Der Mariannenplatz war voll, so viele Teenies waren da. „Sperrt die Männer weg!“, riefen Jugendliche auf dem Platz in Berlin-Kreuzberg – berühmt spätestens durch den „Rauch-Haus-Song“ von Ton Steine Scherben über eine dortige Hausbesetzung und Straßenschlachten mit der Polizei aus den 70er-Jahren. Die Sonne schien, der Sommer kam pünktlich zum Feiertag in der Hauptstadt an. Und auf dem Mariannenplatz war ein Fest.
„Sperrt die Männer weg und macht mir kein auf brav, Schlampen – mach ihn zu meim Fotzenknecht oder zu meim Zahlsklaven“, sang die erfolgreiche Berliner Rapperin Ikkimel auf der Bühne und ihre Fans davor, wie auf einem Instagram-Video der Linken zu sehen ist. Ikkimel war der Stargast an diesem Freitagabend auf dem Fest der Partei zum 1. Mai. Ein großer, aufblasbarer Hai (ein „Miethai“) stand neben der Bühne, der Platz war brechend voll, Tausende Jugendliche tanzten und jubelten.
„Ganz Berlin hasst die AfD“, skandierte die Menge immer wieder. Und Elif Eralp, die im September für die Linke zur Bürgermeisterwahl gegen den amtierenden Kai Wegner (CDU) antritt, rief unter Jubel: „Wir werden dieses Rote Rathaus endlich richtig rot färben!“
Im Görlitzer Park wurde eine Party aus Protest gegen den Bau eines Zauns um den kriminalitätsbelasteten Park veranstaltet. Auf der Bühne sprach auch der Linke-Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak. Mit erhobenem Mittelfinger und mit der Unterstützung Hunderter rief er: „Merz, leck Eier!“ Der Slogan wurde in Protesten gegen eine Wiedereinsetzung der Wehrpflicht und gegen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zuletzt populär.
In einer aktuellen Umfrage zur Abgeordnetenhauswahl in der Hauptstadt steht die Linke, punktgleich mit den Grünen und der AfD, bei 18 Prozent. Die CDU kommt demnach auf 19, die SPD auf 13 Prozent. Gewählt wird im September. Der Regierende Bürgermeister Wegner rief Eralps Partei im Februar bereits zum „Hauptkonkurrenten“ aus – und kritisierte die Linke als „Partei, die klar antisemitisch ist, eine Partei, die sich immer weiter radikalisiert“.
Kreuzberg war an diesem Maifeiertag ein Heimspiel für die Linke, so scheint es. Doch im Nachgang löst das Konzert am Mariannenplatz ordentlich Ärger aus. Denn nur wenige Hundert Meter weiter, auf dem Oranienplatz, sammelte sich zur selben Zeit die „Revolutionäre 1. Mai Demo“, eine linksradikale Großdemonstration, die traditionell in Krawallen endet. Teile der Demonstration – viele Leute mit kleinen „Krieg dem Krieg“-Flaggen in der Hand oder der Kufiyah, dem Palästinensertuch, um die Schultern – zogen über die Oranienstraße, insgesamt waren rund 10.000 Menschen gekommen.
Nach dem Ikkimel-Konzert strömten jedoch Tausende Jugendliche vom Mariannenplatz weg. Am Rio-Reiser-Platz – benannt nach dem Ton-Steine-Scherben-Sänger – gerieten sie in den Demonstrationszug, nur wenige Gehminuten nach dem Start. Dort steckten Teile des Protestzugs anschließend stundenlang fest.
„Gestern haben wir eine der gefährlichsten 1. Mai-Demos der letzten fünf Jahre erlebt“, schrieb noch am Samstag die „Migrantifa“ auf Instagram, einer der Organisatoren der Demonstration. Die vielen Konzertbesucher hätten den Protest blockiert. „Erst durch improvisierte Absperrungen konnten wir uns nach Stunden langsam durchpreschen – unter massiver Enge und Gefahr von Massenpaniken.“
Dahinter stecke ein politisches Problem. „Die Linkspartei hat damit nicht nur ihre Kräfte spalterisch genutzt, sondern hat Strukturen aus dem Gesundheits- und Sozialbereich, Anwohner*innenproteste gegen Waffenfabriken und einen großen Jugendblock gegen Wehrpflicht faktisch blockiert. Unser Protest wurde zersetzt und so temporär unmöglich gemacht“, so die Gruppe. Parteien, die nicht die Arbeiter, sondern den „Schwanzvergleich“ priorisierten, seien keine Freunde. Mehr noch: „Der Feind versucht, sich in den eigenen Reihen einzureihen, während er sie vernichtet.“
Demonstration „Revolutionärer 1. Mai“ in Berlin 2026Auch andere beteiligte Gruppen beklagten im Nachgang ein „entpolitisierendes Saufgelage“. Kreuzberg sei „schon früh mit Party- und Suffklientel geflutet“ worden. Linke Influencer lehnten das Konzert im Vorfeld bereits als „Befriedungstaktik, um den Protest zu schwächen“, ab.
Denn um Straßenschlachten zu unterbinden, setzte der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg jahrelang auf das „Myfest“. Das sollte den „Ausschreitungen am 1. Mai entgegenwirken, indem in den Kiezen um das Kottbusser Tor, den Heinrichplatz und die Oranienstraße Gewalt durch friedliches Feiern ersetzt wird“, wie es die Stadt Berlin formuliert. Hat das nun ausgerechnet die Linke erfolgreich umgesetzt?
Das Fest auf dem Mariannenplatz gebe es seit 30 Jahren parallel zur Großdemonstration, betont die Berliner Parteispitze auf Anfrage. „Das war für niemanden eine Überraschung“, sagt Landesvorsitzende Kerstin Wolter zu WELT. „Dass durch den Auftritt von Ikkimel dieses Jahr besonders viele Menschen auf den Mariannenplatz geströmt sind, hat uns sehr gefreut.“
Die Zahl der Ordner sei im Vergleich zu den Vorjahren „wesentlich erhöht“ worden, ein Sicherheitsdienst eingesetzt und ein Sicherheitskonzept mit der Polizei abgestimmt worden. „Während der gesamten Veranstaltung gab es einen engen Austausch mit der Polizei“, so Wolter. Man werde „gemeinsam mit der Polizei“ beraten, welche weiteren Maßnahmen es fürs kommende Jahr brauche.
Der Mariannenplatz beim Ikkimel-Konzert„Ich finde es wichtig, dass es am 1. Mai unterschiedliche politische Events gibt, an denen sich Menschen unterschiedlich beteiligen können“, sagt Wolter zu WELT. Das Mariannenplatzfest sei ein solches. So gebe es Gesprächsformate zu „Arbeitskämpfen“ oder zur Mietenpolitik sowie Stände von Gewerkschaften oder Nachbarschaftsinitiativen.
Ein besonderer Moment sei der Auftritt von Beschäftigten einer Vivantes-Tochterfirma gewesen. „Das waren Frauen, die sonst nie auf einer großen Bühne stehen und die trotz großen Lampenfiebers aufgetreten sind und die dann von der Menge vor der Bühne gefeiert wurden“, so Wolter. „Für solche Momente der Emanzipation, auch dafür steht das Linke-Mariannenplatzfest.“
Am Sonntag äußerte sich bereits die Linke-Bundesvorsitzende Ines Schwerdtner zur „Causa Ikkimel oder Revolution“, wie sie es nannte. Mit Anfang 20 sei sie auch auf die Großdemonstration gegangen. „Ich war immer im Gewerkschaftsblock, immer mit einer roten Fahne, die ganze Zeit am Schwenken, sehr ambitioniert und so weiter“, sagte Schwerdtner im Videostatement. Damals habe sie auch kritisch gesehen, wenn der Tag von Partys dominiert werde.
Heute verteile sie wiederum Tomatenpflanzen und Popcorn bei einem Linke-Fest in ihrem Lichtenberger Wahlkreis, so die 36-Jährige. Als direktgewählte Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende einer „organisierenden Klassenpartei“ wolle sie dort die Interessen der Menschen hören. Das stehe aber nicht in Konkurrenz zu Feiern oder Konzerten. „Es ist gut, wenn ganz viele Leute den 1. Mai als politisch, als kämpferisch wahrnehmen.“
Die Polizei war am gesamten Feiertag mit 5300 Beamten im Einsatz. Über alle Versammlungen hinweg seien 121 Strafverfahren eingeleitet worden, wie sie später mitteilte – wegen Verdachts des tätlichen Angriffs auf Vollzugsbeamte, der gefährlichen Körperverletzung, sexueller Belästigung, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruchs und Beleidigung. Wegner zog ein positives Fazit. Auf X lobte er: „Der 1. Mai in Berlin war friedlich.“
Politikredakteur Kevin Culina berichtet für WELT über Gesundheitspolitik, die Linkspartei und das Bündnis Sahra Wagenknecht.
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