Bis vor Kurzem war Balázs Orbán einer der mächtigsten Männer Ungarns. Er zählte zum Kern der Regierung und half beim Aufbau der Allianz mit der Maga-Bewegung in den USA. Das Institut, dem der 40-jährige Jurist vorstand, zog Heerscharen prominenter amerikanischer Rechter an, von Tucker Carlson bis J.D. Vance.

An diesem Julimorgen kommt er allein. Es ist acht Uhr morgens in Budapest und schon drückend heiß. Balázs Orbán hat vorgeschlagen, sich am Haus der Ungarischen Musik zu treffen, einem markanten zeitgenössischen Bau nahe dem Heldenplatz. Es ist menschenleer und still. Die Stimmung passt zur Lage von Balázs Orbán: Seine Macht ist weg, und die Institution, die er einst leitete, kämpft ums Überleben.

Ungarns früherer Ministerpräsident Viktor Orbán — mit Balázs Orbán nicht verwandt – wurde bei den Wahlen im April nach 16 Jahren an der Macht abgestraft. Péter Magyars Tisza-Partei gewann 141 der 199 Sitze im Parlament und erreichte damit die Zwei-Drittel-Mehrheit, die für Verfassungsänderungen nötig ist.

Balázs Orbán spricht zu Unterstützern der Fidesz-Partei

Seither wächst der Druck nicht nur auf Fidesz, sondern auch auf das Geflecht aus Denkfabriken und Konferenzen, das Budapest unter Orbán zum politischen Zentrum der globalen Rechten in Europa gemacht hat. Die wohl einflussreichste Einrichtung war das Mathias Corvinus Collegium, kurz MCC, und Balázs Orbán war ihr Vorsitzender. Und nun?

„Ungarn bleibt für Konservative überall wichtig, weil wir eine Sprache und eine Art des Regierens entwickelt haben, die eine Alternative zum supranationalen und hyperliberalen Mainstream bietet“, sagt er. Während seine Partei noch mit der Oppositionsrolle ringt, bereitet Balázs Orbán seinen Wechsel ins Europäische Parlament vor: „Unser Kampf geht weiter. Es geht nicht mehr nur um Ungarn, sondern um Europa.“

Offen ist, wie viel Hilfe Leute wie er sich künftig noch aus Washington erhoffen können. Das Fidesz-Maga-Netzwerk entstand, als Donald Trump nach seiner ersten Amtszeit nicht mehr Präsident war. Ungarn bot ihm und seinen Anhängern damals ein Vorbild und einen Stützpunkt im Ausland. Viktor Orbáns Niederlage wird nun zeigen, wie belastbar das Bündnis wirklich ist.

Donald Trump empfing den damaligen ungarischen Regierungschef erstmals 2019 im Weißen Haus. Zwei Jahre später – inzwischen war Joe Biden Präsident – verlegte Tucker Carlson, damals Star von Fox News und bis heute eine der einflussreichsten rechten Stimmen in den USA, seine Sendung für eine Woche nach Budapest.

Am ersten Abend erklärte er seinem Publikum, warum: „Wenn Ihnen die westliche Zivilisation, die Demokratie und Familien am Herzen liegen, und wenn Ihnen der heftige Angriff Sorge bereitet, den die Führer unserer globalen Institutionen auf alle drei führen, dann sollten Sie wissen, was hier gerade geschieht.“

Mit der Zeit gaben sich immer mehr führende Köpfe aus dem Trump-nahen Milieu in Ungarn die Klinke in die Hand: von Patrick Deneen, Vordenker des Postliberalismus an der University of Notre Dame, bis zu Ben Shapiro, Mitgründer des Medienunternehmens Daily Wire. 2022 kam auch die Conservative Political Action Conference, kurz CPAC, erstmals nach Budapest. Deren Treffen zählen zu den wichtigsten Foren für republikanische Politiker, Aktivisten und Geldgeber.

US-Präsident Donald Trump im Januar 2026 mit dem ungarischen Premierministers Viktor Orbán

Ungarn hat knapp zehn Millionen Einwohner. Wirtschaftlich und militärisch ist das Land nur ein kleiner Verbündeter der Vereinigten Staaten. Für die MAGA-Bewegung nahm es dennoch einen zentralen Platz ein. Orbán schien für seine Anhänger auf beiden Seiten des Atlantiks der lebende Beweis dafür zu sein, dass Konservative mehr tun können, als Modernisierungserscheinungen nur zu bremsen. Sondern dafür, wie man ein Land nach seinen Vorstellungen umformen kann, zumindest für eine Weile.

Der konservative amerikanische Autor Rod Dreher, 59, war früher Direktor eines Projekts des Budapester Danube Institute, das amerikanische und europäische Rechte miteinander vernetzen sollte. Bis zum Frühjahr lebte er in Ungarn, nach Orbáns Abwahl zog er zurück in den amerikanischen Süden. Orbán sei ein „Staatsmann mit einer wahrhaft zivilisatorischen Vision“, schreibt Dreher in einer E-Mail. Aber er habe „viel zu viel Korruption und Missmanagement“ geduldet, und das habe zu seinem Sturz beigetragen – „trotz all der guten Dinge, die er und seine Partei erreicht haben“.

Was bleibt vom transatlantischen Netzwerk? „Orbán war der Schlussstein in der Brücke, die trumpistische amerikanische Konservative mit europäischen Nationalisten sowie souveränistischen Parteien und Anführern verband“, schreibt Dreher. „Niemand hat mehr getan als Orbáns Regierung, um diese Verbindung real werden zu lassen.“ Für die Zukunft hält er Orbáns Machtverlust allerdings nicht für das eigentliche Problem. Bedrohlicher sei, was in Washington geschehe: „Trump, mit seiner Ignoranz und Arroganz, ist wahrscheinlich ein Dealbreaker.“

Seit der Rückkehr ins Amt hat der Präsident die Verbündeten der USA wieder und wieder verprellt. Selbst Europas konservative und rechte Kräfte gehen inzwischen auf Distanz: Giorgia Meloni, Italiens Ministerpräsidentin, hat sich sichtbar von Trump entfernt; Jordan Bardella, Vorsitzender des Rassemblement National in Frankreich, pocht auf strategische Unabhängigkeit. Und auch in der AfD ist die Begeisterung über Maga abgekühlt. Orbán war in diesem Sinne weniger Vorreiter als Ausnahme.

Maga-Vertreter taten, was sie konnten, um Orbán an der Macht zu halten. Außenminister Marco Rubio besuchte Budapest Mitte Februar und pries die Beziehungen beider Länder in den höchsten Tönen. Vizepräsident J.D. Vance folgte fünf Tage vor der Wahl. Doch die Rückendeckung aus Washington konnte die fehlenden Wählerstimmen in der Heimat nicht ersetzen.

Fidesz hofft auf J.D. Vance

Péter Magyars neue Regierung hatte keine Zeit für ein Gespräch über die Zukunft des Bündnisses zwischen Maga und Ungarn; eine Interviewanfrage wurde abgelehnt. Auch aus Washington gab es keine Antwort auf die Frage, ob Orbán und Fidesz weiterhin bevorzugte Partner seien. Das US-Außenministerium teilte lediglich mit, dass man mit Ungarns neuer Regierung zusammenarbeite, „um regionale und globale Sicherheit, wirtschaftlichen Wohlstand, souveräne Rechte und unsere gemeinsamen zivilisatorischen Werte voranzubringen“.

Fidesz-Politiker sind deutlich offener. János Bóka, ein 47-jähriger Jurist, früherer Minister für EU-Angelegenheiten unter Orbán und inzwischen Vorsitzender der Fidesz-Fraktion, sieht das Bündnis mit der amerikanischen Rechten keineswegs am Ende. Maga sei nicht mit Trump gleichzusetzen, sagt er bei einem Gespräch in einem Nebengebäude des Parlaments. Die Bewegung stehe für eine grundsätzliche Verschiebung in der amerikanischen Politik: den Rückzug der USA aus der nach dem Kalten Krieg entstandenen internationalen Ordnung.

Wen er als Nächstes gern im Weißen Haus sähe? Bóka antwortet ohne Zögern: J.D. Vance. Dessen Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2025 – eine brachiale Abrechnung mit Europas politischem Establishment hätte für ihn „das Manifest von Patriots for Europe“ sein können. So heißt die Fraktion im Europäischen Parlament, der Fidesz angehört.

Jahrelang hatten Orbáns Kritiker Ungarn als Staat beschrieben, der von einer vollwertigen Demokratie weit entfernt sei. Das Europäische Parlament nannte das Land ein „hybrides Regime der Wahlautokratie“. Und doch: Als Fidesz verlor, wechselte die Macht den Besitzer. Was immer Ungarn unter Orbáns System geworden war, der demokratische Kern war noch intakt: Es konnte verlieren.

Unterdessen nimmt Magyars Regierung die Leute ins Visier, die sie der Orbán-Ära zurechnet, angefangen mit dem inzwischen abgelösten Präsidenten Tamás Sulyok. Unterstützer sprechen von einer demokratischen Erneuerung, Fidesz-Leute von einer Säuberung. Aber auch unabhängige Menschenrechtsgruppen warnen: Der radikale Umbau könnte die Rechtsstaatlichkeit des Landes untergraben.

Bence Bauer, der 46-jährige Leiter des Deutsch-Ungarischen Instituts am MCC, ist ein Schnellredner, geübt darin, Ausländern Orbáns Ungarn zu erklären. Das Gespräch findet Anfang Juli in der Cafeteria des Collegiums statt, einem schmucklosen Kasten, der wie ein Fremdkörper zwischen den historischen Prachtbauten der Stadt steht. Studenten sitzen mit Laptops und Büchern an den Tischen. An diesem Tag deutet noch nichts darauf hin, dass hier bald die Lichter ausgehen könnten.

Talentschmiede und Denkfabrik der ungarischen Rechten

Das MCC entstand 1996 als private Talentförderung, gegründet von einer vermögenden konservativen Familie und benannt nach Matthias Corvinus, dem Renaissance-König, unter dem Ungarn eine mitteleuropäische Großmacht wurde. Unter Viktor Orbán stieg das Collegium zur wichtigsten Talentschmiede und Denkfabrik der ungarischen Rechten auf.

Den Aufstieg ermöglichte vor allem das sogenannte Kekva-System: Stiftungen, die öffentliche Aufgaben übernehmen und staatliches Vermögen verwalten. 2020 erhielt die Stiftung hinter dem MCC Aktienpakete im Wert von damals mehr als einer Milliarde Euro. Die Dividenden wurden zur tragenden Säule der Finanzierung. Nach eigenen Angaben erreichten die Programme zuletzt rund 8000 Studenten und Teilnehmer. Unterstützer sahen in dem System eine Garantie für Unabhängigkeit, Kritiker den Versuch, öffentliches Vermögen in Fidesz-nahe Strukturen zu verschieben.

Bauer gibt eine „leichte Herausforderung“ zu: Dass Balázs Orbán MCC-Vorsitzender und zugleich politischer Direktor Viktor Orbáns und später dessen Wahlkampfleiter war, habe Kritikern eine gewisse Angriffsfläche geboten. Dabei seien „99 Prozent der Aktivitäten“ unpolitisch, sagt er.

Die neue Regierung hat bereits begonnen, nichtuniversitäre Kekva-Stiftungen abzuwickeln. Auch die Stiftung hinter dem MCC soll dieser Tage aufgelöst werden und ihre Vermögenswerte an den Staat zurückfallen. Das Collegium müsste dadurch nicht verschwinden. Doch ohne die bisherige Finanzierung würden seine Möglichkeiten drastisch schrumpfen. Gleiches gilt für den Brüsseler MCC-Ableger, zuletzt einer der aktivsten konservativen Thinktanks im politischen Umfeld der EU.

„Wir werden uns wehren“, kündigt der frühere Leiter Balázs Orbán an: „mit allen rechtlichen und politischen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen.“ Auch er hofft, dass US-Vizepräsident J.D. Vance als Nächstes ins Weiße Haus einzieht. Das wäre gut für Europa und für die Vereinigten Staaten, sagt er.

Eine internationale Rechte ist eigentlich ein Widerspruch. Nationalisten denken in Grenzen und Souveränität. Sie haben gemeinsame Feindbilder, aber in strategischen Fragen liegen sie oft weit auseinander – aktuell etwa mit Blick auf Russland und die Ukraine, Israel oder den internationalen Handel.

Das Maga-Ungarn-Bündnis hat funktioniert, weil beide Seiten voneinander profitieren konnten. Trump wertete Orbán auf, und der bot im Gegenzug ein staatliches Modell und eine staatlich gestützte Infrastruktur. Und er hielt auch dann zu Trump, als der nicht mehr im Amt und politisch verwundbar war.

Matt Schlapp – Vorsitzender der American Conservative Union und der CPAC Foundation und einer der wichtigsten Strippenzieher der amerikanischen Rechten – glaubt, dass das Bündnis Bestand haben werde. „Wir haben echte Freundschaften innerhalb der Orbán-Regierung entwickelt“, sagt er am Telefon. „Gewinnen und Verlieren ändert nichts an unseren Freundschaften.“ CPAC, fügte er hinzu, sei es nie nur darum gegangen, sich mit Macht zu umgeben. Es gehe um Ideen.

Am Ende des Gesprächs vor dem Haus der Ungarischen Musik klingt auch Balázs Orbán nicht so, als sei er bereit, die Niederlage einzugestehen. Wenn Institutionen wie das MCC in irgendeiner Form gerettet werden könnten, sagt er, werde die Arbeit unter den alten Namen weitergehen. Dann blickt er auf seine Uhr; er muss los. „Wenn nicht, werden wir neue Dinge tun.“

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