Wer an der Westküste Saudi-Arabiens von der Millionenstadt Dschidda Richtung Norden nach Yanbu fährt, kommt durch Wüstenlandschaften, sieht Kamelherden und passiert die Abzweige nach Mekka und Medina. Schon kilometerweit vor Yanbu sticht der Ölgeruch in die Nase, dabei sind weit und breit keine Förderanlagen zu sehen, keine Bohrtürme. Denn die gigantischen Ölfelder liegen vor allem im Osten des Landes am Persischen Golf. Mit über zehn Millionen Fass täglich ist Saudi-Arabien, das sechsmal so groß ist wie Deutschland, der größte Ölproduzent der Welt.

Per königlichem Dekret wurde dort bereits 1975 ein Ersatzhafen gebaut, um für den Fall einer Schließung der für den internationalen Ölhandel so wichtigen Meerenge von Hormus gewappnet zu sein. Riesige petrochemische Industrieanlagen entstanden, die das quer über die arabische Halbinsel gepumpte Öl verarbeiten und verschiffen können. Der ursprüngliche Hafen von Medina entlang der Weihrauchstraße und Anlaufstelle von Pilgern aus Ägypten bekam ein neues Image.

Aber der Krieg der USA und Israels gegen den Iran veränderte die Spielregeln. Die Blockade der Straße von Hormus, durch die das saudische Öl in alle Welt verschifft wurde, hat der Produktion einen gewaltigen Dämpfer verpasst. Weshalb Yanbu mit seinem Ölhafen eine entscheidende Rolle spielt.

In Yanbu entstanden neue Wohnviertel, ein Flughafen und mit Solarenergie betriebene Meerwasser-Entsalzungsanlagen. Schon während des Golfkrieges 1990 war die Sorge groß, dass der irakische Diktator Saddam Hussein die Straße blockieren oder Ölfelder dort zerstören könnte. Zu einer Schließung kam es damals allerdings nicht.

Heute kann Saudi-Arabien bis zu sieben Millionen Fass Öl täglich über die Ost-West-Pipeline in den Hafen von Yanbu pumpen. Beim Beladen der riesigen Tanker kann man beobachten, wie die Schiffe langsam immer tiefer ins Wasser sinken und die rote Farbe am Rumpf verschwindet.

Ein Supertanker fasst etwa zwei Millionen Fass Öl. Ist nur noch Grau zu sehen, sticht er bald in See. Dann geht es entweder über das Rote Meer und durch den Suezkanal übers Mittelmeer und den Atlantik in europäische Zielhäfen oder südlich durch das Rote Meer Richtung Asien.

„Wir wussten genau, was passieren würde“, sagt ein Mitarbeiter eines einflussreichen Thinktanks in Riad, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will. Die Iraner hätten genau angekündigt, was sie im Falle eines Angriffs gegen sie machen würden: amerikanische Verbündete und Einrichtungen attackieren und die Straße von Hormus blockieren. „Es war also voraussehbar, was gerade geschieht.“

Es gibt einige ernst zu nehmende Denkfabriken in Saudi-Arabien, die die Königsfamilie beraten, beispielsweise das Gulf Research Center in Dschidda und das King Faisal Center in Riad. Deren Mitglieder und Wissenschaftler denken derzeit viel, sagen aber nichts. Zumindest nicht öffentlich.

„Er muss mir den Arsch küssen“

Auch das Herrscherhaus hält sich mit Statements und Reaktionen zurück. Riad setze auf Diplomatie und Verhandlungen, heißt es aus dem Königshaus, man wolle nicht in den Krieg eintreten. „Die Amerikaner gehen wieder und wir müssen mit dem Iran als Nachbarn leben“, beschreibt ein Insider die Haltung.

Hinter vorgehaltener Hand erfährt man indes, dass Kronprinz Mohammed Bin Salman enttäuscht und gekränkt sei. Obwohl er glaubte, ein Freund von US-Präsident Donald Trump zu sein, habe dieser ihn schwer beleidigt. Er hätte nicht gedacht, „dass er mir den Arsch küssen muss“, sagte Trump Ende März auf einer Veranstaltung in den USA und meinte damit den saudischen Kronprinzen. Der müsse jetzt nett zu ihm sein. Trump spielte damit auf die Abfangraketen des US-Militärs zum Schutz saudischer Ölanlagen an. Dafür müsste Bin Salman dankbar sein.

Dabei hatten die Amerikaner die Saudis mit keinem Wort über ihr Vorhaben informiert, den Iran Ende Februar anzugreifen, nachdem die Golfstaaten und andere arabische Länder über Wochen versucht hatten, Trump davon abzuhalten. In Riad weiß man sehr wohl zwischen Ursache und Wirkung zu unterscheiden.

Wie eine Bombe schlug deshalb am Mittwoch die Nachricht der britischen Nachrichtenagentur Reuters ein, dass Saudi-Arabien Ende März, just zu dem Zeitpunkt der Ausfälle Trumps gegen den Kronprinzen, geheime Luftangriffe gegen den Iran geflogen hatte, als Vergeltung für die Anschläge der Iraner auf US-Militärbasen, Botschaften und Konsulate sowie Ölanlagen in dem Land.

„Der Iran sitzt am längeren Hebel“

Die „New York Times“ berichtete ebenfalls, dass die saudische Luftwaffe erstmals direkte Angriffe auf den Iran geflogen habe. Laut „Wall Street Journal“ haben separat auch die Vereinigten Arabischen Emirate den Iran angegriffen. Genaue Daten und Ziele lieferten keine der Berichte.

Riad habe Teheran vorab informiert und mit weiteren Angriffen gedroht, heißt es über die militärischen Aktionen im März. Washington habe nichts davon gewusst. Seitdem werde zwischen dem Iran und Saudi-Arabien verhandelt. Dabei setze man auf Peking, bekennt ein Insider.

Schon einmal haben die Chinesen zwischen beiden Ländern vermittelt und eine siebenjährige Eiszeit beendet. Im März 2023 wurde die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen vereinbart. Von Peking 2.0 ist nun die Rede. In Riad hört man einen gewissen Respekt für das Vorgehen Teherans gegenüber Israel und den USA: „Der Iran sitzt am längeren Hebel.“

Eigentlich wollte der Kronprinz nur noch zehn Prozent seiner Zeit für Außenpolitik aufwenden, ist aus westlichen diplomatischen Kreisen in der Hauptstadt zu erfahren. Nach seinem glücklosen Engagement im jemenitischen Bürgerkrieg, der weltweiten Kritik an der Ermordung des Regimekritikers und Journalisten Jamal Khashoggi und dem Skandal um den mysteriösen Rücktritt des libanesischen Premiers Saad Hariri, habe Mohammed Bin Salman erklärt, er wolle sich jetzt einzig auf die innenpolitischen Reformen und auf sein Projekt 2030 konzentrieren, mit dem er Saudi-Arabien zukunftsfähig machen will.

Aber der Krieg im Iran setzt auch ihn gewaltig unter Druck. Alte Partnerschaften stehen auf dem Prüfstand, der Zusammenhalt der Golfstaaten steht seit dem Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate am 1. Mai aus der Opec auf dem Spiel. Saudi-Arabiens vorherrschende Rolle am Golf ist infrage gestellt.

Während die Emirate näher an Israel und die USA heranrücken, geht Saudi-Arabien einen anderen Weg. Pakistan ist derzeit in aller Munde. Und dies nicht nur, weil das islamische Land als einziges einen Waffenstillstand zwischen den USA, Israel und Iran vermitteln konnte, der zu bröckeln droht, sondern auch als strategischer Partner der Zukunft.

Im September unterzeichneten Riad und Islamabad ein Beistandsabkommen, das eine Sicherheitszusammenarbeit zum Inhalt hat. Bisher haben sich die USA für die Sicherheit Saudi-Arabiens verbürgt.

Doch die ausgebliebenen Reaktionen seitens Washingtons auf die verstärkten Angriffe der Huthi-Rebellen aus dem Jemen auf saudische Ölförderanlagen haben offenbar zu einem Umdenken geführt. Die Atommacht Pakistan steht nun bereit, Saudi-Arabien zu schützen, und hat dort erste Soldaten und Kampfjets stationiert. Wird einer angegriffen, hilft der andere. So steht es in dem beschlossenen Abkommen.

In diesem Haus in Yanbu lebte Lawrence von Arabien

Zurück in Yanbu. Dort steht das Haus, in dem Thomas Edward Lawrence, besser bekannt als der legendäre Lawrence von Arabien, vor 110 Jahren gewohnt hat. Der britische Offizier, Geheimdienstmitarbeiter und Archäologe überredete die arabischen Stämme, auf der Seite der Briten in den Ersten Weltkrieg zu ziehen, um das Osmanische Reich zu zerschlagen.

Als Gegenleistung wurde die Errichtung einer einheitlichen arabischen Nation versprochen. Lawrence versicherte, die Briten selbst würden keine kolonialen Ambitionen in der Region verfolgen.

Im Geheimen verhandelten Briten und Franzosen aber schon über Einflusssphären im Nahen Osten. Das sogenannte Sykes-Picot-Abkommen von 1916 hielt die Verteilung unter den Europäern fest, die Araber wurden in etliche Einzelstaaten aufgespalten.

Donald Trump hatte anfänglich gute Chancen, als Unterstützer einer pragmatischen Annäherung mit Israel als neuer Held der arabischen Länder in die Geschichtsbücher einzugehen. Berühmt wurde sein Säbeltanz in Riad im Mai 2017. Aber die Entwicklungen im Iran-Krieg haben die Erfolge zunichtegemacht. Als Gemeinsamkeit Trumps mit Lawrence von Arabien bleibt nur die bittere Enttäuschung der Saudis.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.