Die Aufstellungsversammlung der nordrhein-westfälischen AfD für die Landtagswahl 2027 führt zu einem massiven Zerwürfnis zwischen der Bundesvorsitzenden Alice Weidel und dem mächtigsten Landesverband der Partei. Weidel hatte den Landesvorsitzenden Martin Vincentz am Donnerstagabend gemeinsam mit dem Co-Bundesvorsitzenden Tino Chrupalla in einem WELT vorliegenden Schreiben zum Abbruch der Wahlversammlung und zu einer Neuwahl der Liste aufgefordert.

„Mehrere in ihrem Kern übereinstimmende Schilderungen sprechen dafür, dass stimmberechtigte Delegierte bedroht oder erheblich unter Druck gesetzt wurden“, heißt es in dem Brief – es drohe eine Nichtzulassung der Landesliste. Solche Vorwürfe hatte das Lager um den rechtsextremen Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich gegen das Lager um den innerparteilich gemäßigt auftretenden Landeschef Vincentz bereits während der Aufstellungsversammlung am vergangenen Wochenende erhoben.

Helferichs Lager, das etwa 40 Prozent der Delegierten versammelt, hatte am Sonntag beim Listenplatz 22 neben den erhobenen Vorwürfen mehr als 100 Kandidaten vorgeschlagen und damit für eine Blockade des Parteitags gesorgt, um Verhandlungen für die weitere Listenwahl zu erreichen. Zuvor hatte sich das Vincentz-Lager, das über eine Mehrheit verfügt, weitgehend durchgesetzt.

Vincentz hat die Forderung der Parteispitze nun zurückgewiesen. In einem ebenfalls WELT vorliegenden Schreiben des Landeschefs an Weidel von Freitagmorgen,heißt es: „Mit einiger Verwunderung nehme ich zur Kenntnis, dass dem Bundesvorstand zunächst eine Mediation überaus wichtig war — nachdem die Delegierten eine andere Kandidatenliste gewählt hatten als offenbar erhofft —, und dass nun, nachdem diese Mediation an den fortgesetzten Sabotageversuchen gescheitert ist, angebliche Rechtsunsicherheiten angeführt werden, die die Liste in Gänze gefährden sollen.“

Der 40-Jährige erhebt einen schweren Vorwurf gegen Weidel: Es dränge sich mithin die Frage auf, „ob es um die Rechtssicherheit der Liste geht – oder um ihre Zusammensetzung“, schreibt er. Weidel unterstützt das Lager um Helferich und den Bundesvize Sven Tritschler, Chrupalla ist ein Verbündeter von Vincentz.

Die ersten behaupteten Drohungen hätten sich bereits „nachweislich als unwahr erwiesen“, schreibt Vincentz weiter. „Der Bundesvorstand stützt seinen Beschluss damit auf Angaben, die nicht der Aufklärung dienen, sondern der Produktion von Anfechtungsgründen, die bewusst als Drohmittel verwendet werden sollten, um eine für den Bundesvorstand genehme Landtagsliste zu generieren.“

Die Versammlung werde daher am Freitagmorgen fortgesetzt, die beschlossene Landesliste werde fristgerecht bei der Landeswahlleiterin eingereicht. Über mögliche Beschwerden müsste am Ende die Landeswahlleiterin entscheiden. Weidel und Chrupalla hatten ihrem Schreiben von Donnerstagabend auf die Bürgerschaftswahl 2023 in Bremen verwiesen. Die AfD konnte damals nicht antreten, weil sich zwei verfeindete Parteigruppen jeweils mit eigenen Kandidatenlisten beworben hatten. Wegen dieser schweren formalen Mängel ließ der Bremer Landeswahlausschuss keine der Listen zur Wahl zu. „Es liegt in Ihrer Verantwortung, ein derartiges Debakel im größten Landesverband der AfD auszuschließen.“

Vincentz wiederum wirft nun Weidel vor, der von ihr geforderte Weg führe „genau in das Debakel, das Sie angeblich abwenden wollen“. Eine „Neuaufstellung“ erzeuge „zwangsläufig eine zweite Liste — und damit exakt den Bremer Rechtsfehler“.

Vincentz wirft Weidel außerdem vor, eine Absetzung des Landesvorstands vorzubereiten. „Einer Amtsenthebung eines Landesvorstands, der nichts anderes tut, als geltendes Wahl- und Satzungsrecht zu befolgen, fehlt jede Grundlage – sie wäre ein Rechtsverstoß des Bundesvorstandes“, schreibt er.

„Schließlich spricht es Bände, dass die von Ihnen geführte Mehrheit des Bundesvorstands zur dokumentierten Sabotage aus den Reihen des eigenen Vorstands bis heute kein Wort verliert – kein Wort der Distanzierung, kein Wort der Aufklärung.“ Damit bezieht sich Vincentz auf die Blockade der Listenwahl. In einem Brief am Mittwoch hatte Vincentz bereits an die Parteispitze geschrieben, er sei „fassungslos, dass eine Bundessprecherin sich nicht klar von derartigen undemokratischen, Antifa-ähnlichen Auswüchsen distanziert“.

WELT hatte am Mittwoch über von Vize-Bundeschef Tritschler gegründete Chatgruppe namens „Operation Filibuster“ berichtet, in der die Massenkandidaturen und damit einhergehenden Blockaden der Wahlversammlung geplant worden waren. „Jetzt mobilisieren für Freitag. Die Schattenarmee muss stehen, egal was passiert“, schrieb Tritschler darin etwa.

Auch mehrere Mitarbeiter des Bundesvorstandsmitglieds Maximilian Kneller waren Teil der Gruppe. Kneller hatte zudem auf X von einem „demokratischen Notwehrrecht“ gesprochen. In einem WELT vorliegenden Brief von etwa 200 Mitgliedern der NRW-AfD, der am Freitagmittag an den Bundesvorstand verschickt werden soll, heißt es nun: „Wir fordern den sofortigen Rücktritt von Sven Tritschler und Maximilian Kneller aus ihren Funktionen im Bundesvorstand sowie die unverzügliche Einleitung parteirechtlicher Ordnungsmaßnahmen gegen beide.“

Die Beweislage sei „dahingehend erdrückend, dass Herr Tritschler und Herr Kneller konspirativ dazu angestiftet haben, den Konflikt zu schüren, eskalieren zu lassen und den Parteitag und eine demokratische Listenaufstellung in freier Wahl durch die Delegierten unmöglich zu machen“, heißt es in dem Schreiben weiter. „Darüber hinaus fordern wir Frau Alice Weidel auf, sich öffentlich und unmissverständlich gegen die Sabotage der Listenaufstellung in Nordrhein-Westfalen auszusprechen. Ebenso erwarten wir eine klare und persönliche Distanzierung von Sven Tritschler und Maximilian Kneller.“

Tritschler hatte WELT am Mittwoch gesagt, er habe „seit Monaten auf eine Einigung“ hingearbeitet und sei „ebenso lange hingehalten“ worden. „Ich habe mich auch beim besten Willen nicht darum gerissen, die Verhandlungen in dieser verfahrenen Situation zu führen, gerne darf das auch ein anderer übernehmen.“

Nachdem die Forderung nach einem Abbruch der Listenwahl durch die Parteispitze am Donnerstagabend öffentlich wurde, hieß es in einer Helferich-nahen Telegram-Gruppe, „alle Patrioten“ seien „zum Wohle der Partei und als Zeichen des Vertrauens in den Bundesvorstand aufgerufen, morgen auf zahlreiche Kandidaturen zu verzichten“. Gleichzeitig ehre jeden Einzelnen die Bereitschaft, „trotz angedrohter oder zu erwartender Repressionen am größten demokratischen Befreiungsschlag in der Geschichte der AfD mitgewirkt zu haben“.

Politikredakteur Frederik Schindler berichtet für WELT über die AfD, Islamismus, Antisemitismus und Justiz-Themen. Zweiwöchentlich erscheint seine Kolumne „Gegenrede“. Seit Februar 2026 erscheint wöchentlich sein Podcast „Inside AfD“.

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