Erst war es nur ein Fall für die Lokalpresse, nun berichtet auch die „Washington Post“ über den Tod des dreijährigen Orlin Hernández Reyes. Der Junge wurde laut Ermittlern in Florida von seinem Onkel zu Tode misshandelt.

Kurz nach dem Tod des Kindes gab die US-Einwanderungsbehörde ICE der Mutter des Jungen, einer honduranischen Migrantin, öffentlich eine Mitschuld und erklärte, sie habe ihren Sohn „bei einem gewalttätigen Mörder“ zurückgelassen. Die Frau, Wendy Hernández Reyes, war von den ICE-Beamten festgenommen und abgeschoben worden.

Nun widerspricht ein Bericht der „Washington Post“ der Darstellung der Behörde. Die US-Zeitung stützt ihren Bericht nach eigenen Angaben auf Gerichtsakten und auf die Schilderungen der Mutter. Demnach war Hernández Reyes im Januar auf dem Weg zur Arbeit bei einer Verkehrskontrolle im Bundesstaat Alabama festgesetzt und anschließend an ICE übergeben worden. Sie habe die Beamten wiederholt gebeten, ihren Sohn mitnehmen oder gemeinsam mit ihm abgeschoben werden zu dürfen. Weniger als einen Monat später sei sie nach Honduras gebracht worden.

Der amtierende ICE-Direktor Todd Lyons hatte nach dem Tod des Kindes erklärt, die Mutter habe den Jungen „verlassen“. Die „Washington Post“ schreibt dagegen, Hernández Reyes habe keine realistische Alternative gehabt: Der spätere Beschuldigte sei der einzige erreichbare Verwandte gewesen, der die Kinder kurzfristig habe übernehmen können.

Die Obduktion ergab laut dem Bericht schwere Misshandlungen. Das Kind wies demnach mehrere Knochenbrüche, Verbrennungen und Anzeichen sexueller Gewalt auf. An den Händen des Kindes seien Blutergüsse festgestellt worden – nach Einschätzung der Ermittler ein Hinweis darauf, dass er noch versucht habe, sich vor den Schlägen zu schützen.

Als Todesursache wurden zahlreiche stumpfe Gewalteinwirkungen festgestellt. Der Onkel, Samuel Maldonado Erazo, ist wegen Mordes und schwerer Kindesmisshandlung angeklagt und plädierte nach Angaben der Zeitung auf nicht schuldig.

Mutter Hernández Reyes weist den Vorwurf, sie habe ihr Kind im Stich gelassen, entschieden zurück. „Wie könnte ich meinen Sohn verlassen haben, wenn er die Liebe meines Lebens war?“, sagte sie der Zeitung. „Ich habe alles mit meinem Sohn gemacht. Ich bin keine schlechte Mutter, die ihr Kind bei einem Mörder zurückgelassen hat.“ Sie schilderte zudem, sie habe ICE-Beamte wiederholt angefleht, ihr Kind mitnehmen zu dürfen. „Ich habe ihnen gesagt, sie sollen mir mit meinem Jungen helfen. Ich brauchte ihn.“

Der Fall verweist laut „Washington Post“ auch auf ein strukturelles Problem im US-Abschiebesystem. Nach Angaben von Anwälten gibt es im Bundesrecht keine Pflicht für ICE oder andere Behörden, nach der Festnahme von Eltern zu überprüfen, ob zurückgelassene Kinder bei ihren Betreuern tatsächlich sicher sind. Zwar sieht die Behördenpraxis grundsätzlich vor, den Wünschen der Eltern zu folgen und Familien nach Möglichkeit gemeinsam abzuschieben. Migrationsanwälte berichten der Zeitung jedoch, dass entsprechende Bitten häufig ignoriert würden.

Hernández Reyes hält sich nach eigenen Angaben in Honduras versteckt, weil sie Angst vor ihrem Ex-Partner hat. Die „Washington Post“ berichtet, dass ICE diesen Mann bereits früher in die Heimat abgeschoben hatte, nachdem er in Florida festgenommen worden war, weil er sie und den kleinen Orlin misshandelt haben soll.

Die Mutter versucht nun, in die USA zurückzukehren, um ihren Sohn dort zu beerdigen. Der Junge war amerikanischer Staatsbürger. Seine Leiche befindet sich nach wie vor in einer Leichenhalle in Atlanta.

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