Als Sanae Takaichi, Japans erste Premierministerin, diese Woche in Canberra landete, feierte sie offiziell ein Jubiläum: 50 Jahre des sogenannten „Nara-Vertrags“. Das Freundschaftsabkommen von 1976 war einst hochumstritten – zu tief saßen die Wunden der australischen Kriegsgefangenen aus dem Zweiten Weltkrieg.

Heute ist die Bitterkeit der Realpolitik gewichen. Melissa Conley-Tyler von der Universität Melbourne bringt den Wandel auf den Punkt: „Nicht weil Japan den Krieg verloren hatte, sondern weil wir uns in Freunde verwandelt haben, essen die Urenkel jener Soldaten heute gemeinsam Sushi.“

Doch hinter der Sentimentalität steckt eine harte, strategische Notwendigkeit. Der Besuch findet zu einem Zeitpunkt statt, an dem die alte Ordnung erodiert. Der Krieg im Nahen Osten und die Blockade der Straße von Hormus haben die Verwundbarkeit globaler Lieferketten offengelegt.

Gleichzeitig zwingt die Überdehnung seiner Ressourcen Washington dazu, Kapazitäten aus dem Indopazifik abzuziehen, darunter auch zuvor in Okinawa stationierte Marineeinheiten.

Erster bedeutender Rüstungsexport Japans seit 1945

Jahrzehntelang war die Sicherheitsarchitektur der Region wie ein Wagenrad aufgebaut: Die USA bildeten die Nabe, Japan und Australien waren die Speichen. „Japanische Diplomaten sagten früher oft: ‚Das können wir nicht ohne die USA tun‘“, erinnert sich Conley-Tyler.

Diese Zeit ist vorbei. In Tokio und Canberra wächst die Erkenntnis, dass man sich auf die Beständigkeit Washingtons nicht mehr blind verlassen kann.

Die Antwort ist eine beispiellose bilaterale Aufrüstung. Australien und Japan haben mehrere Abkommen geschlossen, um die Kooperation bei den Themen Verteidigung, Energie und kritischer Mineralien zu stärken. Bereits im August letzten Jahres war bekannt gegeben worden, dass Australien elf Fregatten der japanischen Mogami-Klasse kauft – Japans erster bedeutender Rüstungsexport seit 1945. Es ist eine „Zeitenwende“, die an die deutsche Reaktion nach dem Februar 2022 erinnert. Takaichi bezeichnet Australien und Japan nun offen als „Quasi-Verbündete“.

Interessanterweise ist dieses Zusammenrücken kein isoliertes Phänomen. Vielmehr deutet sich ein breiteres Muster an: eine neue Weltordnung, in der die „Mittelmächte“ die Lücken füllen, die die Supermächte hinterlassen. Dass kurz vor Takaichi auch der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius in Canberra Präsenz zeigte und der kanadische Premierminister Mark Carney die Nähe zu den Pazifik-Partnern suchte, ist kein Zufall.

Klarer Seitenhieb auf Peking

Berlin, Ottawa und Tokio teilen dasselbe Dilemma: Sie sind ökonomische Schwergewichte, die sicherheitspolitisch lange im Windschatten der USA segelten. Angesichts der Instabilität in Nahost und der Unberechenbarkeit künftiger US-Administrationen bilden sie nun eine Art „Versicherungspolice der Mittelmächte“. Es geht um „Variable Geometrie“, wie es Shiro Armstrong von der Australian National University nennt: keine starren Blöcke mehr, sondern ein Netz aus Sicherheits- und Handelsabkommen, das auch ohne die Führung Washingtons hält.

Der Kern der neuen Achse Tokio-Canberra ist die materielle Sicherheit. „Acht Stunden Strom pro Tag in Japan werden durch australische Kohle und LNG geliefert“, so Armstrong. Die Krise am Golf hat diese Abhängigkeit zur Existenzfrage gemacht. Doch die neue Kooperation geht weit über fossile Brennstoffe hinaus.

Das neue Mineralienabkommen benennt sechs konkrete strategische Projekte, darunter das Lynas Rare Earths-Projekt in Kalgoorlie und das Gallium-Rückgewinnungsprojekt von Alcoa. Es handelt sich um Rohstoffe, die für Elektroautos, Windturbinen und Verteidigungssysteme unverzichtbar sind – und deren Verarbeitung China nach wie vor dominiert.

Das Abkommen zielt direkt auf das Monopol Pekings bei der Weiterverarbeitung dieser Ressourcen ab. Dabei verfolgen beide Länder einen diplomatischen Balanceakt. Der wirtschaftliche Austausch mit China – etwa im Rahmen von RCEP – soll bewusst erhalten bleiben, um den eigenen Wohlstand nicht zu gefährden. Gleichzeitig soll jedoch die strategische Erpressbarkeit beendet werden. Armstrong warnt jedoch, dass die eigentliche Schwachstelle nach wie vor in der industriellen Veredelung liege, wo Peking seinen Vorsprung vorerst behauptet.

Und obwohl die gemeinsame australisch-japanische Wirtschaftserklärung „alle Formen wirtschaftlichen Zwangs“ kritisiert – ein klarer Seitenhieb auf Peking – ist die Strategie von Takaichi und Albanese weniger auf Konfrontation als auf Absicherung ausgerichtet. Ziel ist es, Abhängigkeiten zu verringern, ohne den Handel mit China grundsätzlich infrage zu stellen.

Damit zeigt sich im Indopazifik ein pragmatischer Umgang mit strategischer Eigenständigkeit, der auch in Europa diskutiert wird. Während dort vielfach noch über Konzepte gestritten wird, setzen Japan und Australien in einzelnen Bereichen bereits konkrete Maßnahmen um – etwa bei Rohstoffen, Lieferketten und Verteidigungskooperation.

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