Die deutsch-russischen Beziehungen sind auf einem neuen Tiefpunkt. Nach Drohungen des russischen Verteidigungsministeriums gegen deutsche Rüstungsfirmen bestellte das Auswärtige Amt den russischen Botschafter ein. Die Drohungen seien „ein Versuch, unsere Unterstützung für die Ukraine zu schwächen und unsere Geschlossenheit zu testen“, hieß es aus dem Auswärtigen Amt. Zuvor hatte das Verteidigungsministerium in Moskau eine Liste europäischer Firmen veröffentlicht, die „Angriffsdrohnen für das Kiewer Regime“ herstellten.
Dann kam der nächste Tiefschlag: Russland erklärte, von Mai an kein Erdöl aus Kasachstan über die Druschba-Pipeline nach Deutschland durchzuleiten. Zwar erklärte das Bundeswirtschaftsministerium, die Versorgungslage in Deutschland sei dadurch nicht bedroht. In jedem Falle aber demonstrierte der Kreml: Man hat noch immer energiepolitische Hebel gegen Deutschland in der Hand.
Die Drohungen passen ins Bild. Über die Jahre ist Deutschland zu Russlands Erzfeind in Europa avanciert. Vor vier Jahren stoppte Russland die Gaslieferungen über Nord Stream 1, nach eigener Erklärung aus „technischen Gründen“. Und seit Jahren überzieht der Kreml Deutschland mit einer beispiellosen Kampagne von Spionage, Cyberangriffen, Sabotage und Wahlbeeinflussung.
„Russland ist zweifellos aggressiv, offensiv und zunehmend eskalativ“, sagte der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Sinan Selen, bei einer öffentlichen Anhörung im Bundestag. An einem DHL-Logistikzentrum in Leipzig wollten russische Agenten ein Frachtflugzeug mit einem Sprengsatz zum Absturz bringen. Der russische Militärgeheimdienst verübte eine Cyberattacke auf die deutsche Flugsicherung und mehrere Hackerangriffe auf den Bundestag. Russische Geheimdienste sollen einen hochrangigen BND-Referatsleiter rekrutiert haben, der wegen des Vorwurfs des Landesverrats vor Gericht steht.
Russlands Hemmschwelle für Aktionen gegen Deutschland sei gesunken, stellte im vergangenen Jahr das Bundesamt für Verfassungsschutz fest. Laut Recherchen der Nachrichtenagentur AP hat es seit der russischen Großinvasion nur in Polen mehr solcher Vorfälle gegeben. In der Auswertung der amerikanischen NGO Armed Conflict Location and Event Data liegt Deutschland sogar vor Polen.
Der Grund für Wladimir Putins verdeckten Krieg ist nicht nur die Tatsache, dass Deutschland mit neun Milliarden Euro im Jahr 2025 inzwischen die Liste der wichtigsten Geberländer für die Verteidigung der Ukraine anführt. Nun plant Deutschland zudem, die stärkste konventionelle Armee Europas aufzubauen. In der jüngst veröffentlichten ersten Militärstrategie der Bundeswehr wird Russland als Hauptbedrohung genannt.
Nach den Vorstellungen des Kremls ist Deutschland geopolitisch trotzdem der ewige Wackelkandidat. Also ein Land, das man mit Drohungen auf die russische Seite ziehen oder zumindest in einen paralysierten Angstzustand versetzen könnte.
Bereits in der Vergangenheit sprachen hochrangige russische Politiker wie Dmitri Medwedjew Drohungen gegen Deutschland aus. Ob sie Auswirkungen auf die Politik der Bundesregierung hatten, ist unklar. Aber Moskau dürfte sich über die mehrmonatigen Verzögerungen bei der Lieferung von Leopard-Panzern und anderen offensiven Waffen an die Ukraine gefreut haben. Die deutsche Debatte über Taurus-Marschflugkörper für die Ukraine könnte auch als ein Argument für den Erfolg dieser Angst-Strategie gelten. Im März sagte Bundeskanzler Friedrich Merz, die Ukraine brauche schlicht keine Taurus-Marschflugkörper mehr.
Kluft zwischen Politik und Bevölkerung
Moskau nimmt eine Kluft zwischen Politik und Bevölkerung wahr, die vielleicht groß genug ist, um das Land politisch zu destabilisieren. In Umfragen sieht zwar die Mehrheit der Befragten hierzulande in Russland eine Gefahr und unterstützt höhere Verteidigungsausgaben. Aber der Kreml beobachtet auch, dass die konkrete Ausgestaltung der Verteidigung kontrovers diskutiert wird – und Parteien wie die AfD, die der Kreml als potenzielle Partner ansieht, Zulauf erhalten.
Maßnahmen wie die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht wären bei jungen Deutschen politisch heikel. Deutschlands neues Modell des Wehrdienstes soll die Personallücken der Bundeswehr füllen. Dieser Ansatz steht Russlands stetig ausgebauter und digitalisierter Rekrutierungsmaschine gegenüber, die jährlich knapp 300.000 Männer einzieht – so viele wie seit anderthalb Jahrzehnten nicht.
Anders als in Polen oder Finnland, wo die Gefahr aus Russland zum breiten gesellschaftlichen Konsens gehört, kann Moskau in Deutschland mit seinen Drohungen pazifistische und armeekritische Einstellungen mobilisieren.
Laut einer europaweiten Studie der lettischen Riga Stradins University wollen gerade 27 Prozent der Deutschen im Kriegsfall für ihr Land kämpfen. Damit gehört Deutschland im europäischen Vergleich zu den Schlusslichtern. In Finnland liegt der Anteil bei 64 Prozent, in Polen bei 49 Prozent.
So setzt Russland die deutsche Geschichte bewusst gegen Deutschlands heutige Verteidigungsbereitschaft ein. Ein Beispiel für diese Rhetorik lieferte jüngst Putins Sprecher Dmitrij Peskow, als er Deutschlands neue Militärstrategie kommentierte. Es sei das Wichtigste, dass Deutschland nicht „dorthin steuert, wohin es schon mehrmals in der Geschichte steuerte“ – und unterstellte Deutschland damit, den nächsten Krieg in Europa anzuzetteln.
Pavel Lokshin ist Russland-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2017 über Russland, die Ukraine und den postsowjetischen Raum.
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