Die Grünen haben einen ambitionierten Plan: Abseits der üblichen Parteiformate wird es Ende Mai einen großen grünen Ideen-Kongress in Berlin geben. Die Location: schick, modern, mit Dachgarten. Der Eintritt: 50 Euro, die Gäste: streitbar. Teils auch für die eigene Partei. 1000 Teilnehmer sind geplant, davon 100 Vortragsredner und Moderatoren.

Intern ist die Rede davon, so etwas wie eine Grünen-interne „Re:publica“ schaffen zu wollen. Die Messe gilt im linksliberalen Milieu als intellektueller Impulsgeber; die Grünen nennen ihre Konferenz gleich „Im/Puls“. Dort gibt es Panels mit Titeln wie „Female Rage: Warum Weglächeln nicht mehr reicht und Wut unser bestes System-Update ist“ oder „Make Klimapolitik sexy again“. Bei der Anmeldung kann man zwischen sechs Geschlechtsoptionen wählen.

Soweit, so klischeehaft, aber die Partei will auch diskutieren, ob „es einen neuen Wehr- oder Gesellschaftsdienst“ braucht – und hat dazu den Bundeswehroffizier Marcel Bohnert eingeladen. Das NDR-Magazin „Panorama“ hatte ihn noch 2020 wegen Likes auf Instagram unter Rechtsextremismus-Verdacht gestellt.

Die Parteichefs Franziska Brantner und Felix Banaszak selbst werden je eine Grundsatzrede halten. Man hört: Diese werden intensiv vorbereitet. Vermutlich dürften sie weitergehende Positionierungen zu den Thesen beinhalten, mit denen sie dieser Tage unterwegs sind und ihrer Partei einiges zumuten. Brantner etwa griff offensiv ins FDP-Milieu und verordnete den Grünen intensive Beschäftigung mit dem Liberalismus. Am Donnerstag wird sie in Oxford auf Einladung des renommierten Historikers Timothy Garton Ash über die Notwendigkeit nuklearer Aufrüstung in Europa sprechen und andere Militärstrategiefragen zu Deutschlands Aufrüstung behandeln. Der bislang letzte Redner der Grünen dort war Joschka Fischer – der Mann, der die Grünen in den 1990er-Jahren von einer Protest- in eine Regierungspartei umgebaut hat.

Ob die Partei unter Brantner/Banaszak ähnliche große Häutungen vorhat? Jedenfalls reformieren sie gerade die Parteistrukturen und wollen ihr das Unprofessionell-Basisdemokratische ein Stück weit austreiben. Inhaltlich arbeitet Banaszak komplementär dazu gegen das Image der Moral-Partei an: Positives Sprechen übers Auto gehört dazu; ein Appell, sich auch der Sicherheit und Ordnung in öffentlichen Räumen aktiv anzunehmen; und die Suche nach einer Ansprache gerade junger Männer, die politisch nach rechts rücken. Einem Partei-Magazin sagte er dazu jüngst: „Ich glaube, dass viele Männer, die eben Bier, Fußball und Steak mögen, zuletzt das Gefühl hatten, dass sie in progressiven Kreisen nicht willkommen sind.“

Banaszak wird zu dem Thema auch selbst auf einem Diskussionspanel sitzen: „Junge Männer im Sog des Faschismus vs. Moderne Männlichkeit“. Und mit ihm der Ex-Fußballer Kevin Plath, der vor allem als Teilnehmer von Dating-Shows im Reality-TV bekannt ist.

Bis auf die Chefs werden Grünen-Politiker eher am Rande oder in Diskussionsrunden auftauchen als auf den Hauptbühnen. Die Liste berufsintellektueller Teilnehmer auf dem Grünen-Kongress ist lang. Zu den prominentesten Rednern gehören der Publizist Michel Friedman, die als Verfassungsrichterkandidatin gescheiterte Frauke Brosius-Gersdorf, der Politologe Armin Nassehi, der Militär-Experte Carlo Masala oder der Philosoph Omri Boehm.

Nahost-Konflikt, Identitätspolitik, Kernkraft

Boehm steht in entscheidenden Fragen quer zum Nahost-Kurs der Bundesregierung. Eine seiner Thesen: Dass die Regierung von Benjamin Netanjahu „unvorstellbare Verbrechen“ im Gaza-Streifen verübe.

Mit strittigen Thesen dürfte auch die US-Autorin Susan Neiman in Berlin auftreten. Zuletzt zog sie mit dem Buch „Links ungleich woke“ durch die Feuilletons Deutschlands. Im WELT-Interview polemisierte sie gegen Gendersternchen und Identitätspolitik aus grün-linker Perspektive: „Aber die Prioritäten der Woken sind manchmal sehr selbstbezogen, und es geht sehr viel um Symbolpolitik, während die Ungerechtigkeiten wachsen, die Klimakrise sich verschärft.“

Und noch schwieriger dürfte für manche Grünen der Ökonom Stefan Kolev vom Ludwig-Erhard-Forum sein. Noch steht er nicht im Programm, soll aber kommen und dann mit Marcel Fratzscher und Jennifer Morgan, durch Annalena Baerbock als damalige Außenministerin von Greenpeace weggeholte Klima-Staatssekretärin, diskutieren. Der ordoliberale Kolev legte zuletzt mit einem Kollegen eine „Agenda des Aufbruchs“ vor; darin stehen Ideen wie Offenheit gegenüber Kernkraft oder Forderungen zur Lockerung des Kündigungsschutzes – und dessen Abschaffung für „Topverdiener“.

Jedoch: Bei den Grünen findet letzteres zumindest auch mancher Parteilinker, noch hinter vorgehaltener Hand, sehr interessant. Und bei einigen Punkten stehen der Ludwig-Erhard-Mann und die Grünen auch gemäß offiziellen programmatischen Grünen-Schriften sehr eng beieinander, etwa bei der perspektivischen Abschaffung der „Rente mit 63“.

So fügt sich der grüne Ideen-Kongress ein in die Gesamtstrategie der Grünen dieser Tage: die Botschaft senden, dass man Reformkraft sein möchte und als mögliche Regierungskraft in was auch immer für einer der Konstellationen, die 2029 möglich sind, bereitsteht. Wie die „Im/Puls“-Ideen davor konkret in die Partei einfließen sollen, lässt sich für Außenstehende noch nicht absehen. Die Partei schweigt auch darüber, was dieses Experiment sie kostet.

Für diesen Sommer bis zu den Landtagswahlen in Ostdeutschland im September hat der Bundesvorstand der Partei eine Zeit der Debatten verordnet – dieses Fenster schließt sich bald. Denn die Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern rücken näher. Dann heißt es wieder: Kampf um die Fünf-Prozent-Hürde statt Debatten in der Hauptstadt. Das Interesse ist rege. Fast 750 Anmeldungen verzeichneten die Grünen, Stand Mittwoch. Kommen kann jeder, der sich interessiert. Durch den Verkauf von „Solidaritätstickets“ zu 75 Euro finanzieren die Grünen auch kostenlose Tickets für Interessierte, die sich melden, sich aber kein Ticket leisten können.

Jan Alexander Casper berichtet für WELT über die Grünen und gesellschaftspolitische Themen.

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