Man nannte ihn den „Geist von al-Qassam“. Obwohl Izz al-Din al-Haddad jahrzehntelang einer der wichtigsten Männer der al-Qassam-Brigaden (dem militärischen Arm der Hamas) war, trat er nur selten öffentlich auf. Lange existierten nur sehr wenige Fotos von ihm. Immer wieder entkam er israelischen Streitkräften. Trotz seiner Unsichtbarkeit avancierte al-Haddad zu einem der mächtigsten Kommandeure der Terrororganisation Hamas.
Seine Laufbahn bei der Hamas begann er in den 1990er Jahren als Anwerber von Selbstmordattentätern. Er plante nach israelischen Angaben einen Sprengstoffanschlag auf das Bloomfield-Stadion in Tel Aviv im Jahr 2004, der vereitelt werden konnte.
Internationale Bekanntheit erlangte al-Haddad als einer der Architekten des Massakers vom 7. Oktober 2023. Terroristen der Hamas drangen aus dem Gazastreifen nach Israel ein und töteten rund 1200 Menschen auf bestialische Weise, sogar mindestens ein Baby. Die Islamisten verschleppten außerdem mehr als 250 Zivilisten in den Gazastreifen, darunter Frauen, Kleinkinder und Greise.
Al-Haddad gehörte laut israelischen Militärangaben zu dem kleinen Kreis von Hamas-Führern, die an der mehrjährigen Vorbereitung des 7. Oktober beteiligt waren, den Zeitpunkt des Überfalls auf Israel festlegten und die Raketenangriffe, Grenzdurchbrüche und Geiselnahmen koordinierten.
In der vergangenen Woche wurde er bei einem Luftangriff der israelischen Armee im Gazastreifen getötet. In einer gemeinsamen Erklärung von Premierminister Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Israel Katz hieß es: „Das ist eine klare Botschaft an alle Mörder, die uns nach dem Leben trachten: Früher oder später wird Israel euch kriegen.“
Über al-Haddads konkretes Wirken in den Wochen und Monaten vor seinem Tod ist öffentlich wenig bekannt. Ein Mitarbeiter des israelischen Geheimdienstes sagte nun dem Axel Springer Global Reporters Network, zu dem WELT gehört, al-Haddad habe alles getan, um die Umsetzung des Friedensplans von US-Präsident Donald Trump zu sabotieren.
Der Plan sieht nach dem Waffenstillstand eine Demilitarisierung Gazas, die Stilllegung der Waffen der Hamas und anderer bewaffneter Gruppen sowie einen stufenweisen Rückzug israelischer Truppen vor.
Das habe al-Haddad um jeden Preis verhindern wollen. „In seinen letzten Monaten vor seiner Eliminierung nutzte al-Haddad seine Autorität als stärkste Persönlichkeit innerhalb der Hamas, um gegen eine Entwaffnung zu agieren“, so der Geheimdienstler. Er habe unmissverständlich klargemacht: „Es wird keine Entwaffnung geben, solange ich lebe und solange die Hamas existiert.“
Der Vorwurf des Geheimdienstlers: „In seiner Funktion war er dafür verantwortlich, die Rückkehr zum Kampf gegen den Staat Israel vorzubereiten.“ Man habe al-Haddads Aktivitäten in Gaza genau beobachtet. Seine Ausschaltung sei durch beispiellose und langwierige Bemühungen des israelischen Militärgeheimdienstes und des Southern Command der israelischen Streitkräfte ermöglicht worden, das für alle militärischen Operationen im Süden Israels verantwortlich ist.
Was er sagte, galt als unumstößlicher Befehl
Der Aufstieg des Getöteten in Gaza war spektakulär. Als es Israel im Zuge des Krieges gegen den Terror im Oktober 2024 gelang, mit Yahya Sinwar den Anführer der Hamas zu eliminieren, stieg al-Haddad zu dessen Nachfolger auf.
Wegen seiner maßgeblichen Beteiligung am Terror des 7. Oktobers genoss al-Haddad bei den Hamas-Kommandeuren hohes Ansehen. Was er sagte, galt als unumstößlicher Befehl.
Und nun? Anders als in der Vergangenheit habe die Hamas dieses Mal keinen natürlichen Nachfolger, „und alle Kandidaten stehen mehrere Ränge unter ihm“, so Geheimdienstmitarbeiter. Man würde genauestens beobachten, wie sich die Hamas nun verhalte. Es sei wahrscheinlich, dass sich auch al-Haddads Nachfolger gegen eine Entwaffnung stellen würden – es liege in der Natur der Terrorgruppe.
Dan Shueftan, Ex-Berater von zwei israelischen Ministerpräsidenten und Direktor des National Security Studies Center an der Universität Haifa, denkt, dass der Tod von Al-Haddad für die Hamas ein schwerer Schlag sei.
„Alle potenziellen Nachfolger haben weniger Führungserfahrung, weniger Charisma und weniger Glaubwürdigkeit“, so Shueftan gegenüber WELT. Aber unabhängig von der Führungsfigur werde sich die Hamas niemals auf eine Entwaffnung einlassen: „Waffen sind für die Islamisten kein Instrument, sondern ihre Identität.“
Auch Peter Neumann, Professor für Security Studies am renommierten King’s College London, bewertet die Tötung al-Haddads als Erfolg für Israel. „Gleichzeitig sollte die sogenannte Kingpin-Strategie, mit der die Israelis die Anführer der Hamas ausschalten, nicht davon ablenken, dass die Organisation trotz allem weiter existiert und auch relativ resilient ist.“
Eine freiwillige oder verhandelte Entwaffnung der Gruppe sieht auch der Terror-Experte aktuell nicht.
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