Der iranische Exilpolitiker Reza Pahlavi, Sohn des 1979 gestürzten Schahs, ist in dieser Woche für politische Gespräche in Berlin. Der 65-Jährige, der eine führende Rolle in der Opposition für sich beansprucht, spricht am heutigen Donnerstag vor der Bundespressekonferenz und will sich auch mit Abgeordneten treffen. Treffen mit Regierungsmitgliedern sind nicht geplant, was Pahlavi im Interview mit WELT bedauert. Bei dem Gespräch am Vorabend kritisierte er die Zurückhaltung Berlins, aber Europas insgesamt – und beschrieb seinen Plan für die Zeit nach einem Regimewechsel im Iran, an den er immer noch glaubt.

WELT: Herr Pahlavi, was hören Sie von den Menschen im Iran? Wie ist die Lage dort nach der Gewalt des Regimes und nach Wochen der Bombardierungen?

Reza Pahlavi: Nach diesem in unserer Geschichte beispiellosen Massaker sind meine Landsleute entschlossener denn je, den Kampf bis zum endgültigen Sieg fortzusetzen. Wir haben keine andere Wahl. Zwischen uns und diesem Regime ist zu viel Blut geflossen. Die Menschen sind widerstandsfähig und haben die Hoffnung nicht aufgegeben. Derzeit verhalten sie sich strategisch zurückhaltend, bis sich eine Gelegenheit ergibt, wieder auf die Straßen zu gehen – sobald die Zwangsorgane des Regimes neutralisiert oder ausgeschaltet sind. Das hängt eng mit der Fortsetzung einer Militäroperation zusammen, die darauf abzielt, die Fähigkeit des Regimes zu beschneiden, die eigene Bevölkerung zu töten. Die Hoffnung ist, dass die Menschen in diesem Kampf nicht im Stich gelassen werden und am Ende die Chance bekommen, dorthin zurückzukehren, wo sie hingehören.

WELT: Wie ist die Lage vor Ort, etwa was die Versorgung mit Lebensmitteln und Strom angeht?

Pahlavi: Die wirtschaftlichen Probleme sind nichts Neues für die Iraner. Dieses Regime hat sich von Anfang an nicht um die Bevölkerung gekümmert. Stattdessen wurden Milliarden Dollar ausgegeben, um Stellvertreter wie Hamas oder Hisbollah zu unterstützen. Es führt ständig Konflikte in der Region und hat sein Terrornetzwerk bis nach Europa ausgeweitet – auch nach Deutschland, wie den hiesigen Behörden bekannt ist. All das geschieht auf Kosten der iranischen Bevölkerung. Das ist ein weiterer Grund, warum die Menschen nichts weniger als einen vollständigen Bruch mit diesem Regime akzeptieren werden. Wenn sie von Waffenstillstand oder Verhandlungen hören, fragen sie: Und was ist mit uns? Denn es gibt noch einen anderen Krieg, den die Welt weitgehend ausblendet: den Krieg des Regimes gegen die eigene Bevölkerung. Tötungen und Hinrichtungen gehen weiter. Für die kommende Woche sind 20 Exekutionen angesetzt, 19 wurden bereits in der vergangenen Woche vollstreckt. Dieses Geschehen stellt selbst die wirtschaftliche Not in den Schatten.

WELT: Sie haben den Waffenstillstand angesprochen. US-Präsident Donald Trump hat ihn auf unbestimmte Zeit verlängert. Ist er zu nachgiebig? Kann es mit diesem Regime überhaupt eine Verhandlungslösung geben?

Pahlavi: Ob US-Präsident oder europäische Regierungschefs – sie müssen eines verstehen: Seit 47 Jahren versucht man, durch Beschwichtigung eine Verhaltensänderung des Regimes zu erreichen. Zu glauben, es werde plötzlich sein Wesen ändern, ist eine Illusion. Ich war ermutigt, als Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte, das Regime habe durch das Massaker seine Legitimität verloren. Doch seither hat man die Kritik gemildert und ist zum alten Kurs zurückgekehrt. Das ist enttäuschend. Die Europäer sollten deutlich entschlossener auftreten – das ist es, worüber ich hier in Europa eigentlich sprechen will. Präsident Trump war der Einzige, der überhaupt gehandelt hat. Europa hinkt hinterher. Es muss die Realität vor Ort anerkennen: Im Iran sterben täglich Menschen, solange dieses Regime an der Macht bleibt. Wenn dieses Regime wieder auf Zeit spielt, um sein Überleben zu sichern, dann verlängert das nur den aktuellen Zyklus der Instabilität. Selbst ein kurzfristiges Abkommen würde nur den nächsten Zyklus der Instabilität einleiten. Dauerhafte Stabilität wird es mit diesem Regime nicht geben.

WELT: Warum hat Deutschlands und Europas Unterstützung für einen Wandel im Iran aus Ihrer Sicht nachgelassen? Geht es um wirtschaftliche Interessen?

Pahlavi: Das Regime setzt gezielt auf Einschüchterung und Erpressung, etwa durch Geiselnahmen. Gespräche auf Regierungsebene werden oft blockiert, aus Angst, Geiseln zu gefährden – faktisch ein Nachgeben gegenüber diesem Druck. Für Demokratien, die für Menschenrechte und Freiheit stehen, ist es ein Versäumnis, Stimmen zu marginalisieren, die eine echte Alternative darstellen. Die Folgen tragen nicht nur Millionen Iraner, sondern auch die Bürger Europas: durch Migration, Energieabhängigkeit und Sicherheitsrisiken. Hinzu kommen Raketenprogramme, die große Teile Europas erreichen könnten. All das wird zu wenig berücksichtigt.

WELT: Sollten die USA und Israel ihre Angriffe fortsetzen – auch auf die Gefahr hin, dass dies weitere zivile Opfer zur Folge hat?

Pahlavi: Die Iraner unterscheiden sehr genau zwischen Angriffen auf die Infrastruktur des Regimes und Angriffen auf das Land selbst. Das ist kein Krieg gegen das iranische Volk, sondern gegen die militärischen und paramilitärischen Strukturen des Regimes. Natürlich würde ich als Erster protestieren, wenn zivile Infrastruktur getroffen würde. Welcher Patriot sieht gerne Bombardements in seinem eigenen Land? Viele Menschen im Iran haben die Angriffe begrüßt, weil sie gezielt Einrichtungen des Regimes treffen – etwa die Basidsch-Milizen, die auf Demonstranten geschossen haben. Es geht darum, den Druck auf die Repressionsorgane zu erhöhen, damit die Menschen wieder auf die Straße gehen können. Europa muss nicht militärisch eingreifen, kann aber an anderer Stelle deutlich mehr tun. Es hat ewig gedauert, bis die Europäer die Revolutionsgarden auf ihre Terrorliste gesetzt haben. Heute haben die Garden de facto den Staat übernommen, und darum sollten die Europäer stets bedenken, dass sie mit einer Terrororganisation verhandeln, wenn sie mit der iranischen Regierung sprechen. Zudem könnten die Europäer Druck ausüben, damit die Regierung den Iranern wieder Zugang zum Internet gibt, sie könnten ein sofortiges Ende der Hinrichtungen fordern, die Freilassung politischer Gefangener. Sie könnten iranische Diplomaten ausweisen und die Netzwerke des Regimes in Europa zerschlagen. Bei alledem bleibt Europa hinter seinen Möglichkeiten zurück.

WELT: Sie haben darum gebeten, von Mitgliedern der Bundesregierung empfangen zu werden. Doch diese Anfrage wurde abgelehnt. Sind Sie enttäuscht?

Pahlavi: Es ist das Vorrecht demokratischer Regierungen, einen offenen Dialog mit jedem zu führen. Aber wenn das Regime Sie erpresst, dann ist das fragwürdig. Ich versuche, eine Stimme für Millionen Iraner zu sein, die entrechtet sind und nicht einmal am Verhandlungstisch sitzen, ihre Botschaft und ihre Forderungen an Entscheidungsträger weiterzugeben. Man hört nichts von ihnen. Alles, was man hört, ist die Propaganda des Regimes. Es geht nicht um mich. Es geht um das iranische Volk.

WELT: Sehen Sie Deutschland als einen Verbündeten im Kampf gegen das Regime?

Pahlavi: Das ist genau die Frage, die ich der deutschen Regierung stellen möchte. Man zieht sich hinter einst starke Aussagen von Kanzlerin Merkel zurück, kehrt in Europa zurück zur Beschwichtigung, zu Verhandlungen. Meine Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass das iranische Volk Teil der Lösung ist und gehört wird. Und alles beginnt damit, einen offenen Dialog mit ausländischen Regierungen zu führen. Das fehlt, und das ist bedauerlich.

WELT: Nach den Demonstrationen im Januar waren Sie sehr hoffnungsvoll. Sie verwiesen auf die Botschaft des US-Präsidenten: Hilfe ist unterwegs, setzt den Kampf fort! Sie sagen, Sie sind immer noch hoffnungsvoll. Trotzdem: Haben Sie sich von den USA und Trump mehr erhofft?

Pahlavi: Die Kosten unserer Befreiung werden viel höher sein, wenn wir alleine handeln müssen. Es gibt viele Beispiele in der jüngeren Geschichte, in denen Bewegungen mit externer Hilfe erfolgreich waren: Südafrika und Mandela zum Beispiel oder Lech Wałęsa und die Solidarność-Bewegung in Polen. Beim Iran heißt es plötzlich: Ihr macht das alleine, das ist nicht unsere Angelegenheit. Die Welt hat zuletzt schlechte Erfahrungen mit Regimewechseln gemacht, zum Beispiel nach dem Sturz von Saddam Hussein im Irak. Die erste Frage, die mir berechtigterweise gestellt wird, ist daher: Was passiert danach? Das würde ich gerne mit Entscheidungsträgern besprechen: dass es einen Plan gibt für den Übergang und wie wir ihn stabilisieren wollen. Das ist unser Moment der Befreiung. Unser Berliner-Mauer-Moment ist gekommen. Beschwichtigung ist keine Lösung mehr. Ob Sie sich entscheiden, uns zu helfen, oder nicht, wir werden den Kampf fortsetzen. Es gibt kein Zurück.

WELT: Sie sagten, die Iraner sollten ihre eigene Staatsform wählen. Ist auch eine Monarchie unter der Pahlavi-Familie eine Option?

Pahlavi: Das soll das Volk entscheiden. Die Übergangsführung hat zwei Aufgaben: Sie verwaltet vorübergehend die Angelegenheiten des Landes, um einen stabilen Übergang zu gewährleisten, und bereitet die Bühne für die Wahl einer verfassungsgebenden Versammlung, in der die Debatte über die endgültige Form und den Text der Verfassung geführt wird. Das Volk wird darüber abstimmen. Es wird ein Referendum geben. Am Ende dieses Prozesses werden wir Wahlen zum ersten Parlament und zur ersten Regierung dieser neuen Demokratie haben. Das ist das Ende der Übergangsperiode. Wichtig ist, dass wir Iraner bestimmte Aspekte gelernt haben: Die Trennung von Religion und Staat ist eine zwingende Voraussetzung für ein demokratisches System, damit Religionsfreiheit gewährleistet ist, Gleichheit für alle Bürger besteht und jede Form von Diskriminierung beendet wird.

WELT: Wenn Sie an der Macht wären: Würden Sie das Atomprogramm sofort beenden?

Pahlavi: Ich kandidiere nicht für ein Amt. Ich sehe mich nicht als Ziel, sondern als Brücke dorthin. Mein Fokus liegt auf meiner aktuellen Rolle in diesem Übergang. Ich habe Unterstützung sowohl aus dem monarchistischen als auch aus dem republikanischen Lager. Prinzipiell würde ich sagen: Wenn es an mir läge, würde ich die militärischen Ambitionen des Atomprogramms sofort beenden. Genauso wie die feindselige Politik gegenüber unseren Nachbarn. Ein demokratischer Iran könnte friedliche Beziehungen zur arabischen Welt, zu Israel und zum Rest der Welt haben. Europa sollte verstehen, welches strategische Potenzial ein freier Iran bietet – auch wirtschaftlich. Aber das wird erst möglich sein, wenn dieses Regime nicht mehr existiert.

Bei dem Interview handelt es sich um eine gekürzte und aus Gründen der Lesbarkeit redaktionell bearbeitete Version eines TV-Interviews, das am Donnerstagvormittag im WELT-Nachrichtensender ausgestrahlt wurde.

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