Die große Übung „Aurora 26“ ist erst wenige Tage her. Tausende Soldaten aus 12 Nato-Ländern probten die Verteidigung der schwedischen Insel Gotland.
Auch WELT am Sonntag war vor Ort. Denn ausgerechnet vor der idyllischen Urlaubsinsel könnte Russland nach Einschätzung von Experten die Nato testen.
Einer von ihnen ist der Militärexperte Thomas Theiner. Er sagt zu „Bild“: „Fällt Gotland in russische Hände, werden die Russen dort Antischiffsraketen und Luftabwehrsysteme stationieren, wodurch die gesamte Ostsee für Nato-Schiffe nicht mehr nutzbar wäre.“
Theiner, der beim italienischen Herr im Generalstab des Gebirgsjägerkorps war, ist seit 2014 im militärischen Bereich tätig. Er warnt davor, dass Nato-Kampfflugzeuge das Baltikum dann nur noch von Norden über Finnland erreichen könnten. Ein direkter Flug von Westen oder Süden wäre zu riskant. Denn: Russland hätte Flugabwehr auf Gotland, in Kaliningrad und in Belarus stationiert. „Von Gotland aus könnten die Russen auch Oslo, Stockholm und Kopenhagen mit ballistischen Iskander-Raketen treffen – von Königsberg aus liegen Berlin und Warschau innerhalb der Reichweite.“
Hinweis der Redaktion: Hier können Sie die erste Folge unseres Podcasts „Ernstfall“ hören, in dem wir dieses Szenario in einem Wargame durchgespielt haben:
Theiner ist sich sicher, dass eine Rückeroberung der Insel „Tausende Nato-Soldaten das Leben kosten“ würde. „Es ist essenziell, dass Gotland gehalten wird. Nicht ohne Grund war Gotland die im Kalten Krieg am stärksten militarisierte Insel in Europa“, sagt er „Bild“.
Ein schwedischer Kampfjet beim Überflug über die Insel Gotland in der OstseeZuvor betonte auch der Oberbefehlshaber der schwedischen Streitkräfte, Michael Claesson, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur die Bedeutung der schwedischen Insel: „Wer Gotland kontrolliert, kontrolliert den zentralen Teil der Ostsee von der polnischen Küste bis zum Archipel zwischen Schweden und Finnland.“ Die Ostsee ist für Russland eine finanzielle Lebensader, denn Schiffe seiner sogenannten Schattenflotte transportieren dort Öl und Flüssiggas, mit denen Moskau seinen Krieg in der Ukraine finanziert.
Claesson warnte vor Fehlannahmen: „Was wir im Westen manchmal falsch einschätzen, ist das Level der strategischen Risikobereitschaft Russlands.“ Das Land wüsste, dass „alle westlichen Länder derzeit massiv in ihre Verteidigung investieren“. „Warum sollten sie also abwarten, solange es noch Schwachstellen gibt, die ausgenutzt werden könnten?“
Das Planspiel der Kriegsübung lautete wie folgt: Das jüngste Nato-Mitglied Schweden sieht sich einer Bedrohung durch ein namentlich nicht genanntes Land ausgesetzt, das Truppen an der Ostgrenze des Militärbündnisses aufstellt. In Sachen Drohnenkriegsführung sollte die Ukraine beraten, auch wenn sie kein Nato-Mitglied ist.
Schwedische Übung „Aurora“ mit Nato-AlliiertenDas Szenario sah vor, dass es auf Gotland wegen Sabotage zu Stromausfällen und Nahrungsmittelknappheit gekommen sei. Geprobt wurde, was Nato-Mitglieder tun könnten, noch bevor der Bündnisfall gemäß Artikel 5 geltend gemacht würde. Er regelt die Beistandspflicht in der Allianz.
In dem Planspiel hatten ukrainische Truppen die Gelegenheit zu zeigen, was sie in dem seit mehr als vier Jahren andauernden Krieg gegen Russland auf dem Schlachtfeld gelernt haben und warum eine Aufnahme ihres Landes in die Nato dem Bündnis nützlich sein könnte.
In einer Übung vernichtete eine Gruppe ukrainische Drohnenpiloten die schwedischen Truppen. Ein Drohnenpilot kommentierte die Übung der Nachrichtenagentur gegenüber: „Sie haben die Übung drei Mal gestoppt“, damit die Soldaten herausfinden konnten, was sie besser machen können, – aber im wahren Leben wären sie tot gewesen.“
Nach dem Kalten Krieg hatte Schweden seine militärische Präsenz auf Gotland praktisch aufgegeben, doch Russlands groß angelegter Einmarsch in die Ukraine 2022 führte zu einem Umdenken und einer verstärkten militärischen Präsenz auf der Insel. Zudem trat Schweden 2024 der Nato bei.
Claesson sagte, es sei „ein sehr realistisches Szenario“, dass der russische Präsident Wladimir Putin Gotland nutzen könnte, um die Nato auf die Probe zu stellen, indem er versuche, einen schmalen Streifen des Bündnisgebiets einzunehmen, um die kollektive Reaktion zu testen.
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