Seit Anfang dieser Woche ist Andrij Jermak wieder ein freier Mann – zumindest vorerst. Der schillernde und im Land teils verhasste ehemalige Chef des Präsidialamts, der Ende 2025 im Zuge des Korruptionsskandals zurückgetreten war, kam nach vier Tagen Untersuchungshaft gegen eine Kaution von 140 Millionen Hrywnja (2,7 Millionen Euro) auf freien Fuß.

Die Summe wurde von sieben juristischen Personen und mehreren Privatpersonen aufgebracht, darunter Serhij Rebrow, der frühere Trainer der ukrainischen Fußballnationalmannschaft. Ein Name fehlt auf der Liste der Unterstützer jedoch auffällig: jener seines langjährigen engsten Weggefährten, des Mannes, mit dem er seit dem ersten Tag der russischen Invasion in Kiew ausharrte, mit dem er im Bunker Gewichte stemmte und gemeinsam das Land führte – Wolodymyr Selenskyj.

Es wäre falsch zu sagen, dass der Präsident abgetaucht sei. Der 48-Jährige äußert sich in Videobotschaften und Social-Media-Postings weiterhin täglich zum Krieg und zu anderen Anliegen seines Landes. Aber zu den neuen Entwicklungen im Korruptionsskandal mehrerer seiner Wegbegleiter, der die Ukraine seit vergangenem Jahr erschüttert – und vor allem zu der Frage, was er selbst wusste und ob er gar daran beteiligt war –, herrscht Schweigen.

Auch Selenskyj ist unter Druck

„Es gibt keine ernsthafte öffentliche Stellungnahme und keine sichtbaren Konsequenzen“, sagt die bekannte ukrainische Korruptionsjägerin Daria Kaleniuk im Gespräch mit WELT in Kiew. „Selenskyj schuldet den Menschen in der Ukraine eine politische Antwort.“

Denn kürzlich veröffentlichte Mitschnitte – abgehörte Gespräche – aus dem Korruptionsskandal haben inzwischen auch den Präsidenten selbst unter Druck gesetzt. Zwar ist Selenskyj während seiner Amtszeit laut Verfassung vor jeglicher Strafverfolgung geschützt. Wie er mit der Affäre umgeht, könnte jedoch über seine politische Zukunft entscheiden – und über die der Ukraine.

Das Land muss im Kampf gegen Korruption weitreichende Reformen umsetzen, um seine Chancen auf einen EU-Beitritt zu wahren. Selenskyj war einst mit dem Versprechen angetreten, die Ukraine aus den Fängen der Korrupten zu befreien.

Daria Kaleniuk ist eine der führenden Stimmen im Kampf gegen die Korruption in der Ukraine. Andrij Jermak, enger Vertrauter von Präsident Selenskyj, steht unter dem Verdacht der Geldwäsche. „Ich schließe nicht aus, dass Selenskyj möglicherweise ebenfalls irgendwie involviert sein könnte“, so Kaleniuk im Gespräch mit Ibrahim Naber.

Der Vorwurf gegen Jermak lautet auf Geldwäsche. Im Zentrum der Ermittlungen steht ein seit Jahren entstehender Luxuskomplex in Kosyn bei Kiew: vier Villen mit jeweils rund 1000 Quadratmetern Wohnfläche. Ermittler veröffentlichten Aufnahmen der Residenzen. Nach Angaben des Nationalen Antikorruptionsbüros der Ukraine (NABU) und der Spezialstaatsanwaltschaft Sapo sollen über den Bau innerhalb von vier Jahren knapp acht Millionen Euro gewaschen worden sein.

Der Fall ist Teil des deutlich größeren Korruptionsskandals im Energiesektor, der vor rund einem halben Jahr öffentlich wurde. Manager des staatlichen Atomkonzerns Energoatom sollen von Auftragnehmern regelmäßig Zahlungen kassiert haben, um deren Geschäfte und Lieferverträge abzusichern.

Millionenbeträge sollen aus diesem mutmaßlichen Schmiergeldsystem in den Bau der Luxusvillen bei Kiew geflossen sein. Besonders dreist nach Darstellung der Ermittler: Nicht nur Tage vor, sondern auch in den ersten Wochen nach Russlands Überfall auf die gesamte Ukraine im Februar 2022 tauschten sich Beschuldigte über Details zur Inneneinrichtung aus.

Aufnahmen der Inneneinrichtung eines Luxus-Anwesens in Kosyn bei Kiew

Die Ermittler bringen das Projekt mit Selenskyjs engstem Umfeld in Verbindung. Neben Jermak stehen der frühere Vizepremier Oleksij Tschernyschow sowie der Unternehmer Timur Minditsch im Fokus – ein ehemaliger Geschäftspartner des Präsidenten, der Ende 2025 kurz vor seiner Festnahme aus dem Land floh. Gegen alle drei Männer wurde Anklage erhoben.

Die einzelnen Villen sollen unter den Codenamen R1, R2, R3 und R4 geführt worden sein, um die tatsächlichen Eigentümer zu verschleiern. Ermittler schreiben Jermak die Villa R2 zu. Die große, ungeklärte Frage bleibt in der Anklage, für wen das vierte Luxus-Anwesen, R1, errichtet wurde.

Ukrainische Journalisten, die Zugang zu bisher unveröffentlichten Mitschnitten erhalten haben, berichten, darin falle im Zusammenhang mit der betreffenden Villa der Name „Wowa“, was für Wolodymyr steht. Selenskyj? Das Antikorruptionsbüro erklärte Mitte Mai, dass Selenskyj nicht Teil der Vorermittlungen in dem Fall sei. Es sind öffentlich bislang keine Beweise für eine Beteiligung des Präsidenten bekannt.

Anwesen in Kosyn mit mehreren Villen

Jermak hatte im Gespräch mit WELT im November 2025, seinem letzten Interview vor dem Rücktritt, jede Beteiligung Selenskyjs zurückgewiesen. „Er ist eine sehr prinzipientreue Person. Er ist nicht korrupt. Und das ist sehr wichtig – ein Anführer, der den Kampf gegen Korruption erklärt, muss selbst unbestechlich sein“, sagte Jermak, der die Anschuldigungen gegen sich zurückweist.

Auch ohne direkte Beweise bleibe die politische Frage an Selenskyj bestehen, sagt Korruptionsjägerin Kaleniuk: „Wie konnte es passieren, dass direkt unter seiner Führung sein engster Vertrauter Andrij Jermak, sein ehemaliger Geschäftspartner und zwei Minister mit einer organisierten Gruppe in Verbindung gebracht werden, die Geld im Energiesektor veruntreut und dieses Geld in Luxusimmobilien im Umland von Kiew investiert haben soll?“

Die ukrainische Journalistin Inna Vedernikova schreibt in einem monumentalen Text zu dem Korruptionsskandal: „Während die Gesellschaft kämpfte, spendete, ihre Toten begrub, die Armee am Leben hielt, Drohnen baute, das Stromnetz stabilisierte und mit Freiwilligenarbeit sowie Selbstorganisation die Versäumnisse des Staates ausglich, errichteten die Mächtigen ihr eigenes paralleles System.“

Vedernikova sieht in dem Rücktritt von Jermak und wenigen anderen Entscheidungsträgern nach Bekanntwerden des Skandals keinen Wandel. Denn die Staatsunternehmen, die Finanzaufsicht, der Geheimdienst – kurz: das alte System – seien weiterhin intakt.

Eigentlich, argumentiert sie, brauche es einen Regierungswechsel. Wahlen seien aber erst nach Kriegsende möglich, und dieses Ende hänge hauptsächlich von Putin ab, dem Mann, der den völkerrechtswidrigen Überfall auf die Ukraine und das Morden verantwortet. Weder ein öffentlicher Aufstand noch eine Junta seien während des Kriegs in der Ukraine eine Lösung, argumentiert die Journalistin. Ihr Land stecke in einer Sackgasse.

In Kiew macht ein bitterer Witz die Runde: Wer sich Meschyhirja ansehe, den riesigen Palast des gestürzten Ex-Präsidenten Wiktor Janukowytsch, der einst als Sinnbild staatlicher Selbstbereicherung galt, erkenne den „Fortschritt“ des Systems. Damals habe ein einziges Anwesen nur Janukowytsch gehört. Heute gebe es vier Luxusvillen – verteilt auf mehrere Personen aus dem Machtzirkel.

Korruptionsjägerin Kaleniuk sieht tatsächliche Fortschritte. Es sei neu für die Ukraine, dass eine Antikorruptionsbehörde offizielle Anklagen gegen jemanden wie Jermak erhebt, der die zweitmächtigste Person im Land war.

„Genau dafür haben wir die Antikorruptionsbehörden geschaffen, die von der Europäischen Union und insbesondere auch von Deutschland unter den EU-Mitgliedstaaten unterstützt werden.“ Kurz: Das ukrainische Anti-Korruptionssystem sei intakt, und die Zivilbevölkerung habe ein waches Auge. Das sei bei allen Skandalen ein gutes Zeichen.

Laut Kaleniuk sollten die EU und Deutschland ihren Einfluss auf die Ukraine nutzen, um Reformen durchzubringen. Sie meint vor allem den Kredit über 90 Milliarden Euro zur Finanzierung des Landes durch Europa. „Entscheidend ist, dass diese makrofinanzielle Unterstützung nur unter Bedingungen an die Ukraine ausgezahlt wird – nämlich gekoppelt an Reformen im Bereich Rechtsstaatlichkeit und Regierungsführung.“

Journalistin Vedernikova hofft auf höheren Beistand. Am Ende ihres Textes zum Korruptionsskandal heißt es: „Möge Gott uns allen – den vernünftigen Kräften innerhalb des Staatsapparats und vor allem der Armee und dem Präsidenten – die Kraft geben, die Lage auf dem Schlachtfeld zu verändern. Und wenn die Zeit gekommen ist, sich an zwei Dinge zu erinnern: jedem Einzelnen von ihnen das zu geben, was ihm zusteht, und all dieses Wissen in den Humus der Erinnerung zu verwandeln. Damit so etwas nie wieder geschehen kann.“

Ibrahim Naber ist seit 2022 WELT-Chefreporter. Er berichtet regelmäßig von der Front in der Ukraine sowie aus anderen Kriegs- und Krisengebieten.

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