftlerin Cornelia Woll besteht somit derzeit eine Leerstelle an der Führung der Schule.  

„Wenn es ein Einzelfall wäre, würde ich auch sagen: Schwamm drüber“, sagt Roth WELT. Die Einladenden wolle er ausdrücklich in Schutz nehmen. „Aber wenn wir so weitermachen, geht unsere Diskussionskultur völlig vor die Hunde. Ich bin traurig, so etwas in Deutschland erleben zu müssen.“

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