Die Bilder aus Moskau sprechen eine klare Sprache: Die ukrainischen Drohnenangriffe auf Ziele direkt in der Hauptstadt haben den Krieg ins Herz der russischen Staatsmacht gebracht. Das Unvermögen der russischen Flugabwehr ist für alle sichtbar. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von einer „absolut fairen Antwort“ auf russische Angriffe. Aber ist all das mehr als nur Symbolik? Befindet sich der Krieg tatsächlich an einem Wendepunkt? Der österreichische Politikwissenschaftler und Militärexperte Gustav Gressel erklärt die aktuelle Lage im Interview.
WELT: Der ukrainische Drohnenangriff auf Ziele in Moskau wirkt spektakulär. Wie bewerten Sie das?
Gustav Gressel: Dieser Angriff ist ein Signal an Moskau. Vor dem 9. Mai hatte Russland der Ukraine mit der Vernichtung Kiews gedroht, sollte die Parade gestört werden. Nach dem Motto: Wir können das, ihr könnt das nicht. Man hat sich dann auf einen zeitweisen Waffenstillstand geeinigt und auf einen Gefangenenaustausch, der letztlich viel kleiner ausgefallen ist als geplant. Russlands Angriff kam mit ein paar Tagen Verzögerung. In der Ukraine fürchtet man, dass die russische Armee versucht, das Land mürbe zu schießen. Man weiß, dass es immer schwieriger wird, solche Angriffe abzuwehren. Doch jetzt hat Kiew einen Pflock eingeschlagen. Die Botschaft: Massenangriffe auf uns sind nicht gratis, das können wir auch. Wir können auch auf dieser Eskalationsstufe Krieg führen.
In Krasnogorsk, rund 25 km nordwestlich von Moskau, richteten die ukrainischen Angriffe sichtbare Schäden anWELT: Selenskyj hat von einer fairen Antwort gesprochen. Ist sie das?
Gressel: Die Ukraine achtet sicher stärker darauf, welche Kollateralschäden ihre Angriffe verursachen. Auf der anderen Seite: Viele russische Angriffe, die zivile Gebäude treffen, dürften für Rüstungsfirmen und militärische Ziele gedacht gewesen sein, sie treffen aber nicht. Russische Waffen sind sehr ungenau. Und vieles ist auch einfach Terror-Bombardement: Bibliotheken, kulturelle und medizinische Einrichtungen. Doch wenn man mit einem Marschflugkörper nach Moskau vordringen kann, ist das ein Signal an den Kreml.
WELT: Welche Ziele verfolgt Kiew? Geht es um Druck auf das russische Regime? Den Krieg nach Russland zu tragen und sichtbar zu machen?
Gressel: Ich würde sagen, letzteres ist eine Nebenwirkung. Die Ukrainer verfolgen zwei Ziele mit den Fernangriffen. Erstens: Es geht darum, die Einnahmequellen des Kremls mit Angriffen auf die Öl- und Gasinfrastruktur, insbesondere auf die Exportinfrastruktur, versiegen zu lassen. Das zweite Ziel sind militärische Anlagen: Rüstungsindustrie, Munitionsdepots und vor allem Anlagen zur Produktion von Fernwaffen. Die Ukraine bekommt nicht genügend Flugabwehrmittel zur Verteidigung gegen solche Fernwaffen. Man muss also die ganze Produktionsstraße bekämpfen. Alle ukrainischen Angriffe fallen in diese zwei Kategorien. Das macht auch den qualitativen Unterschied der Angriffe aus: Entwicklungsbüros und Produzenten von Komponenten befinden sich vielfach in verbautem Gebiet. Wohngebäude sind aber nicht das Ziel. Das eigentliche Ziel ist ein militärisches.
Gustav GresselWELT: Was macht den Unterschied auf ukrainischer Seite aus? Ist es die Flexibilität im Rüstungssektor?
Gressel: Einen klaren Vorteil gibt es nicht. In der Produktion profitieren die Ukrainer von ihrer sehr dezentralen Rüstungsindustrie. Das bedeutet: Wenn die Russen ein Werk ausfindig machen und angreifen, dann erwischen sie eines von vielen Werken, und sie erwischen es auch nicht oft. In Russland ist die Rüstungsindustrie dagegen sehr zentralisiert. Wenn man ein Werk trifft, ist die gesamte Produktionsstraße für eine Waffe zerstört. Wieso den Ukrainern heute mehr gelingt als früher? Wegen der Mittelstreckenangriffe bis in eine Tiefe von 200 Kilometern. Die Drohnen zur Aufklärung auf diese Distanz sind sehr gut geworden. Mit diesen Angriffen treffen die Ukrainer verstärkt die Flugabwehr. Und wenn Angreifer diesen Gürtel durchbrochen haben, haben sie leichteres Spiel in der russischen Tiefe.
WELT: Diese Erfolge sind der Ukraine trotz der Einstellung von US-Militärhilfen gelungen. Was bedeutet das für das Ansehen der USA in diesem Krieg?
Gressel: Die Unzuverlässigkeit der USA war der Ausgangspunkt für diese Angriffe. Ukrainische Mittelstreckenwaffen sollten die amerikanischen Himars ablösen. Es gibt keine Munition für dieses Mehrfachraketenwerfersystem. Die Amerikaner haben ein Monopol auf die Produktion und nützen das politisch aus. Außerdem haben die Russen sehr schnell gelernt, die GPS-Sender in den Himars zu stören, zudem war die Munition enorm teuer. Das hat die Ukrainer dazu bewegt, in Drohnen dieser Reichweitenklasse zu investieren.
WELT: Sind die jüngsten Erfolge der Ukraine symbolischer Natur oder kann man tatsächlich von einer Wende sprechen?
Gressel: Es geht der Ukraine deutlich besser als vor einem Jahr, aber Russland übernimmt leider trotzdem die Initiative. Sie greifen weiter an, sie versuchen, den Festungsgürtel im Donbass zu nehmen. Für Russland hat das derzeit allerdings einen weitaus höheren Preis an Material und Menschenleben. Die Frage ist, welchen Preis Putin zu zahlen bereit ist. Die große Wende im Krieg – da wäre ich vorsichtig. Man muss sehen, wie sich die Lage entwickelt. Der kommende Winter könnte für die Ukraine den bisher größten Mangel an Flugabwehrmunition bedeuten, gemeinsame Rüstungsprojekte mit westlichen Partnern greifen noch nicht. Der nächste Kriegswinter könnte daher extrem schwierig werden. Russland wird sicher abwarten und sehen, welchen Schaden es anrichten kann.
WELT: Russische Vertreter haben zuletzt immer wieder das Wort „Dialog“ benutzt. Sie aber sprechen von einem „nächsten Kriegswinter“. Ist die Rhetorik aus dem Kreml also kein Sinneswandel, sondern eher ein politisches Manöver?
Gressel: Russland hält an den Kriegszielen fest. Putin hat die Kriegsziele bekräftigt. Solche Rhetorik ist Kriegsführung mit gesprochenem Wort.
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