Inhalt des Artikels:

  • Landesbeauftragte betont Bedeutung der Unrechts-Anerkennung
  • Traumaberatung gegen ein Leben mit Stigma
  • Politische Haft muss speziell psychotherapeutisch behandelt werden
  • Mehr Sensibilisierung für Erfahrungen mit Gewalt während Altenpflege

Jugendwerkhof, das klingt harmlos nach irgendwas zwischen Jugendherberge, Bauernhof und Werkstatt. Aber die Jugendwerkhöfe der DDR waren staatliche Umerziehungsheime, um junge Menschen, die aus Sicht der Staatsführung nicht ins System passten, zu brechen. Als besonders schlimm galt der geschlossene Jugendwerkhof im sächsischen Torgau. Militärischer Drill, monotone körperliche Arbeit und harte Strafen waren Alltag. Einige Jugendliche haben sich sogar verstümmelt oder versucht, Selbstmord zu begehen, weil sie es dort einfach nicht ausgehalten haben.

Rund 4.000 Jugendliche haben Torgau durchlaufen, eine von ihnen war Jana Mendes Bogas, die berichtet: "Der Erzieher teilte gleich mit, dass man nur zu sprechen hat, wenn man aufgefordert wird". Die ehemalige Heimbewohnerin sagt weiter, der Erzieher sei mit ihr in die Kleiderkammer gegangen und habe sie gebeten, sich nackt auszuziehen. Damals sei sie 15 gewesen, alle Körperöffnungen seien untersucht worden – mit dem Gesicht zur Wand.

Landesbeauftragte betont Bedeutung der Unrechts-Anerkennung

Nancy Aris, Sachsens Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, weiß, wie es vielen der Opfer heute geht und sagt, es sei für die Betroffenen sehr wichtig, dass eine staatliche Stelle anerkenne, dass sie zu Unrecht dort waren und dass man ihnen ihr Leben über Jahre zum Teil genommen habe. Daran schließe sich eine finanzielle Entschädigung an.

Wer jetzt strafrechtlich rehabilitiert wird, erhält für die Zeit im Jugendwerkhof eine monatliche sogenannte Kapitalentschädigung. Wer 90 Tage dort war, was in der Regel der Fall gewesen sei, habe Anspruch auf die monatliche Opferrente. Das seien 400 Euro im Monat. Aris betont, dass das Geld den Betroffenen sehr helfe, da ehemalige Jugendwerkhofinsassen sehr oft in finanziell prekären Verhältnissen lebten.

Traumaberatung gegen ein Leben mit Stigma

Die Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der SED-Diktatur verweist dabei auch auf eine monatliche Traumaberatung, die von ihrer Behörde angeboten werde. Man dürfe nicht vergessen, dass viele ehemalige Jugendwerkhofinsassen bis heute traumatisiert seien. Durch multiple Schädigungen müsse mit ihnen auf einer anderen Ebene umgegangen werden. 

Die Menschen leben bis heute unter dem Stigma, dass es 'schon richtig war', dass sie dort im Jugendwerkhof waren.

Nancy ArisLandesbeauftragte für die Aufarbeitung der SED-Diktatur

Die Menschen lebten bis heute unter dem Stigma, dass es "schon richtig war, dass sie dort im Jugendwerkhof waren". Es sei unheimlich schwierig in der breiten Öffentlichkeit, aber auch zum Teil unter anderen Opferverbänden, ein Bewusstsein zu schaffen, dass diese Menschen irgendwie dazugehören und Opfer der SED-Diktatur waren. 

Unwissenheit über DDR-Gewalt auch heute noch verbreitet

Aris geht davon aus, dass es auch heute noch Unwissenheit über die Jugendwerkhöfe der DDR-Zeit gibt. Man habe auch in der DDR so gut wie gar nichts darüber gewusst. Damals habe es dieses geflügelte Wort gegeben "Wenn du nicht spurst, dann kommst du nach Torgau". Sie selber habe das in ihrer Schulzeit gehört und gedacht, das müsse ein ganz schrecklicher Ort sein. Aber keiner habe gewusst, was dort passiere.

Das habe, so Aris, auch danach noch unheimlich lange gedauert und es passiere auch heute noch in Gesprächen mit manchen Mitarbeitern der Justiz, das gesagt werde, es habe ein bisschen scharfer Ton geherrscht. Aber das müsse ja nicht allen schaden. Den Grad der Entrechtung würden die Leute zum Teil gar nicht sehen wollen. Es sei viel einfacher zu sagen, das seien alles Kleinkriminelle gewesen und werde schon so seine Richtigkeit gehabt haben. 

Politische Haft muss speziell psychotherapeutisch behandelt werden

Bis heute würden die Betroffenen mitunter wirklich verfolgt durch das, was sie damals erleben mussten. Die punktuelle Betreuung und Traumaberatung der Behörde ist Aris zufolge für ganz wenige nutzbar. Selbst bei zwei oder drei Beratungstagen im Monat sei es nicht möglich, neue Fälle anzunehmen.

Ein breiteres psychotherapeutisches Angebot nicht nur für die ehemaligen Jugendwerkhofinsassen hält Aris für wünschenswert. Menschen, die in politischer Haft gewesen seien, hätten viele Probleme und es gebe nicht so viele, die darauf spezialisiert seien. Es sei einfach anders, als eine Depression.

Mehr Sensibilisierung für Erfahrungen mit Gewalt während Altenpflege

Die Historikerin verweist dabei auf ein weiteres Problem, das mit dem Alter der ehemaligen Bewohner zusammenhängt. Viele kämen jetzt zum Teil auch in eine Pflegesituation in einem Heim. Für Menschen, die eine Kollektivverwahrung erlebt hätten, sei das nicht einfach.

Da komme jemand und fange an, sie zu waschen und derjenige habe vielleicht auch einen strengeren Ton. Sie würde sich wünschen, dass es in diesen medizinischen Bereichen auch eine Sensibilisierung für diese Klientel gebe oder für die Menschen, die mit einem anderen Rucksack durchs Leben gingen und vielleicht eine besondere Zuwendung bräuchten.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.