Extremismusforscher Gideon Botsch sieht eine deutlich steigende Offenheit der Wähler für die AfD – obwohl die Partei nach seiner Ansicht immer radikaler wird. „Wir gehen davon aus, dass die Bereitschaft, die AfD zu wählen, massiv gestiegen ist und das Stigma, was mit der AfD-Wahl verbunden sein mag, deutlich geschmolzen ist“, sagte Botsch der Nachrichtenagentur dpa. Der Politikwissenschaftler leitet die Emil-Julius-Gumbel-Forschungsstelle Antisemitismus und Rechtsextremismus am Moses-Mendelssohn-Zentrum in Potsdam. In der jüngsten Umfrage erreichte die AfD in der Sonntagsfrage 29 Prozent.
Die übrigen Parteien ziehen sich nach Ansicht des Forschers aus der Fläche zurück. Das macht er am Beispiel von Bürgermeisterwahlen fest. „Wir müssen uns, glaube ich, keine Illusionen darüber machen, dass die AfD gute Chancen hat, in den kommenden Jahren weitere kommunale Spitzenämter zu erringen, insbesondere auf der Ebene der Bürgermeister“, sagte Botsch.
Mit René Stadtkewitz gewann am 10. Mai erstmals ein AfD-Kandidat eine Wahl zum hauptamtlichen Bürgermeister in Brandenburg. „Dass es der AfD in Zehdenick im ersten Durchgang gelungen ist, ist schon alarmierend“, sagte Botsch. „Das Entscheidende ist, dass hier die demokratischen Parteien – sieht man von einem Kandidaten der FDP ab, die ja in Brandenburg im Landtag nicht vertreten ist –, überhaupt keinen Kandidaten aufgestellt hatten.“ Daraus sollten sie „dringend lernen“. Er verwies auch auf den Trend, dass zunehmend unabhängige Kandidaten gewinnen.
„Die Union muss sich entscheiden“, sagt der Insa-Chef
Der Chef des Meinungsforschungsinstituts Insa, Hermann Binkert, stimmte den Aussagen Botschs im „Focus“-Interview indirekt zu: „Die Leute sind maximal unzufrieden mit der Bundesregierung, und davon profitiert natürlich die stärkste oppositionelle Partei am stärksten“, sagte er dem Portal. Die Union habe aber nach wie vor ein Wählerpotenzial von bis zu 36 Prozent.
Und weiter: „Die Union muss schon jetzt für sich entscheiden, ob sie den Anspruch hat, wieder stärkste Kraft im Lager rechts der Mitte zu werden. Wenn sie diese Stellung abgibt an die AfD, dann kann sie ihre Stellung als liberal-konservative Volkspartei nicht mehr halten, mit langfristigen Folgen.“
Bei Insa rangiert die AfD bei der letzten Sonntagsfrage bei 29 Prozent. Die Union kommt auf 22 Prozent und liegt damit sieben Prozentpunkte hinter der AfD. Bei Forsa kommt die AfD auf 27 Prozent, bei YouGov auf 28 Prozent.
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