Die Terroristen haben das Hotel unter ihre Kontrolle gebracht. Männer in Tarnuniformen stürmen mit Maschinengewehren durch die Flure, Geiseln kauern hinter Türen. Mitten durch das Gebäude bewegen sich Teilnehmer eines Anti-Terror-Lehrgangs aus Ghana, Nigeria und anderen westafrikanischen Staaten. Sie arbeiten sich von Zimmer zu Zimmer vor und entschärfen Sprengsätze. Wenige Minuten später ist die Lage unter Kontrolle, die Geiseln sind befreit.

Das Szenario wirkt erstaunlich real, doch der Angriff findet nur als Übung auf dem Gelände der International Academy for the Fight Against Terrorism (AILCT) statt. Das Hotel wurde eigens als Kulisse errichtet, die Terroristen sind Statisten, teils Plastikfiguren. Hier, an einer Lagune knapp 40 Kilometer westlich der ivorischen Wirtschaftsmetropole Abidjan, trainieren Soldaten, Polizisten, Richter und Geheimdienstmitarbeiter aus ganz Westafrika für den Ernstfall.

Ein simuliertes Sahel-Dorf auf dem Gelände der Anti-Terror-Akademie

„Die Taktiken verändern sich“, sagt ein Sprengstoffexperte der ghanaischen Armee nach der Übung. Extremisten würden überfallene Häuser und Unterkünfte zunehmend mit Sprengfallen versehen. „Sie werden raffinierter.“ Deshalb müsse er verstehen, wie solche Fallen unter Zeitdruck beseitigt oder umgangen werden können. „Ich habe hier viel gelernt.“

Neben ihm steht ein Mitarbeiter der nigerianischen Drogenbekämpfungsbehörde. Für ihn sind andere Seminarinhalte spannender. Die Grenzen zwischen Terrorismus und organisierter Kriminalität würden zunehmend verschwimmen, sagt er. Terrorgruppen nutzten Drogen als Einnahmequelle, aber auch, um Kämpfer zu beeinflussen und Angst zu verbreiten. In Nigeria spreche man inzwischen von „Narco-Terrorismus“.

Vor wenigen Minuten waren beide noch durch die Flure des Hotels geeilt. Nun diskutieren sie über die Sicherheitslage in ihren Heimatländern – und darüber, wie sich verhindern lässt, dass die Gewalt in der Sahelzone weiter Richtung Atlantikküste vordringt. Mittlerweile entfällt mehr als die Hälfte aller weltweiten Terror-Toten auf die Region.

Anti-Terrorspezialisten aus Ghana und Nigeria

Erst am vergangenen Wochenende wurden in Mali bei einem Angriff von Dschihadisten und Tuareg-Separatisten auf einen Militärkonvoi mehr als 50 Soldaten getötet, im Westen des Niger starben Medienberichten zufolge 16 Soldaten der regierenden Militärjunta bei einem Terroranschlag. Auch in Europa sind die Sorgen groß, dass sich die Gewalt ausbreiten könnte.

„Die Auswirkungen der Dauerkrise in Zentralsahel haben längst auch die Küstenanrainerstaaten erreicht“, sagte Bundesaußenminister Johann Wadephul am Montag bei einer Reise nach Mauretanien, einem der letzten demokratisch regierten Länder in Westafrika. „Terrorismus, Gewalt und Instabilität drohen sich weiter auszuweiten.“

Die Elfenbeinküste, der Standort der Akademie, hat die Bedrohung bislang weitgehend auf ihre nördlichen Grenzregionen begrenzen können. Mit einer großen Ausnahme: Die AILCT wurde nach dem Anschlag im Jahr 2016 gegründet, bei dem Dschihadisten 19 Menschen an einem Strandresort töteten. Gemeinsam mit Frankreich brachte Präsident Alassane Ouattara die Idee auf den Weg – zu einem Zeitpunkt, als die ehemalige Kolonialmacht noch als wichtigste Sicherheitsmacht der Region galt.

Seitdem musste Frankreich seine Truppen aus den am meisten von Terroristen bedrohten Ländern Mali, Burkina Faso und Niger abziehen, die Militärjuntas wandten sich Russland zu. Selbst die Elfenbeinküste, einer der loyalsten Verbündeten von Paris, hatte zuletzt ein Militärabkommen mit Frankreich beendet, wenn auch deutlich gesichtswahrender für Paris.

Die Beziehungen gelten hier noch als einigermaßen intakt. Besuchern der Akademie wird eingangs ein Video von der Eröffnung gezeigt. Es beginnt mit einer Ansprache von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, erst dann folgen Worte des ivorischen Präsidenten Alassane Ouattara.

Ein Ausbilder der französischen Eliteeinheit GIGN verfolgt am Rand des Übungsgeländes die Geiselbefreiung. Seine Einheit wurde nach dem Terroranschlag auf die Olympischen Spiele in München 1972 gegründet, als klar war, dass man für derartige Bedrohungen nicht vorbereitet war. So wie heute viele Armeen Westafrikas erkennen, dass sie für den Kampf gegen Terrororganisationen wie die al-Qaida-nahe JNIM schlecht vorbereitet sind.

„Normale Kampfmittelräumer brauchen Schutz, schweres Gerät und Zeit“, sagt der Franzose. Im Ernstfall gebe es all das oft nicht. Die Spezialisten müssten Sprengfallen unmittelbar vor einer angreifenden Einheit erkennen und entschärfen – manchmal sogar unter Beschuss. „Unsere Aufgabe ist es, der Angriffseinheit den Weg freizumachen.“ Teilnehmer müssten lernen, ihre „ausgezeichneten Qualifikationen“ unter völlig anderen Bedingungen einzusetzen.

Westliche Staaten finanzieren die Akademie

Wenige Meter weiter erklärt David Otto, der stellvertretende Ausbildungsdirektor der Akademie, die Philosophie der Einrichtung. „Wir wollen den gesamten Sicherheitsapparat ansprechen“, sagt der Anti-Terror-Experte. Neben Sicherheitskräften nehmen auch Richter, Staatsanwälte, Wissenschaftler und religiöse Autoritäten an den Lehrgängen teil. Terrorismus lasse sich nicht allein militärisch bekämpfen. Deshalb sitzen in den Seminaren Offiziere neben Richtern, Geheimdienstmitarbeiter neben Imamen.

Über internationale Delegationen, wie von Interpol, kämen auch Akteure aus den in der Region völlig isolierten Ländern Mali, Burkina Faso und Niger zum AILCT. „Im Idealfall kennen sich Sicherheitskräfte auf beiden Seiten der Grenzen, haben die Handynummern“, sagt Otto über diese informellen Gesprächskanäle. „Das kann in der Praxis sehr helfen.“

Bislang finanzieren in erster Linie westliche Staaten die Akademie, darunter Frankreich, Deutschland, die USA, Großbritannien, Italien und Spanien. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate gehören zu den Geldgebern. Afrikanische Staaten sind hingegen als AILCT-Mitgliedstaaten bislang nicht vertreten, mit Ausnahme der Elfenbeinküste, des westafrikanischen Staatenbundes Ecowas und der Afrikanischen Union.

Das soll sich noch in diesem Jahr ändern, sagt Otto. „Die Gespräche mit Ägypten, Nigeria, Ghana und dem Kongo laufen“, sagt er. Die Finanzierungsbeträge für die Mitglieder – bislang beträgt die Jahresgebühr jeweils knapp 500.000 Dollar jährlich – werden künftig flexibler gestaltet.

Ein US-Soldat steigt in ein altes Flugzeug, in dem Spezialeinheiten Entführungsszenarien trainieren

Bakary Sambe, Direktor des westafrikanischen Thinktanks Timbuktu Institute, teilt den aktuellen Eindruck einer westlich dominierten Einrichtung nicht. Viele Initiativen seien auf Wunsch afrikanischer Regierungen und der Afrikanischen Union entstanden, der Direktor sei Ivorer. „Früher wurde Terrorismus vor allem anhand westlicher Paradigmen analysiert“, sagt er. Die AILCT ermögliche es nun, lokales Fachwissen aufzubauen und den Konflikt aus westafrikanischer Perspektive zu betrachten.

Die AILCT fördere Zusammenarbeit westafrikanischer Akteure, die über das Militärische hinausgehe. Auch Verwaltungsbeamte, Vertreter der Zivilgesellschaft und Wissenschaftler würden einbezogen. Dieser umfassende Ansatz sei der größte Unterschied zu anderen westafrikanischen Terroreinrichtungen wie dem Kofi-Annan-Ausbildungszentrum für Friedenssicherung in Ghana. „Die Akademie muss ihren Austausch mit der Zivilgesellschaft weiter ausbauen“, sagt Sambe.

So sieht es auch Tobias Rüttershoff, Sahel-Experte der Konrad-Adenauer-Stiftung. „Die starke Unterstützung durch Frankreich, die USA und weitere westliche Partner ist bekannt, wird aber nicht automatisch als problematisch oder als Ausdruck einer einseitigen politischen Einflussnahme betrachtet“, sagt er. In den Küstenländern der Region gebe es „noch eine positive Einstellung gegenüber dem Westen“. Die Akademie leiste einen „wichtigen und inzwischen durchaus spürbaren Beitrag“ zur Ausbildung, Vernetzung und Zusammenarbeit westafrikanischer Staaten.

Der Mann, der die Besucher der Führung in einem Armeefahrzeug mit enormem Tempo über das Übungsareal fährt, ist allerdings ein US-Elitesoldat. Die USA haben gerade einen Parcours für Fahrübungen in Gefahrensituationen finanziert. Auf dem Weg zum Ausgang fällt der Blick noch einmal auf die Flaggen aus Europa und Nordamerika vor dem Hauptgebäude. Die der Elfenbeinküste weht direkt neben der französischen. Es wirkt fast nostalgisch.

Christian Putsch ist Afrika-Korrespondent. Er hat im Auftrag von WELT seit dem Jahr 2009 aus über 30 Ländern dieses geopolitisch zunehmend bedeutenden Kontinents berichtet.

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