Der rund zwölf Tonnen schwere Buckelwal liegt weiterhin in einer eigens angelegten Mulde vor der Insel Poel. Sein Zustand ist kritisch, aber offenbar stabil. Beobachtungen zufolge atmet der Wal derzeit in einem Rhythmus von etwa sechs Minuten.
Helfer einer privaten Initiative waren weiterhin damit beschäftigt, eine mehr als hundert Meter lange Rinne zu graben, um das gestrandete Tier zu befreien. Die Bagger- und Spülarbeiten sollen der Initiative zufolge noch bis Samstag dauern. Geldgeber Walter Gunz will „den Weg bis zum Ende“ finanzieren. Auch die neu eingeflogene „Free Willy“-Crew war am Freitag bei dem Tier, das von den Helfern wahlweise „Timmy“ oder „Hope“ genannt wird.
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Bereits am Donnerstagabend gaben die Retter ein vorsichtig optimistisches Update. Tierärztin Kirsten Tönnies erklärte, angesichts der Umstände sei der Zustand des Wals bemerkenswert: Wenn man bedenke, dass der Wal drei Wochen festlag, könne man sich wundern, dass sein Gesundheitszustand noch so gut sei. Auch die Haut habe sich zuletzt sichtbar verbessert, wird Tönnies von der „Bild“-Zeitung zitiert.
Auch Klaus Kraft von der Tierrettung Mecklenburg-Vorpommern sagte, der Wal sei im Moment „tiefenentspannt“. Der Meeressäuger habe erneut Futter angeboten bekommen und dabei „das Maul ein Stück aufgemacht“ – ein Zeichen dafür, dass er Nahrung aufnehmen könne.
Meeresbiologe Fabian Ritter beschrieb die Lage in „Bild“ dagegen so: „Wahrscheinlich nimmt der Wal das Ganze mit einer guten Portion Verwunderung, Verzweiflung und wohl auch Angst wahr. Ich denke auch: Er spürt, dass niemand es böse mit ihm meint.“
Derzeit liegt der zwölf Tonnen schwere Meeressäuger in einer künstlich geschaffenen Kuhle. Nun soll eine 110 Meter lange, 10 Meter breite und 2 Meter tiefe Rinne zum tiefen Fahrwasser geschaffen werden. Verfolgen Sie hier dazu alle Entwicklungen im Livestream.Kritiker sind jedoch skeptisch, ob das Graben einer 110 Meter langen, zehn Meter breiten und zwei Meter tiefen Rinne überhaupt Sinn ergibt, weil die Organe des Tiers unter seinem eigenen Gewicht vermutlich bereits Schaden genommen haben könnten.
Tierärztin Tönnies äußerte sich kritisch zur Zusammenarbeit mit dem Ministerium. Unter anderem kritisierte sie deutlich das Gutachten von Experten, das im Auftrag des Ministeriums erstellt worden war. Nicht nur, dass sie aus tierärztlicher Sicht „Mängel“ darin sehe; sie hätte auch andere Prioritäten gesetzt sowie zusätzliche Maßnahmen und Messungen durchgeführt.
Noch schärfer fiel ihre Kritik laut „Stern“ an den bislang beteiligten Fachleuten aus: In der Bevölkerung und im Ministerium fehle es an Verständnis für den „Unterschied zwischen Tier-, Arten- und Naturschützern“. Während sie sich als Tierschützerin dem einzelnen Lebewesen verpflichtet fühle, gehe es Arten- und Naturschützern stärker um ökologische Zusammenhänge und das Gleichgewicht ganzer Populationen. Zu dieser Gruppe zählte sie auch jene „Experten“, die die Behörden zuvor beraten hatten. Letztere trügen aus ihrer Sicht eine Mitverantwortung dafür, dass sich die Rettung so lange hinziehe und das Tier entsprechend lange leide.
Auch die US-Tierärztin Jenna Wallace, spezialisiert auf Meeressäuger und kurzfristig Teil des privaten Rettungsteams vor Poel, hat scharfe Kritik an neuen Akteuren und den Abläufen vor Ort geübt. Sie stellt insbesondere die Qualifikation des hinzugezogenen Experten Charles Vinick infrage: Er habe „weder die nötige Expertise noch die erforderlichen Qualifikationen“, sein Fokus liege „ganz klar auf Fundraising, nicht auf Tierwohl“. Auch die Zustände im Team beschreibt sie drastisch: Vor Ort habe „komplettes Chaos“ geherrscht, zentrale Entscheidungen seien widersprüchlich getroffen worden.
Wallace sieht dennoch weiter Chancen für den gestrandeten Wal: Sie habe „ein Tier gesehen, das leben will“ – gleichzeitig fordert sie angesichts der stockenden Rettung ein sofortiges Handeln: „Wenn man nichts tut, wird er auf jeden Fall sterben, also macht jetzt einfach irgendwas.“
Die Rettungsmission stellt allerdings nicht nur für den Wal eine Belastungsprobe dar. Ein Landwirt von der Insel Poel beschreibt die Wochen rund um den gestrandeten Buckelwal als extremen Ausnahmezustand: „Ich wohne schon mein Leben lang auf der wunderschönen Insel Poel. Aber so einen Terror habe ich in meinem ganzen Leben hier noch nie gehabt.“
Seit mehreren Wochen würden seine Weizenfelder niedergetrampelt, die Schaulustigen und Helfer hinterließen Müll und versetzten seine Tiere auf den Weiden in Stress, obwohl gerade Kälberzeit sei. Aus Angst vor Konsequenzen wolle er namentlich nicht genannt werden. Zwar seien „auch ein paar vernünftige Leute dabei“ gewesen, sagte er den „Kieler Nachrichten“, doch viele hätten wenig Rücksicht gezeigt – für ihn und seinen Betrieb sei diese Zeit „die schlimmste“ gewesen.
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