Die Grünen-Forderung nach Klimaanlagen als eine Antwort auf die Extremhitze in Deutschland hat Teile des Öko-Milieus irritiert. Für viele dort gilt Verzicht als oberstes Gebot im Kampf gegen Klimawandel, Artensterben und Naturzerstörung. Auch Grüne fokussierten in ihrer Geschichte meist lieber auf Anklagen gegen Kapitalismus und andere angeblich Schuldige an der Umweltzerstörung als auf technikgestützten Bewältigungsoptimismus, wie ihn Parteichefin Franziska Brantner jüngst auf einer „Innovationstour“ intonierte.
Dieses Umdenken bei Spitzen-Grünen stößt auf Kritik: „Statt Emissionen zu senken, reden wir lieber über Klimaanlagen“, klagte jüngst der im Grünen-Milieu einflussreiche Klimaforscher Stefan Rahmstorf in einem „Zeit“-Interview über die Waldbrände in Südeuropa.
Die Brände und Rahmstorf aufgreifend klagte kurz darauf wiederum die für Klimaschutzthemen zuständige „Zeit“-Journalistin Petra Pinzler: „Nicht mal die Grünen schaffen es, Worte dafür zu finden, dass jetzt genau das eintritt, wovor sie immer gewarnt haben.“ „Brände, Hitze und vor allem unsere Ignoranz machen mich fassungslos“ lautete der Titel ihres Kommentars, in dem sie von „radikalem Wandel“ und „Schluss mit den SUVs, dem Fliegen, den Pools im Garten“ träumt.
Der anklingende Vorwurf: Nicht mal die Grünen sind noch grün genug. Oder mindestens: zu wenig im Alarmmodus. Co-Parteichef Felix Banaszak nahm das zum Anlass, den grünen Strategiewechsel in Klimafragen grundsätzlich zu erklären.
„Scham schützt das Klima nicht“, so hat Banaszak einen mehrseitigen Blogbeitrag dazu überschrieben. Darin skizziert er grüne Klimapolitik für eine Zeit, in der Partei und Milieu Jahre nach den Schüler-Protesten für Klimaschutz die Deutungshoheit über das Thema verloren hätten. „Der Green Deal der Europäischen Union“, schreibt er, war „das direkte Resultat der Europawahlen 2019, die als Klimawahlen wahrgenommen wurden und in Deutschland die Grünen erstmals bei einer bundesweiten Wahl zur zweitstärksten Kraft machten“. Dass es damit vorbei ist, sieht Banaszak auch als Fehler des eigenen Lagers.
Zunächst zwar gibt der Grünen-Chef den Öko-Kritikern in Teilen recht: „Unser Planet brennt“, so Banaszak in der Sprache von „Fridays for Future“ und Co., doch „nichts“ geschehe. „Kein öffentliches Gedenken. Keine Kundgebung, kein Protest, kein Maßnahmenpaket, nichts.“
Klimaanlagen? „Notwendig“
Doch dann schreibt er zum Klimaanlagen-Vorwurf: „Klimaanpassung ist notwendig. Klimaanlagen sind eine Form der Klimaanpassung.“ Die Erderhitzung sei schon so weit vorangeschritten, dass es keine Option mehr sei, zwischen Klimaschutz und Klimaanpassung zu priorisieren. „Wie will man erklären, dass amerikanische Autos in der Tiefgarage besser vor der Hitze geschützt sind als deutsche Rentner im Pflegeheim?“, fragt der Grünen-Chef, der kürzlich erstmals in den USA war und sich zugespitzt auf die dort allgegenwärtige Raumklimatisierung beruft.
Dann umreißt er die grüne Strategieumkehr. „Auch wir sind, auch ich persönlich bin auf der Suche nach einer ökologischen Sprache, die der objektiven Dramatik gerecht wird, die die Krise angemessen beschreibt – und darüber nicht an Wirksamkeit und Anschlussfähigkeit verliert.“
Das geschehe nicht aus Anbiederung, sondern als Konsequenz aus dem Hegemonieverlust ökologischer Politik. Seine Analyse lautet: Klimaschutzpolitik habe es zuletzt schwer gehabt, weil deren Vertreter unter dem Verdacht gestanden hätten, „unnachgiebig, störrisch, trotzig, alarmistisch oder hysterisch zu sein, irgendwie neben der Spur oder zumindest neben dem politisch gerade relevant diskutierten Thema“.
Banaszak deutet an: An diesen Negativzuschreibungen könnten die Öko-Bewegten nicht ganz unschuldig sein. Ganze Generationen und Berufsgruppen, schreibt er, seien auf die „Anklagebank“ gesetzt und Fronten verhärtet worden von besserwissenden Klimaaktivisten – so jedenfalls lesen sich Teile seines Texts. Er erinnert etwa an eine in der Öffentlichkeit durchgefallene Satire-Aktion des WDR aus dem Jahr 2019, die Kinder singen ließ: „Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau“. „Das ist nicht das einzige Beispiel für eine moralisch-ästhetische Abwertung ökologisch schädlichen Verhaltens“, so Banaszak.
„Ehrbare“ Berufe habe man abgewertet
Vor allem aber stört sich Banaszak an der Abwertung derer, die ihre Lebensleistung in einer von fossilen Rohstoffen abhängigen Wirtschaft erbracht haben und erbringen. Der Gedanke ist nicht ganz neu, Banaszak hatte ihn bereits auf dem Grünen-Parteitag im November vorgetragen. Diesen Faden greift er nun wieder auf, wenn er schreibt: Die Deutungshoheit der ökologischen Bewegung habe dazu geführt, dass „ganze Biografien – Berufe, Lebensentwürfe, die über Generationen als solide, ehrbar, normal gegolten hatten“ – infrage gestellt wurden.
„Wer sein Leben lang im Bergbau oder in der Automobilindustrie gearbeitet hatte, hörte plötzlich, dass genau diese Arbeit das Problem sei“, schreibt der Duisburger Banaszak, der dort in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen ist. Betrieben hat das in seiner Beschreibung eine diesem Milieu fremde Akademikerklasse. Überwiegend „junge, überwiegend gut gebildete, urbane, professionelle, laute, kreative, ungeduldige Menschen, die ihr Leben noch vor sich hatten und darum rangen, es frei und selbstbestimmt leben zu können, klagten an – zu Recht.“ Auf der „Anklagebank“ aber „saßen ihre Väter und Großmütter, die einen großen Teil ihres Lebens bereits hinter sich hatten, es nicht mehr ändern konnten.“ Natürlich gehe es an einem „Menschen nicht spurlos vorbei, wenn die eigene Lebensleistung so grundsätzlich infrage gestellt zu werden scheint.“
Kurz gesagt: In der Vergangenheit sei zu oft und viel beschämt worden – das habe Türen verschlossen. „Menschen wollen im Einklang mit ihren Werten leben, aber sie passen nicht automatisch ihre Lebensweise an ihre Werte an, sondern im Zweifel ihre Werte an ihre Lebensweise. Wer Menschen für sich und seine Überzeugungen gewinnen will, darf nicht beschämen“, sondern müsse „ermutigen, befähigen, aktivieren“.
So stimme es also vielleicht, dass es „nicht mal die Grünen“ schafften, „die richtigen Worte zu finden“ angesichts der Drastik der Erderwärmung, schreibt Banaszak. Die Beschreibung ihrer „Dramatik“ und Geschichten von „Hitzetoten“ seien zwar nötig. Aber Worte seien nicht das Ziel: „Am Ende zählt nicht, wer die dramatischeren Sätze findet, sondern wer die Menschen mitnimmt, die mitmachen wollen, wenn man sie nur lässt.“ Banaszak fordert daher, wie zuletzt häufiger, eine „Mitmach-Ökologie“, die gemeinsame positive Erlebnisse ermöglicht. Dazu gehört aus Sicht des Grünen, Bürgern Balkonkraftwerke unkompliziert zu ermöglichen oder Kommunen mehr an der Wertschöpfung durch Erneuerbare zu beteiligen.
Und wenn das nicht reicht? Als praktisches Positivbeispiel hebt Banaszak hervor, wie der Münchner Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) angesichts des dort zuletzt erhöhten Wasserverbrauchs gehandelt habe.
Bis Samstag war in München daher etwa das Befüllen privater Pools untersagt. „Die Dramatik anzuerkennen, kann auch bedeuten, vergleichsweise drastische Maßnahmen zu ergreifen“, so Banaszak. Natürlich sei sofort die Rede „von grüner Verbotskultur“ gewesen. Aber Krause habe „die Maßnahmen gut begründet und erklärt und sich per Video direkt an die Münchnerinnen und Münchner gewandt, eindringlich, aber empathisch“. Die Bürger hätten gespart, das Verbot habe aufgehoben werden können.
Dass auch hohe Bußgelder bei Zuwiderhandlung drohten, erwähnt Banaszak nicht. Seine „Mitmach-Ökologie“ stellt er allerdings auf eine andere Basis: Sie soll so attraktiv sein, dass Bürger sich gerne beteiligen. München zeige: Man könne Menschen „die Wahrheit über die ökologische Lage zumuten, und man kann ihnen auch zumuten, sich mit dem eigenen Handeln auseinanderzusetzen. Man sollte es aber nicht als moralische Anklage formulieren, sondern als Appell an gemeinschaftliche Wirksamkeit.“
Sein Leitstern dabei ist die britische Politologin Sarah Stein Lubrano und deren Buch „Don’t talk about politics“ („Sprich nicht über Politik“). Stein Lubranos These sei „so simpel wie folgenschwer“, schreibt er: „Nicht endlose politische Debatten, Fernsehduelle, Kommentarspaltendiskussionen und verhärtete Fronten am Stammtisch verändern Einstellungen – persönliche Begegnungen“ und „Erfahrungen von Selbstwirksamkeit tun es.“
Statt „den Onkel am Weihnachtstisch mit Statistiken, Grafiken und schauerlichen Berichten von grüner Politik überzeugen zu wollen, kann es mehr bringen, mit ihm gemeinsam die eigene Balkonsolaranlage zu planen und anzubringen“, empfiehlt Banaszak daher.
Solche Gedankengänge dürften ein Grund sein, warum der Grünen-Co-Chef zuletzt Zeit auf Campingplätzen verbrachte – und warum er nun, wie „t-online“ berichtete, in den Ost-Wahlkämpfen mit einem Taxi potenzielle Wähler durch die Gegend fahren will. Mancher Grüner könnte dabei Diskussionsbedarf zu Klimaanlagen anmelden.
Jan Alexander Casper berichtet für WELT über die Grünen und gesellschaftspolitische Themen.
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