Der Regenbogen hat seine Unschuld verloren. Nach Jahren erbitterter Kulturkämpfe ist das ein trauriger Befund. Was einmal ein romantisches Wetterphänomen war, das entsteht, sobald Regentropfen das Sonnenlicht brechen und reflektieren, hat sich zu einem regelrechten „Triggerpunkt“ (Soziologe Steffen Mau) der Gesellschaft entwickelt.
Als Symbol für queeres Leben und geschlechtliche Vielfalt ruft der Regenbogen, insbesondere in Gestalt gehisster Flaggen, mittlerweile lautstarke Abwehr hervor – wie so oft, wenn es um Fragen der Identität von Minderheiten geht.
Einen „Kampf gegen den Regenbogen“ sieht auch Klaus Lederer in der Juli-Ausgabe der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ gekommen. Der ehemalige Berliner Kultursenator der Linkspartei – einer der wenigen seines Faches, der politisch anfechtbar sein mag, aber wenigstens etwas von Kultur versteht – widerspricht der Neigung, queere Emanzipation „als abgeschlossene Erfolgsstory“ zu erzählen.
Er beobachtet vielmehr einen gesellschaftlichen Backlash, der in vielen Ländern Europas, in den USA, in Russland, in Afrika, aber auch hierzulande queerfeindliche Ressentiments schüre. Lederer, der 2024 aus der Linkspartei ausgetreten ist, kritisiert allerdings auch Verfehlungen auf linker Seite. So propagierten manche linke Aktivisten selbst „autoritäre Weltdeutungen“ und frönten „einem selektiven Universalismus, der beispielsweise jüdische Queers aus der Solidarität exkludiert und zuallererst der identitären Selbstvergewisserung dient“.
Wie schädlich und selbstgerecht es ist, auf Ideologie mit Gegen-Ideologie zu reagieren, zeigt auch eine aktuelle Analyse des US-amerikanischen Juristen David Cole in der „New York Review of Books“. Zwar beklagt der Autor die auf linker Seite praktizierte „Cancel Culture“ im akademischen Kontext, betont aber auch, die Antwort auf kulturelle Intoleranz von Studenten und Fakultäten sollte nicht staatliche Intoleranz sein.
Cole erinnert an den „Stop WOKE Act“, der in Florida 2022 unter dem republikanischen Gouverneur Ron DeSantis erlassen wurde und ähnlich wie die von der Trump-Regierung verhängten Maßnahmen eine politische Säuberung der Universitäten bewirken sollte – wohlgemerkt mit der Begründung, der dortigen Politisierung entgegenzutreten.
Das aber steht der akademischen Freiheit mindestens genauso entgegen wie das Diktum der Hypersensibilisierung, das alles und jeden unter Diskriminierungsverdacht stellt. Die Freiheit, „woke“ und queer zu sein, muss eine Gesellschaft also genauso aushalten wie die Entgegnung auf konservativer Seite. Denn ob links oder rechts: Wer Intoleranz verbreitet und anfängt, zu canceln, läutet das Ende der liberalen Demokratie ein. Politikredakteurin Hannah Bethke ist bei WELT zuständig für die SPD und innenpolitische Debatten.
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