Schleuser bringen Migranten nach Recherchen des britischen „Telegraph“ in wachsender Zahl in umgekehrter Richtung über den Ärmelkanal: aus Großbritannien nach Frankreich und weiter nach Spanien.

Bis zu 1000 Pfund (rund 1170 Euro) verlangen sie demnach für die Überfahrt. Die Migranten werden auf den Ladeflächen von Lastwagen versteckt, die dann per Fähre oder Zug übersetzen. Geworben wird in sozialen Netzwerken mit dem spanischen Programm zur Legalisierung von Migranten ohne Aufenthaltstitel. Der „Telegraph“ gehört wie WELT zu Axel Springer.

Für weitere 500 Pfund (rund 580 Euro) bieten die Netzwerke dem Bericht zufolge einen „Taxi-Service“ an, der die Migranten durch Frankreich bis über die spanische Grenze bringt. Zu den Kunden zählen vor allem Menschen, denen in Großbritannien die Abschiebung droht, weil sie ihr Visum überzogen oder illegal gearbeitet haben.

Beworben wird der Dienst in sozialen Netzwerken: Videos sollen Migranten zeigen, die auf der Ladefläche von Lastwagen über die Grenzen gebracht werden oder nach der Ankunft in Frankreich in ländlicher Umgebung aus Fahrzeugen springen. Manche Anzeigen sind wie Urlaubswerbung gestaltet: Man sieht eine glückliche Kleinfamilie mit Rucksäcken und bunten Koffern vor dem Eiffelturm, dem Kolosseum oder dem Brandenburger Tor.

Andere Anzeigen richten sich gezielt an Menschen, deren britisches Studentenvisum abgelaufen ist. Hier geht es vor allem um Migranten aus Pakistan und Indien, die sich durch ihre Flucht aus Großbritannien dem verschärften Vorgehen dort gegen Visamissbrauch und illegale Beschäftigung entziehen wollen.

Peter Walsh, leitender Forscher am Migration Observatory der Universität Oxford, nannte gegenüber dem „Telegraph“ als Motiv der Ausreisenden vor allem die Flucht vor der Einwanderungskontrolle. „Einer der Vorteile wäre, der Durchsetzung des Einwanderungsrechts zu entkommen“, sagte er. Das Innenministerium habe seinen Kontrollapparat ausgebaut, und Migranten glaubten womöglich, sich nach Erreichen des Schengenraums frei bewegen zu können. „Sie denken vielleicht, dass es leichter ist, in Europa als Einwohner zu überleben als im Vereinigten Königreich.“

Walsh verwies zugleich auf ein Gefälle bei den Kontrollen: Wer mit kleinen Booten in Dover ankomme, werde dort geprüft, in Nordfrankreich sicherten intensive Maßnahmen den Weg nach Großbritannien. „Sie haben die gesamte Infrastruktur in und um die Frachtterminals in Calais, darunter CO₂-Sonden, Monitore und Hunde. Bei den vorgelagerten Grenzkontrollen haben Sie das nicht.“

Ein Sprecher des britischen Innenministeriums erklärte demnach, man arbeite eng mit Frankreich zusammen, um illegale Migrationsversuche auch weiterhin zu verhindern. Im vergangenen Jahr deckte die britische National Crime Agency einen Ring auf, der Migranten aus Nordafrika mit Touristenvisa nach Großbritannien holte und sie anschließend für bis zu 1200 Pfund (rund 1400 Euro) auf Lastwagen von Dover nach Frankreich schleuste.

Spanien hatte zuletzt ein Regularisierungsprogramm gestartet, mit dem illegal im Land lebende Ausländer eine Legalisierung ihres Aufenthaltes beantragen konnten. Kritik kam unter anderem aus Österreich: Integrations- und Europaministerin Claudia Bauer sprach gegenüber „Politico“ davon, dass mit dem „Alleingang“ im Juni junge illegale Migranten „Aufenthaltstitel geschenkt bekommen“.

Auch Italiens Außenminister Antonio Tajani kritisierte Spanien wegen der geplanten Legalisierung von 500.000 bislang irregulär im Land lebenden Ausländern. Madrid habe diese Entscheidung nicht mit den europäischen Partnern abgestimmt, sagte Tajani dem „Corriere della Sera„. Inzwischen sei sogar von einer Million Anträgen die Rede. Tajani warnte, die Betroffenen könnten sich nach einer Legalisierung frei im Schengen-Raum bewegen. „Wer hindert diese Menschen daran?“, fragte der Minister.

Ende Juli erreichten nach Polizeiangaben rund 60.000 Migranten die spanische Exklave Ceuta, indem sie die Grenzanlagen von Marokko aus umschwammen, Dutzende Menschen kamen dabei ums Leben. Italien führte daraufhin Kontrollen an Luft- und Seegrenzen für Reisende aus Spanien ein, mehrere EU-Staaten unterstützen die Forderung nach einer vorübergehenden Aussetzung der spanischen Schengen-Teilnahme.

Madrid weist einen Zusammenhang mit dem Regularisierungsprogramm zurück: Auslöser sei die Auslegung eines Urteils des Obersten Gerichtshofs von Anfang Juli, das sofortige Zurückweisungen auf See untersagt und von Schleuserbanden instrumentalisiert werde.

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